Eine brandheisse Sache

Ein Buch über die Flughafenfeuerwehr? Wer glaubt, das sei etwa so aufregend wie die Betriebsanleitung für einen Toaster, liegt weit daneben: Die Bildergeschichten sind fast so spannend wie ein Thriller.

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Als eines Tages das Telefon klingelte und ein nett klingender Herr Brügger sagte, er habe eben ein Buch über die Feuerwehr des Flughafens Kloten verfasst, ob der Tagi allenfalls Interesse habe, darüber zu berichten, sagte der Tagi-Vertreter mehr aus Höflichkeit denn aus Interesse, er werde sich die Sache mal anschauen, man solle ihm doch ein Exemplar zukommen lassen. Kaum hatte er aufgelegt, dachte er halblaut: «Flughafenfeuerwehr? Dio Millionen Und übermorgen ruft jemand an und möchte sein Elaborat über Baustellen in der Innenstadt besprochen haben? Früher war dieser Job mal fesselnd wie ‹Apocalypse Now›, jetzt kommts mir vor wie ein lauer Heimatfilm.»

Nicht nur für Plane-Spotter

Dann kam der Tag, an dem das Buch kam. Es wurde von einer Verlagsvertreterin eigens auf der Redaktion vorbeigebracht, der Tagi-Vertreter fand, das sei eine freundliche Geste, und auch deshalb sah er sich berufsethisch dazu verpflichtet, dem Werk mit dem simplen Namen «Flughafenfeuerwehr Zürich» mit Respekt und Aufmerksamkeit zu begegnen. Und er sollte es nicht bereuen – das Thema, das er bereits als Bruchlandung abgebucht hatte (um es in einem passenden Bild zu wiederzugeben), entpuppte sich als lehrreicher Höhenflug mitten durch eine grosse Wissenslücke.

Doch alles schön der Reihe nach. Und diese Reihe begann richtigerweise beim Inhaltsverzeichnis, das sogleich klarmachte: Dieses Buch ist keine auf Plane-Spotter und flughafenverliebte Pensionäre ausgerichtete Technikfibel, das ist eine Fundgrube voller Geschichte und Geschichten! Und ein Bilderkatalog, der jedem Nostalgiker das Freudenwasser in die Augen treibt. Und da es glücklicherweise chronologisch aufgebaut ist, kann man einfach irgendwo ein- und wieder auftauchen, ohne je den Faden zu verlieren.

Der Gärtner und die feine Dame

Auch wenn vorhin geschrieben wurde, «Flughafenfeuerwehr Zürich» sei kein Kompendium aus technischen Zahlen und Fakten, darf nicht verschwiegen werden, dass Leute, die sich für Motorenleistungen von Feuerwehrautos und Ähnliches interessieren, gleichwohl auf die Rechnung kommen. Eindrückliches Beispiel hierfür ist der mit «Yankee-Walter – die ersten Löschgiganten in Zürich» überschriebene Beitrag. Da erfährt der Leser, dass diese Kraftpakete durch zwei Achtzylinder-Ford-Motoren mit je 275 PS angetrieben wurden; dass ihr Einsatzgewicht «nur» 26 Tonnen betrug (wodurch sie auch im schweren, erdigen Gelände tauglich waren), oder dass sie 11 200 Liter Wasser und 1900 Liter Löschschaumextrakt tanken konnten – wobei der Dachwerfer im Extremfall einen Ausstoss von 5700 Liter pro Minute erreichte; dies bei einer Wurfweite von bis zu 70 Metern. Ein Foto zeigt schön, wie stolz die Flughafenfeuerwehr-Crew auf diese einzigartigen Fahrzeuge war.

Doch eben, der wahre Schatz für den neugierigen Laien, das sind die prächtigen Schwarzweiss- und Farbfotos aus ferneren und jüngeren Tagen – und die tollen Storys in angenehmer Länge. Eine solche ist Karl Scheitlin gewidmet, einem der ersten Feuerwehrmänner am Flughafen Zürich. Begonnen hatte er seine Laufbahn im Mai 1946 im Alter von 25 Jahren – als Gärtner auf dem Flugplatz Dübendorf. Sein erster Auftrag: Er musste mit einem Besen den Hangar wischen! Doch wie es damals so üblich war, erledigte Scheitlin, ein begabter Allrounder, bald auch Arbeiten als Pistenwart, Passagierbetreuer, Flugzeugkontrolleur und Propelleranwerfer – während seiner Zeit in Dübendorf, heisst es, habe er mehrere Tausend Propeller in Bewegung gesetzt.

