«Für Margot»

Erich Honecker hat 1992 während seiner Untersuchungshaft eine Art Tagebuch geführt. Jetzt sind die Notizen in Buchform erschienen und bieten Einblick in das Innenleben des ehemaligen DDR-Staatschefs.

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Zum Schreiben hatte ihn sein Verteidiger Friedrich Wolff animiert. Er glaubte, dass sein Mandant bei der Schilderung der Tagesabläufe möglicherweise auch für den Prozess Relevantes notieren würde. Nur wenige Vertraute wussten davon.

Bei seiner Ausreise nach Chile 1993 nahm Honecker die Notizen mit. Er starb 1994 an den Folgen seiner Krebserkrankung. Ehefrau Margot Honecker (84) hat die Aufzeichnungen im vergangenen Jahr Verleger Frank Schumann übergeben. Sie lebt seit 1992 in Chile. Das 192 Seiten starke Buch «Letzte Aufzeichnungen» ist vergangenen Freitag erschienen.

Fahrt in die U-Haft: «Die freundlichen Worte überwiegen»

Die Notizen, die mit «Für Margot» überschrieben sind, bieten einen Blick in das Innenleben eines Mannes, der in der DDR Parteikarriere machte. Angriffslustig, unbelehrbar, starrsinnig, in seiner Welt gefangen – bis zum letzten Eintrag. Anzeichen von Reue oder das Eingestehen von Fehlern oder gar Selbstkritik? Fehlanzeige. Nur einmal spricht er von einem «Fehler» – als er rückblickend bereut, einen SED-Funktionär seines Amtes enthoben zu haben.

Der erste Eintrag stammt vom 29. Juli 1992, dem Tag, als er ins Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit kommt: «Am Strassenrand stehen Menschen, ich sehe Transparente, rote Fahnen, höre Rufe von Freund und Feind. Die freundlichen Worte überwiegen.»

Honecker werden wegen der Todesschüsse an der Mauer Totschlag und versuchter Totschlag in 68 Fällen zur Last gelegt. «Es gibt weder den jahrelang behaupteten Schiessbefehl noch irgendetwas anderes, was ihre Verleumdung stützen könnte», schreibt Honecker zu den Vorwürfen. Im bevorstehenden Prozess werde er sich offensiv verteidigen: «Dies bin ich in erster Linie den Bürgern der DDR schuldig.» Der Prozess wird am 12. November 1992 eröffnet, wegen Honeckers fortschreitender Krebserkrankung aber eingestellt. Erich Honecker fliegt danach zu seiner Frau nach Chile.

Kämpfend untergehen

Honecker ist überzeugt, dass 100 Milliarden (West-Mark) genügt hätten, «um aus der DDR ein Paradies für alle Werktätigen zu machen.» Doch das Politbüro habe mit seinem Beschluss der «Konterrevolution den Weg» geöffnet. Nun fehle die Partei. Das unheimliche Fazit des 80-Jährigen: «Von heute betrachtet, wäre es vielleicht besser gewesen, kämpfend unterzugehen. Ich sehe die Perestroika als ein Unglück für die Menschheit.» Nun fange alles wieder von vorne an: «Vielleicht hat der 3. Weltkrieg schon begonnen.»

Die Abrechnungen mit Gorbatschow

Die deutschen Politiker Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble sind für ihn Vollstrecker der «Annexion der DDR». Michail Gorbatschow, mit dem es 1989 in Ost-Berlin noch zum Bruderkuss kam, widmet er immer wieder lange, wenig schmeichelhafte Einträge. «Sein Ansehen war ihm immer wichtig. Einmal habe ich ihn zu beruhigen versucht, weil er im Selbstzweifel war. Ihm war der Beifall aus dem Westen allerdings wichtiger. Mit ihm gingen erst seine Funktionen, dann die ganze KPdSU verloren. Jetzt lebt er von seinen Geldgebern, der Dollar wiegt nun mal schwerer als der Rubel. Gorbatschow hat offenbar nicht bemerkt, wie er zum Schuft wurde.» Auch Gorbatschows Nachfolger bezieht Prügel: «Jelzin besorgt den Ausverkauf. Ich muss den Säufer nicht mehr fürchten – im Unterschied zu den Russen.»

Der Besuch seines Schwagers am 7. August hebt seine Stimmung: «Heute ist ein grosser Tag, mein Schwager ist zu Besuch. Bei allem Elend, was die Kolonialherren gebracht haben, gibt es auch gute Momente.» Die Welt gerät aus seiner Sicht nach dem Fall der Mauer aus den Angeln. «Der Widerstand gegen die imperialistische Politik wächst.»

Zeilen für Margot Honecker

Neben all diesen Abrechnungen findet man Einträge über seine Mutter («Ihre Sorge galt bis ins hohe Alter den Kindern»), den Kampf gegen das Nazi-Regime oder Entscheidungen in der DDR. Mit zunehmender Dauer führt er auch genau Buch über die Entwicklung seines Gesundheitszustands («Blutdruck 90/160, Puls 130 – das war etwas viel.»)

Und dann richtet Honecker immer wieder die Zeilen an Ehefrau Margot in Chile: «Meine Gedanken sind bei euch. Ich wünsche dir, liebe Margot, dass du dich im Kreis der Familie erholen kannst.» Er hoffe sehr, dass er in der Lage sei, «unsere Sache, die Sache der Republik zu vertreten. Das sehe ich als meine letzte Aufgabe an.» Und ein anderer Eintrag endet mit: «So, meine Kleine – ein letzter Gruss für heute.»

Erich Honecker: Letzte Aufzeichnungen. Mit einem Vorwort von Margot Honecker. Eulenspiegel Verlagsgruppe Edition Ost, 192 Seiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.02.2012, 14:33 Uhr

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