«In seiner ganzen Länge sprengen»

Im Juni 1940 machte Gottlieb Duttweiler den Vorschlag, den Gotthardtunnel zu sprengen. Was heute völlig abwegig klingt, wurde damals ernsthaft diskutiert – und drang selbst zu Hitler durch.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Idee klingt abwegig, gerade heute, da wir der Eröffnung des neuen Gotthardtunnels entgegenfieberten. Aber vor gut 75 Jahren wollte Gottlieb Duttweiler den Gotthard- wie auch den Simplontunnel «sprengen». Und zwar «in seiner ganzen Länge», wie Duttweiler hervorhob. So steht es in einem Brief, den der Migros-Gründer im Juni 1940 an General Guisan schrieb.

Duttweilers Idee klingt heute nicht zuletzt deshalb so abwegig, weil es im Fall des Gotthards immerhin 15 Kilometer Tunnel gewesen wären, die man hätte «sprengen» müssen. Aber Duttweiler war überzeugt, dass dies technisch möglich ist: Der gewiefte Kaufmann wusste, dass die Schweiz bereits ein «sehr grosses Quantum an Sprengstoff» besass, mit dem man den Simplontunnel hätte zerstören können. Warum also nicht noch etwas Sprengstoff hinzukaufen, mit dem man den Gotthardtunnel unpassierbar machen könnte? Selbstverständlich nur als Drohung gegenüber den Nazis, die auf die Schweiz als Transitland angewiesen waren.

Der Zeitpunkt von Duttweilers Brief war alles andere zufällig: Als der Migros-Erfinder am 14. Juni 1940 in Zürich seinen Brief an den General aufsetzte, waren die Nazis gerade kampflos in Paris einmarschiert. Damit war die Schweiz endgültig von den Achsenmächten umzingelt: Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich – alles unter faschistischem Einfluss. Dem musste entgegengetreten werden. Zumindest wenn es nach Duttweiler ging, der damals so etwas wie der rebellische Shootingstar der Schweizer Politik war: 1935 war Duttweiler mit seiner Liste der Unabhängigen auf Anhieb in den Nationalrat gewählt worden. Und dort behauptete sich der Unternehmer als Enfant terrible, das ganz entschieden für die Neutralität der Schweiz eintrat – auch gegen den Bundesrat, der damals eine «Anpassung an die neuen Verhältnisse» erwog.

Den Gotthardtunnel sprengen – zur Bewahrung der Neutralität

Als Massnahme zur Bewahrung der Neutralität war denn auch Duttweilers Idee einer Gotthardsprengung zu verstehen: Mit ihr wollte er die Aorta der Achsenmächte durchtrennen. Denn wie Duttweiler in Erfahrung gebracht hatte, war Italien «unter allen Umständen auf das regelmässige Funktionieren der Kohlenzufuhr über die Schweiz angewiesen». Über den Brennerpass konnten die Faschisten hingegen nur einen kleinen Teil des Brennstoffs verschieben, den Italien dringend benötigte: «Nach mir zur Verfügung stehenden Zahlen bewältigt der Gotthard heute durchschnittlich 26 Kohlenzüge zu ca. 50 Wagen à 15 Tonnen», rechnet Duttweiler in seinem Brief an den General vor. «Der Brenner», der von den Nazis kontrolliert wurde, «leistet ungefähr einen Viertel dieses Quantums», das der Gotthardtunnel in Sachen Transit bewältigen konnte.

Mit seiner Idee einer Sprengung des Gotthardtunnels war Duttweiler nicht allein: Bereits fünf Tage vor dem Einmarsch der Nazis in Paris hatte der designierte Bundesrat Karl Kobelt dem General gegenüber den Vorschlag gemacht, die Gotthardlinie «nachhaltig zu zerstören». Kobelt argumentierte dabei fast identisch wie Duttweiler: Wenn die «Wiederherstellung» der Gotthardbahn «Wochen oder Monate» benötigen würde, «so dürfte dies wohl ein schwerwiegendes Argument gegen einen Einmarsch in die Schweiz darstellen», meinte Kobelt.

General Guisan gegen Gotthardzerstörung

General Guisan sah das anders: «Persönlich sei der General überzeugt», dass die Schweiz gegenüber den Achsenmächten als «wertvolles Transitland» gelte, «dessen Alpenbahnen» den Nazis «möglichst unversehrt zur Verfügung stehen sollten». Wenn die Schweiz zu den Massnahmen greifen würde, die Duttweiler und Kobelt vorschwebten, würden die Achsenmächte wohl ihrerseits mit «einem Einmarsch» in die Schweiz «drohen», heisst es in einer Mitschrift einer geheimen Unterredung vom 22. Juni 1940.

Gegen Duttweilers Idee einer Sprengung des Gotthardtunnels sprachen nicht zuletzt logistische Gründe: Die Beschaffung und die Anbringung des Sprengstoffs hätten gut zwei Jahre in Anspruch genommen. Und sie hätten nicht weniger als 59 Millionen Franken gekostet, was heute der Kaufkraft einer halben Milliarde Schweizer Franken entspricht. Zudem gestaltete sich die Beschaffung des Sprengstoffs schwierig, wie erste Sondierungen der Schweizer ergaben: Die Briten verweigerten die Lieferung. Wie man die notwendige, wahrscheinlich monströs grosse Menge Sprengstoff nach dem Einmarsch der Nazis in Paris in die umzingelte Schweiz hätte bringen sollen, war eine andere Frage, die von den Schweizern nicht mehr berührt wurde. Das Projekt wurde verworfen.

Mit seinem Vorschlag, im Gotthardtunnel Sprengladungen anzubringen, hatte Gottlieb Duttweiler aber zumindest eines erreicht: Seine Idee drang bis zu Hitler durch. «Bei einem Zugriff», dem das Land «natürlich nicht ernsthaft widerstehen könnte», würden die Schweizer «wahrscheinlich den Gotthard und den Simplon sprengen», glaubte Hitler-Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, der von 1933 bis 1937 deutscher Gesandter in Bern war und die Schweiz also sehr gut kannte. Empfänger dieses Briefes war Joachim von Ribbentrop, Hitlers Aussenminister. Es war also ein Teil dessen eingetroffen, was sich Duttweiler erhofft hatte: Die Drohung war bei den Nazis angekommen. Denn dies scheint sein eigentliches Ziel gewesen zu sein, wenn er schreibt, dass «diese Massnahme irgendwie nicht ganz geheim zu halten» sei. Duttweilers Idee hatte also gezündet – und dies ganz ohne Sprengstoff im Gotthardtunnel.

Erstellt: 01.06.2016, 13:01 Uhr

Artikel zum Thema

Wer hat die grösste Röhre?

Infografik Der Gotthard-Basistunnel ist der längste Eisenbahntunnel der Welt. Je nach Definition rutscht er aber in den Rängen ab. Teil 2 unserer Grafik-Serie. Mehr...

Was die Tunnelbauer im Gotthard antrafen

Infografik Am 1. Juni wird der Gotthard-Basistunnel ins SBB-Netz aufgenommen. Bohren Sie sich schon jetzt durch 57 Kilometer Fels – der mal hart wie Stahl, dann wieder weich wie Blätterteig war. Dies ist Teil 1 einer Grafik-Serie zum Jahrhundertbauwerk. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...