Hitlers «Wunderwaffen» in Schweizer Händen

Zweimal gelangten hoch geheime Waffen der Nazis in die Schweiz. «10vor10» zeigte erstmals Bilder, die die kaum bekannte Geschichte des ersten Düsenjägers hierzulande dokumentieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 25. April 1945 setzte ein Kampfflugzeug auf dem Militärflugplatz Dübendorf bei Zürich auf, das allen andern Fluggeräten der damaligen Zeit weit überlegen war: die Messerschmitt 262 (Me 262). Der zweistrahlige Düsenjäger war viel schneller als die bis anhin gebräuchlichen Propellermaschinen.

Die technische Errungenschaft kam für Nazideutschland freilich zu spät, als dass sie den Untergang des Dritten Reichs hätte verhindern können. Die Serienproduktion lief erst Anfang 1944 an. Zwei Wochen nach der Me-262-Landung in der Schweiz fiel in Berlin Hitlers Hauptquartier in die Hände sowjetischer Truppen. Der Zweite Weltkrieg war vorbei.

Die Me 262 in der Schweiz war bisher kein eigentliches Geheimnis, wie «10vor10»-Reporter Fritz Muri gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. Laut Muri war der Dübendorfer Besuch der Me 262 aber nur unter Aviatik-Experten bekannt. Offiziell gilt der Vorfall als Notlandung. Es könne aber auch sein, dass sich der Pilot verirrt oder abgesetzt hatte, sagt Muri. Er fand die Film-Aufnahmen im Archiv des Flugplatzes Dübendorf, die nun erstmals am Fernsehen gezeigt wurden.

Schweizer schlachten Me 262 aus

Die Schweizer Armee und die Industrie waren damals an der neuartigen Maschine sehr interessiert. Im SF-Beitrag erzählt der Testpilot Hans Giger (96), wie ein Triebwerk der Me 262 bei der Firma Escher-Wyss untersucht wurde. Es ist nicht bekannt, ob die Schweiz auch den Alliierten Zugang gewährt hat. Aber das war wahrscheinlich gar nicht nötig, da die Besatzungstruppen in Deutschland Material, Pläne und kooperationswillige Ingenieure vorfanden.

Die Me 262 blieb jedenfalls rund zwei Jahrzehnte in der Schweiz eingelagert, bis sie schliesslich ins Technische Museum München überführt wurde.

Militärjets scheitern - Erfolg mit kommerziellem Projekt

Die Schweizer Industrie hatte sich nach Angaben von Fritz Muri zuvor ausgiebig für ihre eigenen Flugzeugpläne inspirieren lassen. 1948 wurden die Flugzeugwerke in Emmen LU und Altenrhein SG vom Bund je mit der Entwicklung eines Düsenjägers beauftragt. Beide Projekte wurden letztlich abgebrochen.

Die N-20 «Aiguillon» aus Emmen flog nie höher als ein Meter. Sie wurde 1952 beerdigt. In Altenrhein dauerten die Anstrengungen länger, und bis 1958 wurden fünf Prototypen gebaut, die P-1601 bis P-1605. Zwei Maschinen stürzten aber in den Bodensee, was auch diesem Vorhaben das Genick brauch.

Die ursprüngliche Entwicklerfirma H.-L. Studer trieb die P-Serie dennoch weiter und leistete einen wichtigen Beitrag zum ersten kommerziellen düsengetriebenen Geschäftsflugzeug. Die amerikanische «Lear Jet Corporation», die zuvor «Swiss American Aviation Corporation» hiess, brachte es schliesslich Anfang 60er Jahre als Learjet 23 erfolgreich auf den Markt.

Nachtjäger in der Schweiz

Zurück zu den «Wunderwaffen»: Mit der Me 262 hatten die Schweizer bereits den zweiten Fang an nazideutschem Hightech gemacht. Schon am 29. April 1944 verirrte sich eine Me 110 über die Grenze. Das Flugzeug war mit einem Radar ausgerüstet, der es zu einem gefährlichen Nachtjäger machte und den Engländern empfindliche Verluste zufügte.

