Mädchen als Industriematerial

Die St. Galler Firma Akris zeigt ihre Kollektionen als einziges Label des deutschsprachigen Raums an der Pariser Fashion Week. Die Anfänge der Marke als Schürzenfabrik waren denkbar karg.

Näherinnen an der Arbeit: Die Firma Akris (A. Kriemler-Schoch) in den 40er-Jahren.

Näherinnen an der Arbeit: Die Firma Akris (A. Kriemler-Schoch) in den 40er-Jahren. Bild: Buch «Schürzennäherinnen»

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Im Rheintaler Dorf Kriessern der späten 40er-Jahre fand Alice Kriemler-Schoch, was sie für ihre Schürzenproduktion gesucht hatte: schulentlassene junge Mädchen, zwangsläufig ohne Ambitionen. Hier war die Welt noch, wie sie die Industrie brauchte; die Familien waren arm und auf den Lohn der Kinder angewiesen.

Spricht man heute von Akris, denkt man an Glamour, an Michelle Obama, gehüllt in feinste Seide, und unverwechselbaren Purismus. Doch die Anfänge waren karg, und es ist kaum vorstellbar, wie einst blutjunge Landmädchen in einer kalten Stube, die sie «Büdeli» nannten, an ihren Maschinen hockten und Schürzen für Akris nähten. Die Autorin Jolanda Spirig macht diese Zeit im kürzlich erschienenen Buch «Schürzennäherinnen» lebendig und bringt einem die damaligen Umstände auf einer persönlichen Ebene näher: Statt nur eine Biografie über die Gründerin und Namensgeberin Alice Kriemler-Schoch zu schreiben, traf sie zusätzlich neun Näherinnen aus dem damaligen Produktionsableger in Kriessern. So entstanden in «Schürzennäherinnen» zehn Frauenporträts, die von Armut und Aufstieg berichten und die Anfänge von Akris greifbar machen.

«Geh in die Bude! Verschwinde!»

Die Arbeit im «Büdeli» war «kein Schleck», erzählt die kürzlich verstorbene Marie Langenegger im Buch. Die Paspelierung machte ihr zu schaffen, also das Einfassen der Schürzenkanten mit bunten Schrägbändern. Verlief das Schrägband nicht gleichmässig, kam die Ware zurück. Nach dem Tag in der Näherei folgte meist der Abend im Stall, denn der Vater war zu alt und zu kraftlos, um noch zu melken.

Auch Melitha Baumgartner hatte zum Schluss keine Wahl. Dabei hätte sie Möglichkeiten gehabt, die den anderen Mädchen nicht offenstanden. Sie durfte die Sekundarschule in Oberriet besuchen und hätte sogar eine Lehrstelle als Metzgereiverkäuferin im Toggenburg antreten können. Doch als sich Melitha Baumgartner mit gepacktem Koffer von der Mutter ins Toggenburg verabschieden wollte, sagte diese nur: «Zieh dich augenblicklich aus und geh in die Bude. Verschwinde!» Von da an ging Melitha Baumgartner für Frau Kriemler nähen – obwohl sie mit vierzehneinhalb Jahren noch gar nicht hätte arbeiten dürfen.

50 Rappen Stundenlohn

Anfangs kam sie im Akkord gerade auf 50 Rappen die Stunde. Aber immerhin etwas – die Familie hatte nichts, erst recht nicht, seit der Vater gestorben war. Die Witwenrente wurde erst 1948 mit der AHV eingeführt. «Die Witwen bekamen keinen Fünfer, von keiner Seite. Auch von der Kirche gab es nichts», sagt Melitha Dietsche-Baumgartner im Buch. Für ein paar Brotgutscheine aus dem Brotfonds mussten die Kinder in der ungeheizten Kirche drei Vaterunser für das Seelenheil der Stifter runterbeten.

