Grabräuber machen wichtigen Fund

Nach dem Sturz des ägyptischen Diktators Hosni Mubarak haben kriminelle Gangs die Jagd nach Altertümern aufgenommen.

Die Fragmente dürften aus seiner Zeit stammen: Thutmosis III. Foto: Hemis.fr

Die Fragmente dürften aus seiner Zeit stammen: Thutmosis III. Foto: Hemis.fr

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Am Ende ist Mohammed Abdel N. selbst zur Polizei gegangen. Er brachte ein paar Fotos mit, die ihn neben einer zwei Meter grossen Statue aus rosa Granit zeigen, und ein Video. Er habe da ein Fundament für ein Haus ausschachten wollen, behauptete der Mann aus Badrashin, einem Ort 40 Kilometer südlich von Kairo. Dabei sei dann die Statue zum Vorschein gekommen und auch ein paar Wandplatten mit Hieroglyphen. In dem verwackelten Film stehen die Männer knietief in dunkelbrauner Brühe, tief unten in der Erde. «Mehrere Antiquitätenhändler haben mir Millionen ägyptische Pfund dafür geboten – ich habe sie alle abgewiesen», behauptete Mohammed.

Ihre Geschichte kaufen ihnen die Beamten der Antikenpolizei freilich nicht ab, ebenso wenig die Experten der ägyptischen Antikenverwaltung. Warum hätten die Männer neun Meter tief für ein Fundament graben sollen? Warum hatten sie 400 Meter weiter eine zweite Grube ausgehoben? Und was wollten sie mit den Neoprenanzügen, mit Taucherbrillen und Sauerstoffflaschen?

Raubgrabungen im grossen Stil

In einem TV-Interview versuchte sich Landbesitzer Mohammed darauf hinauszureden, er habe eine Pumpe zur Bewässerung des Landstücks einrichten wollen. Zwar führt ein gelber Schlauch in das Loch, in dem Grundwasser steht. Und auf dem Video hört man den Motor der Pumpe knattern. Doch auch diese Version hat ihre Schwächen: Dann hätten die Männer doch keine Mauer um die Grube hochziehen müssen.

Die Polizei hatte schon im Mai Hinweise bekommen, dass in der Gegend bewaffnete Gangs im grossen Stil Raubgrabungen betrieben. Sie wollten sich vom Nil aus in archäologische Fundstätten vorbuddeln – für diesen Zweck hat eine Tauchausrüstung schon Sinn. Die Gruppe aus Badrashin war den Ermittlern bereits damals aufgefallen. Doch sie mussten die Verdächtigen aus der Untersuchungshaft laufen lassen, weil sie keine Antiquitäten bei ihnen fanden.

«Die haben sich gemeldet, um straffrei auszugehen», vermutet Kamal Wahid, der Direktor der Antikenbehörde für das Gouvernement Gizeh. Wer auf eigenem Grund zufällig ein antikes Stück findet, begeht keinen Gesetzesbruch, er hat sogar Anspruch auf eine Art Finderlohn, erklärt Wahid. Von seinem Büro in einem bescheidenen Steinbau blickt der 55 Jahre alte Ägyptologe auf die Pyramiden. Er hat Dutzende Geschichten parat von Raubgrabungen. «Die Leute hoffen auf Schätze, auf Gold», fährt der Archäologe fort. «Sie wühlen in der Wüste, in ihren Kellern, manchmal bis das Haus zusammenbricht.» Das habe es schon immer gegeben in Ägypten, sagt er. «Aber so schlimm wie seit der Revolution ist es noch nie gewesen.»

Tausende Artefakte verloren

Nach dem Sturz von Ex-Diktator Hosni Mubarak im Januar 2011 haben sich viele Hobbygräber ans Werk gemacht, zum Teil aus blanker Not. Doch haben vor ­allem kriminelle Netzwerke sich das ­Sicherheitsvakuum zunutze gemacht, um einen schwunghaften illegalen Handel mit Kunst- und Kulturschätzen aus dem alten Ägypten aufzuziehen. Die Polizei verschwand von den Strassen, die Zollkontrollen waren durchlässiger, und notfalls wurde mit einem ordentlichen Schmiergeld nachgeholfen. Es war ja ein einträgliches Geschäft, auch für die Zwischenhändler, die in Europa oder anderen westlichen Ländern die Stücke an den Mann bringen. Der Schaden ist kaum zu beziffern. Tausende wertvolle Artefakte dürften für immer verloren sein – für Ägypten, für die Allgemeinheit, für die Wissenschaft.

Immerhin, seit einiger Zeit haben die ägyptischen Behörden die Kontrollen wieder verschärft. Doch selbst in den wildesten Zeiten hätten die Raubgräber von Badrashin ihren Fund wohl nicht losbekommen. «Die Stücke waren einfach zu schwer, um sie abzutransportieren», sagt Direktor Wahid, die Antikenbehörde musste einen Kran anheuern, um sie zu bergen. «So was kann man kaum verkaufen.» Kalksteinreliefs, die Dutzende Kilo wiegen, lassen sich kaum ausser Landes schmuggeln, von einer zwei Meter grossen Granitstatue ganz zu schweigen.