Zeitzeuge Giger schildert im «10vor10»-Beitrag, wie die Maschine «versorgt» und streng bewacht wurde, weil Berlin ultimativ die Rückgabe forderte. Andernfalls werde man die Maschine in der Schweiz zerstören. Die Nazis fürchteten, die überlegene Waffe könne an die Alliierten fallen.

Schliesslich beugte sich Bern dem Druck und man einigte sich: Unter deutscher Aufsicht wurde die Me 110 am 18. Mai 1944 auf dem Flugplatz Dübendorf gesprengt. Die Schweiz hatte dafür zwölf Messerschmitt-Jäger erhalten. Diese waren jedoch von schlechter Qualität: Wenige Monate später mussten sie nach mehreren Bruchlandungen aus dem Verkehr gezogen werden.

«Weltkrieg-Zeug»

Auf das Thema und das Material für die Weltkriegsserie ist der Filmer Fritz Muri zufällig gestossen. Während der Zugfahrt von Locarno nach Zürich habe er Werner von Arx kennengelernt, der von Fliegern erzählte. Der ältere Herr sagte, er habe noch so «Weltkrieg-Zeug». Fritz Muri besuchte von Arx in Basel und stiess auf einen ganzen, sauber hergerichteten Hangar voller Sammlerobjekte und Fachliteratur – ein eigentliches Privatmuseum.

Dort fand Muri in einer Aviatik-Zeitschrift von 1946 einen Artikel zum deutschen Luftwaffenchef Hermann Göring. Historiker zeigten sich interessiert, brachte der Beitrag doch das ganze Göring-Verhörprotokoll, das bisher nur in Teilen bekannt war. Der Artikel stammte aus der Feder von Ernest Evans, dem amerikanischen Nachrichtenoffizier, der den hochrangigen Nazi erstmals befragt hatte.

Evans' Kommentare liefern ein eigentliches Psychogramm des extravaganten Göring, der am Ende Hitler absetzen und selber regieren wollte. Göring äussert sich laut Muri auch zur Frage, ob Hitler wusste, dass Rudolf Hess nach England reiste – ein alter Historikerstreit, den das Schweizer Fernsehen zum Schluss der SF-Weltkriegsserie am Freitag zu lösen verspricht.

«10vor10»-WeltkriegsserieDer extravagante Luftwaffenchef Hermann Göring. (rub)

Erstellt: 25.05.2011, 14:50 Uhr

Artikel zum Thema

Nach 65 Jahren sind die Nürnberger Prozesse museal aufbereitet

Hauptkriegsverbrecher des zweiten Weltkriegs wurden während den Nürnberger Prozessen belangt. Nun entsteht am selben Ort ein Museum, das Exponate jener Prozesse ausstellt. Mehr...

CIA beschäftigte angeblich Nazis und Kriegsverbrecher

Während des Zweiten Weltkriegs bekämpften die USA die Nazis aufs Härteste. Doch danach gewährten sie ihnen offenbar Unterschlupf – weil sie für den US-Geheimdienst nützlich waren. Mehr...

Jüdisches Massengrab in Rumänien entdeckt

Archäologen haben im Nordosten Rumäniens ein Massengrab mit den Überresten von vermutlich mehr als 100 im Zweiten Weltkrieg ermordeten Juden entdeckt. Bislang wurden 16 Skelette ausgegraben. Mehr...

Bildstrecke

Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg

Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Eindrücke aus der Zeit zwischen 1939 bis 1945

Unter deutscher Beobachtung: Die Me 110 wird gesprengt. (Bild: SF/Fritz Muri)

Im Tausch gegen die Zerstörung der Me 110: Die Schweiz erhält 12 Messerschmitt-Jäger. (Bild: SF/Fritz Muri)

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...