«Mutter der Atombombe»

Die österreichische Physikerin Lise Meitner war eine der wenigen Frauen, die gute Chancen auf einen Nobelpreis hatten. Doch bei der Vergabe wurde die Mitentdeckerin der Kernspaltung übergangen.

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Die Nachricht vom Atombombenabwurf von Hiroshima am 6. August 1945 ­erreichte die Physikerin Lise Meitner in einem kleinen Ferienhotel in Zentralschweden. Ein Journalist hatte sie angerufen und wollte wissen, was sie vom Desaster halte. In den USA und in Schweden, wohin Lise Meitner 1938 aus Nazideutschland fliehen musste, galt die ­österreichische Kernphysikern als «jüdische Mutter der Atombombe». Lise Meitner beschied dem Reporter, dass sie nichts davon wüsste und deshalb nichts sagen könne. Sowohl die Brandmarkung als Mutter der Atombombe wie auch die Betonung ihrer jüdischen Herkunft ­waren der protestantisch erzogenen Wienerin unangenehm.

Wenn sie auch nichts mit dem Bau der Atombombe zu tun hatte, so hatte Lise Meitner sehr wohl die Voraussetzungen dafür geschaffen. Denn sie hatte sechseinhalb Jahre vor dem Abwurf zusammen mit den Chemikern Otto Hahn und Fritz Strassmann die Kernspaltung von Uran entdeckt. Für diese Entdeckung wurde der Chemie-Nobelpreis für das Jahr 1944 verliehen, allerdings nur an Otto Hahn. Die Auszeichnung zählt zu den umstrittensten Entscheidungen bei den Nobelpreisen, deren diesjährige Ankündigung nächste Woche folgt. Nicht der katastrophalen Auswirkungen der Atombombe wegen, sondern weil die Physikerin übergangen worden war. «Die Dokumente der Nobelstiftung liegen mittlerweile offen», sagt der Wissenschaftshistoriker Ernst ­Peter Fischer. «Der Blick in die Akten zeigt, dass die entscheidungsberechtigten Personen überhaupt nicht verstanden haben, was Lise Meitner gemacht hat.»

Lise Meitner war eine in der damaligen Physikergemeinschaft hoch anerkannte Kollegin. Einstein nannte sie «unsere Madame Curie». Auch mit dem Schweizer ETH-Physiker Paul Scherrer, Namensgeber des gleichnamigen Instituts, verbanden sie freundschaftliche Bande. Scherrer hatte 1938 wie andere Physiker versucht, mit einer Einladung nach Zürich Lise Meitners Flucht aus ­Nazideutschland zu ermöglichen.

Geboren ist Lise Meitner Ende 1878 in Wien als Tochter eines Rechtsanwaltes. Sie hatte sieben Geschwister. Wie ihre ­ältere Schwester wollte sie die Matura machen, was für Frauen damals nur mit einem Privatlehrer möglich war. Bald zog es sie in die Physik – und mit Unterstützung der Eltern ging sie zu Max Planck nach Berlin, das als Epizentrum der modernen Physik galt. Dort traf sie auf den nur vier Monate jüngeren Otto Hahn, der in das damals unter Chemikern als neumodisch verrufene Gebiet der Radioaktivität eintauchte. Hahn brauchte noch einen Physiker – und da war Lise Meitner zur Stelle.

Brief ins Stockholmer Exil

In der Wissenschaft galt das Duo Hahn-Meitner (privat blieb sie lebenslang ­ledig) bald als kongeniales Forscherpaar, ein «in seiner Art einzigartiges Phänomen», wie die NZZ 1968 in einem Nachruf auf Otto Hahn schrieb. Beide führten eine Abteilung im damaligen Kaiser-­Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin, er die chemisch-radioaktive, sie die physikalisch-radioaktive Abteilung. Ab 1934 stürzten sie sich auf Initiative von Lise Meitner gemeinsam auf Uranversuche, in denen sie Uranatome mit Neutronen beschossen, um neue schwerere «Transuran»-Atome zu finden.

Doch dann zertrümmerte die Nazi-Politik die fruchtbare Forschergemeinschaft. Lise Meitner hatte jüdisches Blut (das Reichsunterrichtsministerium berechnete den Anteil auf 25 Prozent) – und weil sie nach dem Anschluss Österreichs als Deutsche galt, musste die schon fast 60-Jährige im Juli 1938 fliehen und emigrierte nach Stockholm. Hahn, der alles andere als ein Nazi war, führte die Versuche fort und entdeckte bei der chemischen Analyse, dass die Bestrahlung des Urans-Atoms nicht zu den erhofften schwereren, sondern im Gegenteil zu viel leichteren Atomen führte.

Er übermittelte die Ergebnisse Ende Dezember brieflich an seine Kollegin im Exil, wo sie diese zusammen mit dem Kernphysiker Otto Robert Frisch, ihrem Neffen, als Kernspaltung erklären konnte, bei der eine grosse Menge Energie frei wurde. Masse wandelte sich dabei in Energie um. «Ihre Erklärung kombiniert grundlegende Einsichten der Atomphysik mit einem fundamentalen Ergebnis der Relativitätstheorie», sagt Ernst-Peter Fischer.

Dann ging es schnell, wie der amerikanische Wissenschaftsautor Jim Bagott in seinem Buch «The First War of Physics» (Pegasus, 2011) schreibt: Forscher diesseits und jenseits des Ozeans vernahmen und überprüften die Ergebnisse mit eigenen Versuchen. In den USA wurde das Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe gegründet – mit bekanntem Ausgang.

Dass die Kernspaltung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, war in den wissenschaftlichen Kreisen der damaligen Zeit unbestritten. Zu fundamental waren die Erkenntnisse. Auch Lise Meitner anerkannte die Preiswürdigkeit von Hahns Versuchen, wie aus verschiedenen veröffentlichten Briefwechseln hervorgeht. Was sie mehr verbitterte als ihre Nichtberücksichtigung, war, dass sie 1938 kurz vor den entscheidenden Versuchen fliehen musste und sich in Schweden in die wissenschaftliche Isolation gedrängt sah.

Die Freundschaft mit Otto Hahn – sie war auch Patin seines Sohnes Hanno – blieb bis zu ihrem Ableben bestehen. Lise Meitner starb am 27. Oktober 1968 pflegebedürftig im englischen Cambridge, wo sie zuletzt in der Nähe ihres Neffen wohnte. Dass Otto Hahn nur drei Monate früher gestorben war, hatte man ihr rücksichtsvoll verschwiegen.

Erstellt: 03.10.2014, 19:37 Uhr

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