Halb Affe, halb Mensch

In Südafrika haben Zürcher Forscher zusammen mit anderen Wissenschaftlern weitere Belege dafür gefunden, dass der affenartige Vormensch Australopithecus sediba unser direkter Vorfahr war.

Der Vorgänger des Homo erectus: Die Entwicklung unserer Urahnen.

Der Vorgänger des Homo erectus: Die Entwicklung unserer Urahnen. Bild: TA-Grafik kmh/Quelle: Science

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Es waren gleich mehrere tragische Unfälle, die sich im heutigen Südafrika vor rund zwei Millionen Jahren ereigneten. Die betroffenen Individuen sind 30 bis 50 Meter durch einen natürlich entstandenen Schacht im Karstgestein in die Tiefe gestürzt. Entweder gleichzeitig oder im Abstand von wenigen Stunden, Tagen beziehungsweise Wochen kamen sie ums Leben. Durch starken Regen wurden sie kurz darauf weggespült und mit Sedimenten bedeckt.

Hier, rund 50 Kilometer nördlich von Johannesburg, in den Malapa-Höhlen, entdeckten Paläoanthropologen im Jahr 2008 gut erhaltene Überreste einer bis anhin unbekannten Menschenart, die sie Australopithecus sediba nannten. Die Skelettfunde publizierten sie vor einem Jahr in der Fachzeitschrift «Science». Dies sorgte für Aufregung, da es sich nach Ansicht der Experten um eine seit langem gesuchte und immer noch im Stammbaum unserer Urahnen fehlende Übergangsform zwischen den affenartigen Vormenschen und den Frühmenschen handelte. Doch war er auch ein direkter Vorfahr von uns? Nun kann der Forscher Lee Berger von der University of the Witwatersrand in Johannesburg zusammen mit einem Team von 80 Wissenschaftlern aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, den USA und Australien in mehreren Studien in «Science» diese These erhärten. Denn weitere fossile Knochenfunde belegen, dass Australopithecus sediba sowohl Merkmale des affenähnlichen Australopithecus afarensis, bekannt als «Lucy», als auch des menschenartigen Homo erectus trägt (siehe Grafik).

Geschickte Hände

«Wir haben in Malapa die älteste und vollständigste Hand eines Hominiden gefunden», sagt Peter Schmid von der Universität Zürich, der in Südafrika mit seinen Studenten die Ausgrabungen durchführte. Es handelt sich um die rechte Hand einer etwa 30-jährigen Frau, die vor 1,98 Millionen Jahren lebte. Aus der Länge und Form ihrer Finger geht hervor, dass sie die Hände noch zur Fortbewegung in Bäumen nutzte und gut klettern konnte. Gleichzeitig hatte sie aber aufgrund ihres im Vergleich etwa zu «Lucy» längeren Daumens bereits die Fähigkeit des menschlichen Präzisionsgriffes.

Die Hand des Australopithecus sediba ist laut Peter Schmid eigentlich ein besserer Kandidat für die Hand eines frühen Werkzeugherstellers als die von dem etwas jüngeren Homo habilis, der deshalb damals extra den wohlklingenden Namen «geschickter Mensch» erhielt. Die Hand von der Frau aus Malapa und auch der von ihr gefundene rechte Arm weisen auf Muskeln hin, die Australopithecus sediba kräftig zupacken liessen. Dies ist erforderlich, um beim Hangeln von Ast zu Ast möglichst sicher zu sein.

Bei fast allen anderen fossilen Handknochen von Hominiden, die älter sind als die Neandertaler, handelt es sich um einzelne Knochen, die anatomisch nicht miteinander verbunden sind. Ob die Malapa-Frau die Hand tatsächlich zum Werkzeuggebrauch nutzte, ist ungewiss. Denn die ersten dokumentierten Steinwerkzeuge sind zwar etwa 2,6 Millionen Jahre alt, aber an der Fundstelle der tückischen Höhlen in Malapa wurden bisher noch keine entdeckt – indes über 220 fossile Knochen von mindestens fünf Individuen des Australopithecus sediba, darunter auch ein 10- bis 13-jähriger Knabe.

Kleines Hirn, breites Becken

«Interessant daran ist der Schädel, der ein auffällig kleines Hirnvolumen besitzt», sagt Schmid. Es habe mit 420 Kubikzentimetern etwa die Grösse einer Grapefruit und sei damit viel kleiner als bei anderen Arten der Gattung Homo. Dennoch haben die in Malapa gefundenen Becken bereits eine ähnliche Form wie beim Menschen. Dies bedeute, dass nicht die Vergrösserung des Hirns zu einem menschentypischen Umbau des Beckens führte, um die Geburt von Babys mit grossem Kopf zu ermöglichen, sondern vielmehr die Fortbewegung auf zwei Beinen dafür verantwortlich war. Denn mit einem Becken, wie es Affen heute noch haben, ist nur ein Watschelgang möglich.

«Sediba ist eine verrückte Mischung aus Affe und Mensch», betont Peter Schmid. Das Hirn sei zwar klein, habe aber schon die für den Menschen typische Verbreiterung im Schläfenbereich und auch Strukturen im Stirnhirn, die denen des Menschen ähnlich seien.

Anders ist dies beim Hirnvolumen. So vergrössert es sich beim Menschen beispielsweise nach der Geburt bis in die Pubertät hinein noch um das Dreifache, sodass Kinder im Durchschnitt pro Tag 40 bis 50 Prozent ihrer Energie dafür verbrauchen. Weil dies bei unseren Urahnen aus Malapa nicht so war, reichte ihnen die viel weniger kalorien- und fettreiche Kost aus Pflanzen aus.

«Mit grosser Wahrscheinlichkeit waren sie deshalb noch keine Jäger», sagt Peter Schmid. Sie seien also noch nicht durch die Weiten der Savanne gepirscht, um Tiere zu erlegen, wie das für Homo erectus nachgewiesen sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2011, 07:14 Uhr

Die rechte Hand einer etwa 30-jährigen Frau, die vor 1,98 Millionen Jahren lebte: Handknochen der neu entdeckten Hominiden-Art. (Bild: Peter Schmid)

Fundstätte: Grab in der Tropfsteinhöhle. (Bild: TA-Grafik kmh/Quelle: Science)

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