Das Schürzen-«Büdeli» in Kriessern wurde 1946 eröffnet. Für die Mädchen aus dem Dorf war es neben der Textilfabrik Viscose die einzige Perspektive, bis zur Hochzeit etwas Geld zu machen. Die «Kriemlera», wie sich die jungen Näherinnen nannten, verdienten schlecht und arbeiteten hart. Trotzdem sei es familiär gewesen, man habe oft gemeinsam gesungen, so sei die Arbeit leichter von der Hand gegangen, erzählen sie. Auch von der Chefin, Alice Kriemler-Schoch, wissen sie im Buch nur Gutes zu erzählen. So lud sie die «Mädchen», wie Alice Kriemler-Schoch die Kriessnerinnen nannte, zum Weihnachtsessen und zur Hochzeit ihres Sohn Max ein. Für die Mädchen war die Kriemler-Schoch eine von ihnen und zugleich ein Vorbild. Auch sie war eine Bauerntochter, auch sie hatte einst als Schürzennäherin begonnen.

Der bevorzugte Bruder

Das Schneiderhandwerk hatte Alice Schoch in der Schürzenfabrik ihrer Tante in Flawil erlernt. Schnell stieg sie in die Produktionsleitung auf. Als die Tante starb, hätte Alice Schoch die Fabrik gern übernommen, doch die ging an ihren Bruder Fritz. Ein Riesenfrust. So sparte sie sich im Haushaltsjahr das Geld für eine Nähmaschine zusammen und begann, selber Schürzen herzustellen.

1921 heiratete Alice Schoch 25-jährig den Chemievertreter Albert Kriemler. Als dieser mit Schuhcreme auf Verkaufsreise ging, nahm er die Schürzenkollektion seiner Frau kurzerhand mit. Die bestellten Schürzen nähten Alice Kriemler-Schoch und ihre Helferinnen in der Folgewoche. Das Geschäft lief gut, bald richtete sie im Erdgeschoss ihres St. Galler Wohnhauses eine Produktion für acht Näherinnen und zwei Zuschneiderinnen ein. Im Juli 1922, zwei Monate nach der Geburt des ersten Kindes Max, wird die Einzelfirma A. Kriemler-Schoch, abgekürzt Akris, im Handelsregister eingetragen.

Aus der Mode gekommen

Bald bestellte das umliegende Gewerbe Arbeitsschürzen bei Kriemlers. Nach und nach erweiterte man das Sortiment um Blusen. Grosse Aufträge folgten, etwa von Globus. 1944 starb Albert Kriemler unerwartet an einem Herzinfarkt. «Beim Erwachen musste er noch etwa zehnmal tief atmen, und dann schloss er für immer die Augen», schreibt Alice Kriemler-Schoch ins Tagebuch. Er hinterliess die Söhne Ernst und Max. Letzterer übernahm schnell die Rolle des Vaters und kümmerte sich bei Akris ums Geschäftliche. Doch Chefin blieb vorerst die Mutter. Sie war es auch, die in Kriessern das «Büdeli» eröffnete – die Schürzenproduktion lag ihr besonders am Herzen. Als die Nachfrage nach Schürzen in den 60er-Jahren nachliess, setzte Akris noch stärker auf Damenbekleidung. 1966 musste das «Büdeli» geschlossen werden, die hochwertigen, aber teuren Schürzen rentierten nicht mehr und waren aus der Mode gekommen.

Alice Kriemler-Schoch erlag 76-jährig einer Hirnblutung. Bis zuletzt war sie im Unternehmen präsent, obwohl sie sich nach und nach aus den Geschäften zurückgezogen hatte und sich mehr um die sechs Enkel kümmerte. Einer von ihnen war ihr besonders ans Herz gewachsen: Albert – der heutige Chefdesigner von Akris. Noch bis vor fünfzehn Jahren trafen sich die Kriessner Näherinnen jährlich zum sogenannten Kriemler-Hock, um über alte Zeiten zu plaudern. Und manche von ihnen verfolgen den Wandel von der Schürzennäherei zum Prêt-à-porter-Label bis heute in den Medien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2012, 07:53 Uhr

Mit den hochwertigen Schürzen fing alles an. (Bild: Akris, Buch «Schürzennäherinnen»)

Das Buch

Jolanda Spirig: Schürzennäherinnen. Chronos, Zürich 2012. 184 Seiten, ca. 35 Franken.

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