Gewalt passt zur Schweiz

Nach dem Krawall auf Schweizer Strassen und in Fussballstadien herrscht Empörung. Doch wir sind nicht so friedliebend, wie wir glauben. Die Schweizer Volksseele ist geprägt von Gewalt. Eine Analyse.

Winkelrieds Tod bei Sempach: Gemälde von Konrad Grob (1828–1904).

Winkelrieds Tod bei Sempach: Gemälde von Konrad Grob (1828–1904).

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Anfang eines grossen Schweizer Mythos steht ein verpatztes Rendezvous: Im strahlend weissen Anzug ist der Schweizer Unternehmer Jean Henry D. im Juni 1859 in die Lombardei gereist, um Frankreichs Kaiser, Napoleon III., zu treffen. Er will dem Diktator die Konzession für einen Müllerei-Konzern in den nordafrikanischen Kolonien abluchsen. Dabei kann Jean Henry D. sich auf seine formvollendeten Manieren und seinen Charme verlassen. Zudem ist Napoleon III. in der Schweiz aufgewachsen, man kennt sich. Der Kaiser aber ist beschäftigt, ist er doch im Begriff, mit technisch neuer Artillerie die Österreicher aus Norditalien zu bomben. Der Geschäftstermin kollidiert mit der Schlacht bei Solferino, der Schweizer steht nach der Bataille mitten im Blutbad. 40'000 Tote und Verwundete. Ein Trauma, das sein Leben verändert. Vier Jahre später gründet er, Jean Henry Dunant, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK).

Seither herrscht die Meinung vor, wir in der Schweiz könnten uns auf eine «lange humanitäre Tradition» berufen. Als wäre mit der Tatsache, dass wir die Institution des IKRK beherbergen dürfen, ein höherer Grad an Menschlichkeit angezeigt, eine dem Schweizer Volk eigene Menschlichkeit. Wir verwenden das gern wie ein Reinigungsmittel gegen Flecken aller Art auf unserer Weste, gegen Schatten auf dem Selbstbild. Auf dass der Schein trüge.

«Zum Krieg geboren»

Während über 500 Jahren war die Schweiz international in ganz anderer Weise aktiv. Ein halbes Jahrtausend lang exportierte die Schweiz Kriegshandwerker. Fremde Herren bezahlten das schmutzige Geschäft des wilden «Reislaufens» und später, ab dem 16. Jahrhundert, der obrigkeitlich geregelten Solddienste. Schweizer Söldner haben sich in ganz Europa verdingt. «Zum Krieg geboren, bieten sie sich um geringen Sold jedem Beliebigen an, der Soldaten braucht», schreibt der englische Gelehrte Thomas Morus. Schweizer haben Italiener, Franzosen, Deutsche, Belgier, Holländer und Spanier «geschlitzt». Je nach Auftragslage. Weit über eine Million hat sich in Kriegsdiensten engagiert. Kein Land in Europa hat im Verhältnis zur Bevölkerung mehr Söldner gestellt als die Eidgenossenschaft. Mehr als 500 Jahre lang Krieg für andere.

Der Überdruss in der Enge

Es ist nicht einfach der Hunger oder der Rausch des «Engagierweins», wie oft behauptet, es ist vielmehr die «Feldlust», die Freude am Kriegsabenteuer, die Beutegier, der Überdruss in der Enge, der die 18- bis 45-jährigen Männer den Werbeoffizieren folgen lässt. Aus Meiringen berichtete der Schaffhauser Gelehrte Johann Georg Müller im 18. Jahrhundert, «dass vielleicht von allen Einwohnern über dreyssig (Jahren) die Hälfte gedienet hat oder noch dienet.» Zeitweise herrscht Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft.

Die Schweiz ist kulturell ein winterliches Land, die geistigen Zentren Europas befinden sich anderswo. Der Erfindergeist, die Mechanik, die Musik, die bildende Kunst und die Literatur blühen in Italien und Spanien, in Holland und Frankreich. Der Kapitalismus und sein Bankenwesen werden in Genua, Florenz, in Augsburg entwickelt. Das ausgeklügelte Wissen um die Verwaltung eines Staates und die Kunst der Diplomatie werden in Frankreich gelehrt, in England.

