Japan hadert mit seiner Geschichte

Zu Zehntausenden wurden Frauen im Zweiten Weltkrieg in japanischen Militärbordellen als Sexsklavinnen missbraucht. Die Betroffenen fordern Entschädigung. Doch ein japanischer Bürgermeister sorgt für einen Eklat.

Fordern eine Regierungsentschuldigung und Entschädigung: Kim Bok-Dong und weitere «Trostfrauen» demonstrieren vor der japanischen Botschaft in Seoul.

Fordern eine Regierungsentschuldigung und Entschädigung: Kim Bok-Dong und weitere «Trostfrauen» demonstrieren vor der japanischen Botschaft in Seoul. Bild: Keystone

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In ihr schreckliches Geheimnis weihte Kim Bok-Dong nur ihre Mutter ein. Der Ehemann starb, ohne je etwas geahnt zu haben. Vor mehr als 70 Jahren zwangen die japanischen Besatzer in Korea die damals 14-jährige Kim zur Zwangsarbeit - in einer Uniformfabrik, wie es zunächst hiess. Doch am Ende landete das junge Mädchen in einem Militärbordell in Südchina.

Unter der Woche wurde Kim von durchschnittlich 15 Soldaten vergewaltigt, am Wochenende waren es Dutzende. Abends konnte sie vor Schmerz nicht mehr stehen und blutete. Wachmänner sorgten dafür, dass sie und die anderen Mädchen nicht fliehen konnten. Als sie nach Kriegsende nach Korea zurückkehrte, breitete Kim den Mantel des Schweigens über ihr Schicksal. Jahrzehntelang.

Historiker schätzen, dass bis zu 200'000 Frauen und Mädchen aus China, Indonesien, Thailand, Burma, Hongkong, Macao und den Niederlanden ein ähnliches Martyrium durchlebt haben wie Kim. Als Japan vor und während des Zweiten Weltkrieges einen Grossteil Ostasiens besetzte, wurden sie zu Sexdiensten für japanische Soldaten gezwungen - und euphemistisch «Trostfrauen» genannt.

Hashimoto: «Trostfrauen» waren notwendig

Wie schwer sich Japan noch immer mit der Aufarbeitung seines dunklen Kapitels tut, zeigten kürzlich Äusserungen von Osakas Bürgermeister Toru Hashimoto. Die «Trostfrauen» seien notwendig gewesen, um die Disziplin der japanischen Truppen aufrecht zu erhalten, erklärte er. Seine Worte handelten ihm prompt heftige internationale Kritik ein. Und auch in Japan offenbarte eine Umfrage, dass 75 Prozent der Bevölkerung sie für unangemessen hielten.

Am Donnerstag überstand Hashimoto nur knapp einen Misstrauensantrag im Stadtrat - was ihn vor einem Rücktritt rettete.

Hashimotos Aussagen gelten vielen als Indiz dafür, dass Japans Politiker begangenes Unrecht im Zweiten Weltkrieg nicht eingestehen wollen. Im Gegenteil: Ministerpräsident Shinzo Abe kündigte an, entsprechende Entschuldigungen vorangegangener Regierungen auf den Prüfstand stellen und Japans pazifistische Verfassung ändern zu wollen.

Bereits 1993 hatte sich die japanische Regierung etwa bei den «Trostfrauen» entschuldigt. In einer Rede sprach Kabinettssekretär Yohei Kono damals von «unermesslichem Schmerz und unheilbaren physischen und psychologischen Wunden.»

Zwei Jahre später setzte die Regierung einen aus Privatspenden finanzierten Fonds auf, der 280 ehemaligen Sexsklavinnen je zwei Millionen Yen auszahlte. Viele der Betroffenen fordern allerdings eine vom Parlament verabschiedete Entschuldigung und offizielle Entschädigungszahlungen.

Abe: Es gibt keine Beweise

Knackpunkt bei der Debatte bleibt, ob und inwiefern die Frauen damals von der Regierung genötigt wurden. Hashimoto nahm seine Aussagen zwar ein wenig zurück, beharrte aber weiterhin darauf, dass es keinen systematischen Zwang zur Prostitution gegeben habe. Ähnlich ist auch die Haltung von Ministerpräsident Abe, der behauptet, es gebe keine Beweise, dass die Frauen auf staatliche Anordnung zu Sexdiensten genötigt wurden.

Doch darin weichen beide von der Auffassung der japanischen Regierung aus den 90er Jahren ab. Damals hatte die Regierung auf Grundlage von Interviews mit Betroffenen befunden, dass es sehr wohl Zwang gegeben habe - auch wenn es keine entsprechenden Dokumente gebe. Eine Rede des damaligen Kabinettssekretärs Yohei Kono aus dem Jahr 1993 besagte, dass das Militär direkt oder indirekt an der Gründung der Bordelle beteiligt gewesen und viele Frauen «gegen ihren Willen» rekrutiert worden seien.

«Die Haltung von Ministerpräsident Abe und Bürgermeister Hashimoto sowie die internationale Auffassung von Nötigung sind Welten voneinander entfernt», sagt auch der Historiker Yoshiaki Yoshimi. Viele der japanischen Sexsklavinnen seien als Kinder von ihren Eltern verkauft worden. Anderswo in Asien habe die japanische Regierung Kinderrechte missachtet.

Jahrelanges Schweigen

Kim Bok-Dong kehrte 1946 nach Kriegsende nach Korea zurück. Eine wirkliche Befreiung sei die Heimkehr für sie jedoch nicht gewesen, sagt sie bei einem Besuch in Osaka. Ausser mit ihrer Mutter sprach sie über Jahre hinweg mit niemandem über ihre Vergangenheit. Erst als Kims Ehemann 1981 verstarb, begann sie von ihrem Schicksal zu erzählen. Sie schloss sich einer Frauengruppe an, die eine offizielle Entschuldigung durch die japanische Regierung forderte. «Ich hoffe, dass die japanische Regierung die Sache klärt, solange wir noch am Leben sind», sagt Kim. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2013, 23:07 Uhr

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