«Ich kann nicht einfach sagen, ich bereue das»

Der ehemalige Terrorist Karl-Heinz Dellwo über seine Zeit bei der RAF, linke Ideen und die Globus-Krawalle.

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Karl-Heinz Dellwo war Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF) und 1975 an der Botschaftsbesetzung in Stockholm beteiligt, bei der drei Menschen ums Leben kamen. Dafür sass er 20 Jahre in Haft. Er ist einer der wenigen RAF-Mitglieder, die sich öffentlich zur ihrer Vergangenheit äussern. Nun gibt er die «Bibliothek des Widerstands» heraus (siehe Infobox).

Sie haben öffentlich der Gewalt abgeschworen, den linken Idealen sind Sie treu geblieben. Ist die Bibliothek des Widerstands einfach die Fortführung des Kampfes mit friedlichen Mitteln?
Es ist für mich weiterhin die Suche nach der Frage, wie man eine klassenlose Gesellschaft herstellen könnte. Wir wollen mit der Bibliothek aber vor allem die Geschichte der Linken beleuchten. Jeder soll sehen können, welche Kämpfe geführt wurden und seine Schlüsse daraus ziehen – ob er die Proteste nun gut findet oder nicht. Das Medium Film ermöglicht es uns, sehr nahe an die reale Stimmung von damals heranzukommen. Und wir hoffen, dass es uns gelingt, die Geschichte aus der Zwangsjacke der bürgerlichen Geschichtsinterpretation zu befreien.

Was meinen Sie damit?
Da muss ich mir nur die RAF-Geschichte anschauen. Es ist eine bodenlose Zumutung, wie Bernd Eichinger* und Stefan Aust* unsere Geschichte gnadenlos verbogen und zurechtgestutzt haben, nur damit es in ihr kommerzielles Konzept passt.

Wie kamen Sie an das Filmmaterial heran?
Wir haben auf der ganzen Welt recherchiert. Ich habe derzeit einen 16-Stunden-Tag. 60 Regisseure unterstützen mittlerweile das Projekt. Es melden sich auch viele Leute, die noch Material besitzen. Das sieht man, wie die Geschichte der Linken in irgendwelchen Kellern liegt und vergammelt. Das wollen wir verhindern. Die Produktionen sind teils in einem sehr schlechten Zustand und müssen aufwändig restauriert worden. In einem Fall konnten wir den Film erst dank drei Kopien aus aller Welt wieder zusammenfügen.

Die Bibliothek enthält auch Schweizer Produktion «Krawall». Welchen Stellenwert hat der Film in der Sammlung?
«Krawall» behandelt sozusagen den Schweizer Anschluss an die internationale Revolte. Es ist deshalb so spannend, weil man heute im Zusammenhang mit der RAF denkt, es seien in der BRD einfach ein paar Verrückte vom Himmel gefallen – und überall sonst sei es friedlich gewesen. Dabei war die 68er-Bewegung in allen Ländern aktiv – eben auch in der Schweiz, aus meiner Sicht damals ein Hort des Spiessbürgertums. Spannend ist bei «Krawall», dass sich Rocker mit Studenten verbündeten, es wurden Grenzen durchbrochen. Das finde ich faszinierend.

Wenn Sie die heutigen Protestbewegungen mit jenen von 1968 vergleichen: Welches sind die markantesten Unterschiede?
1968 konnte man im Gegenkulturellen noch enorme Unterschiede herstellen und Änderungen bewirken. Hier hat sich das Kapital angepasst. Solange sich die Leute ausbeuten lassen, können sie sich kulturell äussern wie sie wollen. Das Gegengesellschaftliche muss heute die ganze Grundlage der Gesellschaft erfassen. Das ist viel schwieriger.

Wie weit darf Ihrer Meinung nach heute der Protest gehen?
Nehmen wir das Beispiel Griechenland, wo im Mai bei Ausschreitungen drei Menschen verbrannten. Das war schrecklich. Da kann ich auf ihre Frage nur sagen: Die Revolution geht so weit sie will, soll heissen, sie spült gutes wie schlechtes hoch, denn sie tritt als Eruption auf, die niemand unter Kontrolle hat. Natürlich darf man nicht alles tun. Man muss im Widerstand und Protest klare Kriterien der Legitimität entwickeln. Alles andere muss man hart kritisieren. Ich will das aber auch nicht auf die Frage der Gewalt reduzieren. Man sollte möglichst ohne Gewalt protestieren. Aber das entscheiden sie nicht immer alleine, die Protestierenden müssen sich auch nicht alles gefallen lassen.

Einige scheinen den öffentlichen Protest, insbesondere am 1. Mai, dafür zu nutzen, um Randale zu machen. Wie denken Sie darüber?
Wenn Jugendliche, wie ich gesehen habe, sich vor Wasserwerfer in Pose stellen, Fotos machen und herumschicken, ist das sicher nicht sehr politisch. Trotzdem ist es ein politischer Tatbestand, ob ihnen das bewusst ist oder nicht. Inzwischen gibt es ja nach fast jedem Fussballspiel eine Randale. Ich sehe darin einen ungeheuren Erlebnishunger, der in dieser Gesellschaft unbefriedigt bleibt. Wir leben in einer irrwitzigen Konsumwelt, in der die Aussenwelt vollgestellt ist mir irgendwelchen Waren. Sie schaffen aber keine Befriedigung. Den Hunger nach Leben bleibt ungestillt.