Später wurde er für den Feuerwehrdienst am neuen Flughafen Kloten rekrutiert, und in dieser Funktion hatte er 1953 einen eigenartigen Einsatz: Ein Flugzeug aus Paris geriet bei der Landung wegen schlechten Wetters über die Piste hinaus, die Maschine blieb im Sumpf stecken. Und so musste Scheitlin eine Passagierin vom Sumpf auf den festen Boden tragen. Da die Pariserin einen Maxirock anhatte, war ihr Transport nicht eben einfach. Dennoch, gab er später zu Protokoll, hätte er die Dame gerne noch viel weiter getragen – weil sie so fein geduftet habe.Karl Scheitlin, der (fast) perfekte Gentleman, blieb der Flughafenarbeit ganze 40 Jahre lang treu, die unzähligen Episoden, die seine Geschichte säumen – manche heiter, manche traurig – fungieren stellvertretend für viele der im Buch geschilderten Erlebnisse.

Eine bedeutende Aufgabe kommt auch der Rubrik «Chronologie der Ereignisse» zu, die jeweils am Anfang jedes Kapitels steht (die jeweils ein Jahrzehnt zusammenfassen – und insgesamt die Zeitspanne von 1943 bis 2013 abdecken): Liest und schaut man diese jeweils eindrücklich bebilderten Chronologien ohne Zwischenstopp durch, durchlebt man als Freund der Fliegerei einen höchst informativen Actionthriller voller fluggeschichtlicher Meilensteine, aber auch reich an Tragödien und Unfällen.

Wahr gewordener Bubentraum

Ja, und als der Tagi-Vertreter dann wieder gelandet, sprich auf der letzten Buchseite angelangt war, fand er, es sei nun fast seine Pflicht, Thomas Brügger, den Autor des Werkes, persönlich anzurufen und ihm die eine entscheidende Frage zu stellen: Wie kommt jemand auf die verrückte Idee, einen solch immensen Materialfundus zu einem solch doch irgendwie eigenwilligen Thema zusammenzutragen? Als Brügger die Frage vernimmt, muss er lachen:

«Schuld, wenn man so will, ist mein Vater. Er nahm mich im Alter von zehn Jahren an den Flughafen mit, um mir die Flugzeuge zu zeigen. Und als wir auf der Aussichtsterrasse standen, kam ein riesiges Feuerwehrauto um die Ecke gefahren, es war ein Walter Yankee, mit mannshohen Rädern. Das hat mich mehr fasziniert als jeder Flieger.» Brügger, heute 42, absolvierte eine Schreinerlehre, stieg aber schon jung bei der Freiwilligen Feuerwehr ein. Danach wechselte er zur Feuerwehr Eulachtal an seinem Wohnort Elgg. 2007 wurde das Hobby zum Beruf: Brügger stieg als Einsatzleiter beim Lösch- und Rettungszug der SBB ein; seit zehn Jahren ist er Instruktor und arbeitet – der Bubentraum ging in Erfüllung – bei der Flughafenfeuerwehr.

In dieser ganzen Zeit habe er Dokumente, Fotografien und Unterlagen über den Flughafen Zürich und dessen Feuerwehr gesammelt. Auf den Einwurf, das klinge verdächtig nach einem pathologischen Freak, sagt er lachend: «Ich nenne es lieber Leidenschaft.» Eine Passion, mit der er offensichtlich nicht allein dasteht: Das Buch verkauft sich bestens, «es gibt sogar Käufer aus Deutschland und Holland, die mir schreiben, sie hätten ihr Leben lang auf eine solche Publikation gewartet», sagt Brügger. Sachen gibts, die gibts gar nicht.

Erstellt: 14.12.2013, 08:21 Uhr

Thomas Brügger: Flughafenfeuerwehr Zürich. AS-Verlag, Zürich, 2013. 208 S., 331 Abb., ca. 68 Fr.

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