Und so könnte sich der Frevel von ­Badrashin noch als Glücksfall für die ­Archäologie erweisen. «Das könnte der wichtigste Fund der vergangenen 20 Jahre sein», erklärt Afifi Rohayem, der nun auch in Wahids Büro Platz genommen hat. Der 47-Jährige hat die Kommission geleitet, die den Fund begutachtete: neun Kalksteinreliefs, zwei Säulenfragmente aus rosa Granit und die Statue, vermutlich die Darstellung eines auf dem Thron sitzenden Pharaos, der allerdings der Kopf fehlt.

1486 bis 1425 vor Christus

Elektrisiert hat den Ägyptologen aber ­eines der Kalksteinfragmente, 85 mal 60 Zentimeter gross und knapp 20 Zentimeter dick. Es zeigt die Hälfte einer geflügelten Sonnenscheibe und, wichtiger noch, einen Namenszug, geschrieben in Hieroglyphen – die Kartusche von Pharao Thutmosis III., einer von Ägyptens bedeutendsten Herrschern. Damit fällt dem Experten die Datierung nicht schwer: «Der König lebte vermutlich von 1486 bis 1425 vor Christus und war der sechste altägyptische Pharao der 18. Dynastie im Neuen Reich.»

Die anderen Fundstücke mit in Betracht gezogen, darunter eine Säulenbasis mit 1,35 Meter Durchmesser, ist sich Rohayem ziemlich sicher, was dort konserviert vom Grundwasser in Badrashin unter neun Metern Nilschlamm verborgen liegt: «Alles zusammengenommen, kann man sagen, dass es dort sehr wahrscheinlich einen grossen Tempel gab.»

Niemand darf mehr graben

Auf diese Spur gebracht hat ihn auch seine Kenntnis der Geschichtsschreibung, kombiniert mit der Lage des Fundorts und bekannter archäologischer Stätten, wie er in seinem Gutachten für Antikenminister Mamdouh al-Damaty ausführt. «Memphis war die Hauptstadt Ägyptens im Alten Reich und umfasste vier Dörfer: al-Azizeya, Abu Sir, Saqqara und Mit Rahina.» Sie alle liegen heute auf dem Gebiet von Badrashin. «In al-Azizeya befanden sich die Paläste, Wohnstätten und die Tempel der Gottheiten», heisst es in dem neunseitigen Dokument weiter.

Fest stehe auch, dass Memphis einen riesigen Tempel des Ptah besass, einer der damaligen Hauptgötter Ägyptens. Und: «Dieser Tempel wurde bis heute nicht gefunden.» Der Minister liess es sich nicht nehmen, die Nachricht persönlich in einer Pressekonferenz zu verkünden. Zugleich erklärte er die Gegend zur archäologischen Stätte, was jede weitere Grabung illegal macht.

Unabhängige Experten halten es für plausibel, dass die Ägypter mit ihrer Vermutung richtig liegen. «Unter den Funden aus Badrashin, das wiederum im Gebiet der alten Metropole Memphis liegt, weist ein Steinblock auf einen Bau aus der 18. Dynastie, genauer der Herrschaft Thutmosis III., hin», sagt Johanna Sigl vom Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, nachdem sie die Bilder gesehen und die Hieroglyphen entziffert hat. Verschiedene Bruchstücke wie die grosse Säulenbasis, die Rosengranitstatue und ein Fragment mit einer geflügelten Sonnenscheibe seien «typische Bau- und Inventarelemente von kultischen Gebäuden» – also etwa einem Tempel. Und da Memphis durch alle Zeiten der pharaonischen Geschichte von Bedeutung war, sei anzunehmen, dass es «bisher noch nicht gefundene Bauten aller Epochen» auf dem Gebiet gebe, aus dem der Fund stammt.

Ein grosses Budget nötig

Afifi Rohayem und seine Kollegen haben die Stücke erst einmal dokumentiert und in einem Lager der Antikenverwaltung in Sicherheit gebracht. Zu gerne würden er und Kamal Wahid ihrer Vermutung auf den Grund gehen und an der Stelle weitergraben, das hat der Minister eigentlich auch in Aussicht gestellt. Doch wird das Unterfangen technisch kompliziert. «Man muss die Fundstelle erst trockenlegen und das Wasser abpumpen», erklärt Rohayem. Grundstücke müssten enteignet, Hausbesitzer entschädigt werden. Wo einst möglicherweise ein Tempel stand, befindet sich heute ein Dorf. Das alles verlangt nach einem grossen Budget.

Was immer die Archäologen noch finden, Mohammed und seine Freunde werden leer ausgehen. Gegen sie wurde schon wegen Raubgrabungen ermittelt. Zwar wird ihnen das Gefängnis erspart bleiben, aber ihren Finderlohn haben sie verwirkt. Was ihnen bleiben wird, ist eines Tages vielleicht der Ruhm, einen wichtigen Tempel entdeckt zu haben. Raubgrabungen sind der Stoff, aus dem in Ägypten Legenden entstehen.

Erstellt: 24.11.2014, 07:02 Uhr

Ein Relief aus der Grube in Badrashin mit
der Kartusche des Pharaos. Foto: PD

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