Kommen wir zu Ihrer Vergangenheit: Sie waren 1975 als Mitglied der RAF an der Besetzung der Botschaft in Stockholm beteiligt, bei der vier Menschen ums Leben kamen. Sie sassen dafür 20 Jahre in Haft. Bereuen Sie die Tat heute?
Wir wollten damals nicht hinnehmen, dass die Revolte aus 1968 verloren ist. Sie können daraus nicht einfach eine Moralfrage machen. Hier ging es, von beiden Seiten aus, um Klassenkampf. Diesen bewaffnet geführt zu haben, bereue ich nicht. Gleichwohl haben wir in unserer Radikalität damals viele Fehler gemacht, auch Handlungen, die nicht legitim waren wie in Stockholm die Geiselerschiessung. Aber ich kann nicht einfach sagen, ich bereue das.

Weshalb?
Weil es geheuchelt wäre. Unsere Aktionen hatten als Grund den Kapitalismus und die Gewalt des imperialistischen Krieges, Beispiel Vietnam. Auch wollten wir, Besonderheit der BRD, den Bruch mit einer Gesellschaft, deren Mehrheit von den Nazis sozialisiert war, deren politische, administrative und wirtschaftliche Elite in erheblichen Masse aus Altnazis bestanden. Es war nicht «unsere» Gesellschaft. Es gab eine demokratische Form, die von den Alliierten übergestülpt worden war – und die Alt-Nazis fügten sich mit neuen Anzügen ein, trotzdem blieben sie die Gleichen. Mit denen gemeinsam zu sein – das war unerträglich. Wenn Sie das als Ausgangspunkt nehmen, müssen sie heute über andere Dinge reden - und nicht die Frage nach Reue stellen, als ob das andere Problem nicht gegeben hätte. Wir sahen damals für uns einfach keine Alternative als der bewaffnete Kampf.

Haben Sie auch an die getöteten Geiseln gedacht? Plagen Sie keine Schuldgefühle?
Wenn die Frage dahin geht, ob ich heute noch an Stockholm denke, dann kann ich ihnen sagen, dass ich überhaupt nichts vergessen habe. Ich setze mich immer wieder mit unserer Aktion auseinander.

Sie weichen aus: Haben Sie Schuldgefühle?
Meine Antwort traf den Kern. Schuld und Reue sind für mich keine Kategorien, unter denen ich mich mit meiner Geschichte beschäftigen kann. Es gibt ein Ausserhalb gegenüber dieser bürgerlichen Welt. Da haben ihre Massstäbe die Herrschaft verloren.

Wurde innerhalb der RAF über die vielen Opfer gesprochen, die bei Anschlägen ums Leben kamen?
Ja, damals über sie als Feinde. Wir haben sie summarisch dem System zugeordnet, so wie dieses uns umgekehrt auch betrachtet hat. Wenn die Brüche vollzogen sind, herrscht auf allen Seiten gegenseitig der kalte Blick. Das ist eine Bedingung im Krieg. Mir fällt hier auch Jean Ziegler ein, der als UN-Kommissar belegt, dass von der Produktivität her 12 Milliarden Menschen ausreichend ernährt werden können. Jedes verhungerte Kind ist für ihn deshalb ein ermordetes Kind, weil es keine von den Menschen unabhängige Fatalität gibt, die daran schuld ist. Die RAF hat 30 Tote zu verantworten in 28 Jahren.

Wie kamen Sie eigentlich zur RAF?
Wichtiger Katalysator war natürlich 1975 der Tod von Holger Meins. Aber ich habe bereits drei Jahre zuvor anderen geholfen, die in der Illegalität lebten. Mich hatte die Radikalität der RAF, gerade auch im Anspruch, die eigene Person zu revolutionieren, sehr angesprochen.

Wie beurteilen Sie heute die Aktionen der RAF?
Wir dachten, die Illegalität und das Konzept Stadtguerilla wäre der richtige Weg. Es gibt Aktionen, die ich auch heute noch richtig finde, wie diejenige zum Vietnamkrieg. Bis 1975 haben die meisten linken Gruppen noch mit Bewunderung auf uns geschaut und selber an einer Konzeption der Revolution festgehalten. Das hat sich nach 1977 geändert. Bei den Aktionen drängte sich eine militärische Härte und Brutalität nach vorne, die viele einfach nicht tragen konnten. Schliesslich hat sich die RAF in der Landshut-Entführung selber delegitimiert, am Ende waren die Stammheimer Gefangenen tot. Da haben sich viele gesagt, dass ihnen der Preis zu hoch ist. Wo die Revolution versperrt ist, kommt die Depression oder die Hinwendung zum Reformismus. Nach 1977 hat ein grosser Teil der 68er-Bewegung sich nach und nach zum bürgerlich-demokratischen System der BRD bekannt.

Sie selber dachten damals, dass man mit Wahlen nichts erreichen kann. Wie ist heute Ihr Verhältnis zur Demokratie?
Sie muss auf jeden Fall verteidigt werden. Das sage ich auch vor dem Hintergrund des realexistierenden Sozialismus, des Stalinismus und auch teils vor dem Hintergrund der RAF-Geschichte. Aber Demokratie ist nicht gleichbedeutend mit bürgerlicher Demokratie. Auf politischer Ebene wird zwar gewählt, aber die wirklichen Machtzentren in der Gesellschaft, die ihren Verlauf bestimmen, sind völlig entdemokratisiert. Schauen Sie sich nur die Finanzmärkte und Konzerne an. Wie im Feudalismus bestimmen Könige über Hunderttausende Menschen und Schicksale und führen Produktionsschlachten, ohne dass sie jemand kontrolliert.

*Bernd Eichinger ist Regisseur des Films «Der Baader-Meinhof-Komplex», Stefan Aust der Autor des gleichnamigen Buchs über die Geschichte der RAF. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.06.2010, 13:04 Uhr

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