Die damalige Schweiz besteht aus einem losen Verbund selbstständiger Kleinststaaten: eine kaum begehrte, unwegsame Ecke in der Mitte des Alpenbogens, die längste Zeit arm an Geld und Geist. Die grossen europäischen Kriege aber sind das Feld, auf dem der grösste Schweizer Exportschlager gedeiht, der Söldner. Hier bringt die Schweiz ihre kostbarste Saat aus: ihre eigenen Kinder.

Sie sind gefürchtet, sie sind verhasst, ihre Brutalität ist legendär. Den «schnöden Schwizern» werden Gräueltaten nachgesagt und selbstverständlich auch angedichtet. Bezeugt ist das Füsseabhacken, das rituelle Verspeisen von Herzen, das Einschmieren des Schuhwerks mit dem Bauchfett der Getöteten. Auswüchse, ohne Zweifel. Aber diese Reisläufer und Söldner kommen aus einer Schweiz, in der die Fehde gang und gäbe, die Blutrache üblich ist. Der Dolch sitzt locker, schnell ist die Ehre verletzt.

«Ungestüme Gesellen»

Es herrscht ein aufgeladenes Klima der Gewalt. Gerichtsakten aus der Innerschweiz beschreiben das Brachiale ausserhalb und innerhalb der Familie. Die vergleichsweise kultivierten Basler Bürger sind entsetzt über das Benehmen der Urschweizer, die während der Burgunder- und Schwabenkriege zu bewirten sind. Sie werden als «ungestüme Gesellen» beschrieben, ungehobelte Raufbolde, masslose Säufer, obszöne Kerle. Selbst im Untergang rücksichtslos, auch gegen sich selbst: «Es ist nicht möglich, mit grösserem Zorn und kühner zu kommen als die Schweizer», schreibt der französische König Franz I. erotisiert an seine Mutter nach der fatalen Schlacht von Marignano Mitte September 1515.

Das Schweizer Söldnerwesen ist militärhistorisch ausgeleuchtet, aber die kulturellen, wissenschaftlichen, sozialen und politischen Einflüsse sind nur unzureichend erforscht. Die Schweiz will nichts mehr wissen von ihrer Söldnergeschichte. Für das heimkehrende Heer der Invaliden, Alkoholiker, Verwahrlosten und der Untragbar-Gewordenen ist nicht einmal ein Mahnmal errichtet worden. Das Löwendenkmal in Luzern ist namentlich nur Offizieren gewidmet.

Es fehlt an einer Mentalitätsgeschichte der Schweiz. In den Schulen bleibt das grosse Kapitel des Totschlagens, des Waffendienstes für andere, weitgehend ausgespart. Als hätte es keine Relevanz. Als hätte sich das Hauen und Stechen über so viele Generationen gleichsam im Volkskörper nicht in irgendeiner Weise einnisten können. Zudem ist anzunehmen, dass die Schweiz ohne das Söldnerwesen heute ganz anders aussähe, was doch ein Aspekt für den Schulstoff wäre. So aber wähnen wir uns im Wesen näher der Rotkreuzschwester als dem Haudrauf. Tatsache ist, dass viele in diesem Land, die im 20. Jahrhundert humanitär tätig waren, sich dazu in die Illegalität begeben mussten.

Die Macht des Geldes

Profitiert von den Solddiensten hat eine dünne Oberschicht, eine Art Kriegsgewerbler-Aristokratie. Sie betrieb eigentliche Militärunternehmen und lieferte den Rohstoff für Kriege: Bauernsöhne, Handwerker. Wenn Fürstenhäuser und eidgenössische Tagsatzung sich über den Umfang der Truppenlieferungen vertraglich einig waren, traten die privaten Unternehmer in Aktion, organisierten – oft entscheidend unterstützt und gemanagt durch die Ehefrauen und Schwestern – die Anwerbung der Soldaten, den Transport, die Ausbildung und den Einsatz. In den besten Zeiten waren aus den Truppeninvestitionen bis zu 18 Prozent Rendite zu erzielen. Damit sind unter anderem die zahlreichen, stilistisch auffälligen Herrensitze in der Schweiz erbaut worden. Auch eine Art Denkmal.

