Luftschiff blieb ein Luftschloss

Ein Flugticket kaufen und abheben - das war vor 100 Jahren in der Schweiz nur in Luzern möglich. Gebaut wurde dafür extra eine Gasfabrik.

Wurde kein rentables Geschäft: Luftschifferei über Luzern.

Wurde kein rentables Geschäft: Luftschifferei über Luzern. Bild: Keystone

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Am 24. Juli 1910 wurde in Luzern eine Luftschiffstation eröffnet. Schon zwei Jahre später kam es aber zum Grounding der Touristenattraktion. Die Fliegerei als Geschäftsidee entdeckt hatten die Luzerner Touristiker 1908. Damals war der «Zeppelin LZ4» von Friedrichshafen nach Luzern und wieder zurückgeflogen. Mit dem zwölf Stunden dauernden Flug über 387 Kilometer brach der LZ4 sämtliche Dauer- und Entfernungsrekorde der noch jungen Luftschifffahrt.

1909 entschieden Luzerner Hoteliers, ins Fluggeschäft einzusteigen. Ein Jahr später wurde die «Genossenschaft Aero Luzern» - das erste Lufttransportunternehmen der Schweiz - mit der Pariser «Compagnie Générale Transaérienne» handelseinig.

Teure Anlagen

Luzern stellte für den Luftschiffbetrieb die Infrastruktur am Boden zur Verfügung und baute auf dem vor der Stadt gelegenen Tribschenmoos eine fast 100 Meter lange Halle und eine Gasfabrik. Insgesamt kosteten die Anlagen gegen 220'000 Franken.

Die Franzosen lieferten das Luftschiff. Die 61 Meter lange «Ville de Lucerne 1» war ein «Prallluftschiff». Dieses hat, im Gegensatz zum Zeppelin, kein tragendes Gerüst. Ein mit einem 110 PS starken Motor angetriebener Propeller sorgte für Tempi von bis zu 45 km/h.

Zahlungskräftige Kundschaft

Das Luftschiff war eine Attraktion, mit der sich Luzern einen Spitzenplatz unter den Fremdenstädten erhalten wollte. Tatsächlich war die Konkurrenz hart: Die traditionellen Gäste der High Society begannen sich neuen Destinationen zuzuwenden, der einsetzende Gruppentourismus drückte auf die Erträge der Hoteliers.

Ein Flug mit der «Ville de Lucerne 1» war ein teurer Spass. Eine Spazierfahrt von 20 Minuten habe 100 Franken, eine Fahrt zur Rigi oder zum Pilatus 200 Franken gekostet, schreibt Alfred Waldis, Verkehrshistoriker und erster Direktor des Verkehrshauses.

In der ersten Sommersaison transportierte das Luftschiff 235 Passagiere. Eine der 66 Fahrten führte nach Zürich-Wollishofen und zurück - es war die erste Luftverbindung zwischen zwei Schweizer Städten.

Ein fliegerisches Superjahr

1910 war aber nicht nur wegen der «Ville de Lucerne 1» ein bedeutendes Jahr für die Fliegerei. Am 25. Februar fand in St. Moritz GR der erste Motorflug der Schweiz statt, am 12. August startete erstmals ein in der Schweiz gebautes Flugzeug. Es folgten erste spektakuläre Flüge, etwa über den Genfersee und den Simplon.

Das trendbewusste Luzern setzte in jenem Jahr nicht nur auf das Luftschiff, sondern auch auf die aufkommende Motorfliegerei. So wurde im Herbst das traditionelle Internationale Pferderennen mit einer «Aeroplan-Konkurrenz» ergänzt.

Es blieb bei einer Episode

Dort gab es gemäss einem zeitgenössischen Bericht viele «kleine Sprünge» und etliches «Kleinholz» zu sehen. Vermeldet wird aber auch der erfolgreiche Flug einer fliegenden Kiste zum Wasserturm und der erste Passagierflug der Schweiz.

Das Luzerner Luftschiff blieb eine Episode. 1911 machte es mit Pannen von sich reden, ein Jahr später gab Aero Luzern das defizitäre Unternehmen auf, um - bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs - auf Rundflüge mit Wasserflugzeugen im Seebecken zu setzen. (sam/sda)

Erstellt: 22.07.2010, 17:31 Uhr

Fest am Samstag

Am kommenden Samstag - genau ein Jahrhundert nach der Einweihung der Luftschiffstation in Luzern - findet in Emmen LU ein grosses Flugmeeting statt. Der Aero-Club der Schweiz feiert mit dem Anlass 100 Jahre Luftfahrt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet wird mit einer Videoreportage über diesen Anlass berichten.

In keinem anderen Jahr häuften sich die für die Schweizer Luftfahrt bedeutenden historischen Ereignisse wie 1910, schreibt der Aero-Club. Grund genug, die Pioniere zu würdigen und in die Zukunft zu schauen.

Zentraler Event ist das Flugmeeting in Emmen. Als Premiere fliegt ein Airbus A330-300 der Swiss mit der Patrouille Suisse. Zu sehen sind viele historische und aktuelle Flugzeuge, Fallschirmspringer und ein Massenaufstieg von Heissluftballonen.

1910 mag ein wichtiges Jahr für die Schweizer Aviatik gewesen sein, ein eigentliches Gründungsjahr war es nicht. Man könnte 2010 genauso gut ein 226-jähriges oder ein 91-jähriges Jubiläum feiern, stellt der Verkehrshistoriker Sandro Fehr fest.

Die ersten bemannten Ballonfahrten liessen sich nämlich in der Schweiz bis 1784 zurückverfolgen. Und die heutige Luftfahrt mit Fluggesellschaften und regulären Fluglinien gebe es erst seit 1919, schreibt Fehr im Wissenschaftsmagazin der Uni Bern (UniPress).

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