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«Es kommt auf jeden Buchstaben an»

In der längsten bekannten Vers-Inschrift hat der Historiker Christian Marek Hinweise auf den sagenhaften altgriechischen Architekten Pytheas entdeckt.

«Die Inschrift ist ein Leckerbissen für Altphilologen»: Christian Marek ist Althistoriker an der Universität Zürich und verantwortlich für die Inschriften bei den Grabungen in Milas. Foto: PD

«Die Inschrift ist ein Leckerbissen für Altphilologen»: Christian Marek ist Althistoriker an der Universität Zürich und verantwortlich für die Inschriften bei den Grabungen in Milas. Foto: PD

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Warum ist die altgriechische Inschrift aus dem 4. Jhdt. v. Chr. in einer Treppenstufe der Grabanlage in Milas «sensationell»?
Es ist mit einer Länge von 124 Zeilen die längste Vers-Inschrift, die bekannt ist. Das besondere Versmass fällt auf und die aussergewöhnliche Wortwahl. Für Altphilologen, die sich mit Dichtung befassen, ist sie ein Leckerbissen.

Es ist also das Werk eines grossen Dichters?
Überhaupt nicht. Am Ende der Inschrift wird der Name des Dichters genannt. Es muss ein Künstler aus der Region gewesen sein, völlig unbekannt.

Sie sind Althistoriker, welche Bedeutung hat die Inschrift für Sie?
In den Versen ist die Rede von vielen Kämpfen und Feindschaften. Und eine Person spielt eine wichtige Rolle darin, sie heisst Pytheas. Das ist der Name des Architekten des weltbekannten Mausoleums in Halikarnassos. Nun weiss man inzwischen unter anderem anhand von Reliefvergleichen, dass die in Milas gefundene Grabanlage der Zwillingsbau des berühmten Mausoleums ist.

Aber sicher sind Sie noch nicht.
Nein, das herauszufinden, ist unsere Aufgabe. Wir müssen nun jedes Wort sprachlich genau untersuchen und mit der poetischen Literatur der griechischen Kultur vergleichen. Es kommt auf jeden Buchstaben an. Leider wissen wir über Pytheas praktisch nichts. Der Fund könnte Licht ins Dunkel bringen.

Von welchen Kämpfen ist die Rede?
Wir wissen aus anderen Quellen, dass es in dieser Zeit, als der Kleinkönig Maussolos als Untertan des persischen Grosskönigs regierte, immer wieder Kämpfe gab. Selbst die eigene Bevölkerung erhob sich gegen ihn. Auch Athen gehörte zu den Gegnern von Maussolos.

Die Grabanlage steht mitten in der Altstadt von Milas. Warum wurde sie erst vor vier Jahren entdeckt?
Das ist eine unglaubliche Geschichte. Der riesige Sockel, auf dem das Mausoleum stand, war seit langem bekannt. Nur war er von modernen Gebäuden überbaut und fand kaum grosses Interesse. Es waren schliesslich Grabräuber, die auf den Schatz aufmerksam machten. Sie stiessen mit Brecheisen durch meterdicken Marmor in die etwa zehn Meter unter dem Sockel liegende Grabkammer. Leider zerstörten sie dabei ein kostbares Wandgemälde, und Teile des Schatzes wurden auf dem Schwarzmarkt verscherbelt. Als die örtliche Polizei sie beim Freveln ertappte, kam der wertvolle Fund an die Öffentlichkeit. Seit vier Jahren graben nun Archäologen mit grossem Aufwand in der Altstadt.

Und «Ihre» Vers-Inschrift wurde auch dort gefunden?
Nein. Sie ist in eine Stele graviert, die in spätantiker Zeit als Stufe in einer Treppe vermauert wurde. Die Treppe steht auf dem Sockel des «Mausoleums».

Bereits Ende 2015 soll ein Buch darüber publiziert werden. . .
. . . ja, und es wäre herausragend, wenn sich die Vermutung über Pytheas bewahrheiten würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2014, 19:29 Uhr

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