Die Offiziere der Kompanien und Regimenter befehligten die Truppen nicht nur, sie waren oft auch ihre Besitzer. Vor Familiennamen wie Erlach, Salis, Reding, Auf der Maur, Diesbach, Pfyffer oder Courten fügte sich während der Solddienste gern noch ein «de» oder «von». Um das lukrative Geschäft zu sichern, achteten diese Familien darauf, auch politisch zu dominieren. Im Kanton Schwyz etwa waren drei von vier wichtigen Ämtern durch Mitglieder der regimentsfähigen Familien besetzt. Oft waren das heimkehrende Offiziere. Mit ihrem Herrschaftswissen und dem höfischen Benehmen wusste sich die Söldner-Aristokratie gegen unten abzugrenzen. Die sogenannten «Pensionen», offizielle Zahlungen der französischen und spanischen Krone an den Kanton, entsprachen dem Schwyzer Jahresbudget. Das heisst, die Schwyzer brauchten während rund 300 Jahren keine Steuern zu bezahlen. Das war ein bestechendes Argument. Dazu kamen die geheimen Pensionen an einflussreiche Männer, die als Lobbyisten der jeweiligen Krone fungierten. An der vermeintlich urdemokratischen Landsgemeinde verfügten die ausländischen Potentaten über erheblichen Einfluss. Die Macht des Geldes übte seine Gewalt damals genau so unverschämt aus wie heute.

Ritterturniere im Stadion

Noch 1861/62, der junge Schweizer Bundesstaat hatte in seiner Verfassung neue Soldverträge bereits verboten und nur noch bestehende Abkommen toleriert, kämpfte ein Schweizer Bataillon in der Festung Gaeta in hoffnungsloser Lage für die erzkonservative bayrische Herzogin Sophie Amalie, die letzte Königin beider Sizilien. Zuvor hatten Schwyzer Offiziere in Neapel auf die republikanisch gesinnte Bevölkerung schiessen lassen. Mit diesen Erinnerungen im Gepäck und Orden an der Brust kehrten die letzten Schweizer Söldner heim: den Mächtigen immer zu Diensten.

Die Kultur der Gewalt hat eine lange Geschichte in der Schweiz. Die gern zitierte «humanitäre Tradition» wirkt dagegen wie verletzlicher Firnis über den Untiefen einer alten, gewaltgeübten Gesellschaft. Das Wagnis Demokratie ist unter anderem der Versuch, durch Beteiligung möglichst vieler am Entscheidungsprozess die Gewalt aus dem Spiel zu nehmen. Einige wenige aber tragen weiterhin Gewalt in die Gesellschaft, Gewalt mit andern Mitteln.

Mittelalterliche Formen im Fussballstadion

Es ist heute die Gewalt in der sozialen Ungerechtigkeit, die Gewalt der Währungsspekulation, die Gewalt der weltweit tätigen Schweizer Nahrungsmittelhändler. Diese demokratisch nicht gezügelte Gewalt erzeugt heftige Gefühle der Ohnmacht, eine Voraussetzung für brachiale Gewalt und Erhebung.

Was dagegen in einem Zürcher Fussballstadion geschehen ist, erinnert an rituelle mittelalterliche Formen, wo zwei klar bezeichnete Gruppen im klar begrenzten Turnierraum aufeinander losgehen. Dass dies in einer medial ausgeleuchteten Situation stattfindet, wird unserer Zeit gerecht. Das Mass der Empörung darüber erscheint aber ganz unverhältnismässig, wenn es zum Beispiel verglichen wird mit dem bescheidenen Echo auf die getötete Lebenspartnerin, die statistisch alle zwei Wochen durch häusliche Gewalt in der Schweiz zu registrieren ist. Der beschwichtigende Begriff «Familiendrama» verhindert, die Struktur dahinter zu erkennen. Es ist jene Struktur, auf der jede Gewalt und somit auch jene eines Söldnerstaates gut gedeiht: die patriarchale Struktur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2011, 12:54 Uhr

Zur Person:

Jost Auf der Maur ist Reporter bei der «Schweizer Familie». Sein Buch «Söldner für Europa» erschien im Echtzeit-Verlag.

Artikel zum Thema

«Wir stehlen der Jugend ihre Qualitäten»

Samstagsgespräch Psychologe Allan Guggenbühl hält die Strassenkrawalle in Zürich für einen Protest gegen die überalterte Gesellschaft. Die Jugendlichen wollten Grenzen überschreiten, um sich danach zu integrieren. Mehr...

Sie kamen, um zu prügeln

Am Wochenende kam es in der Zürcher Innenstadt erneut zu Krawallen. Eine politische Botschaft hatten die Randalierer nicht. Mehr...

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schwindelerregender Gänsemarsch: Eine Seilschaft klettert einer Felswand im ostchinesischen Qingyao-Gebirge entlang. (23. September 2017)
Mehr...