Neandertaler malten abstrakt

Wissenschaftler haben Höhlenzeichnungen in Spanien datieren und eindeutig den Neandertalern zuordnen können. Was bedeutet: Sie waren so intelligent wie der moderne Mensch.

Über 60'000 Jahre alt: Die roten Symbole in der Kalksteinhöhle La Pasiega in Nordspanien. Fotos: «Science Magazine»

Über 60'000 Jahre alt: Die roten Symbole in der Kalksteinhöhle La Pasiega in Nordspanien. Fotos: «Science Magazine»

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Es war wohl ein Irrtum Rudolf Virchows, des weltberühmten Mediziners der Berliner Uni-Klinik Charité und der Universität Würzburg. Er hatte dem Neandertaler das Image des einfachen und weniger cleveren Cousins des modernen Menschen verpasst. Bis zu seinem Tod im Jahr 1902 argwöhnte der Pathologe, der sich auch mit der Urgeschichte der Menschheit beschäftigte, ob der erste Fund von Neandertaler-Fossilien in der Nähe von Düsseldorf von einem «Urmenschen» stammte oder nicht doch eher von einem krankhaft veränderten Vertreter unserer eigenen Art.

Heute gelten Neandertaler als Menschenlinie, die in Europa und Zentralasien zu Hause war, parallel zum modernen Menschen, der sich in Afrika ent­wickelte. Die geistigen Fähigkeiten der Neandertaler lassen zumindest im Hinblick auf abstrakte Kunst vor mehr als 60'000 Jahren kaum Unterschiede zum modernen Menschen erkennen. So alt sind nämlich die Höhlenmalereien in Spanien, über die Dirk Hoffmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) in Leipzig und seine Kollegen heute in der Wissenschafts­zeitschrift «Science» berichten.

Zu sehen sind auf diesen meist roten und manchmal auch schwarzen Kunstwerken Linien, die sich zu einer Art Leiter zusammenfügen, sowie Punkte, Scheiben oder auch Negative von Handabdrücken, die mit einer Sprühtechnik die Umrisse von Fingern und Händen erkennen lassen.

Die Figuren aus der La-Pasiega-Höhle als Zeichnung.

Bekannt ist diese Steinzeitkunst schon lange: Die Höhle La Pasiega im Norden Spaniens gilt bereits seit 2008 als Weltkulturerbe der Menschheit. Auch die Maltravieso-Höhle in der zentralspanischen Extremadura und die Ardales-Höhle in Andalusien im Süden des Landes werden seit Jahrzehnten erforscht. Nur war es sehr schwierig, das Alter der Kunstwerke in diesen Höhlen zu bestimmen. Das Alter kann aber einen wichtigen Hinweis auf die Urheber der Höhlenkunst geben: «In Westeuropa sind wohl Hunderte Fundstellen bekannt, die älter als 45'000 Jahre sind», sagt An­thropologe Hoffmann. «Keine einzige davon stammt vom modernen Menschen, dem Homo sapiens.» Kurz nach dessen Auftauchen verschwanden die Neander­taler – weshalb Funde, die jünger als 40'000 Jahre sind, von modernen Menschen gezeichnet worden sein dürften, während bei älteren Kunstwerken nach heutigem Wissensstand Neandertaler den Pinsel geführt oder die Farbe gepustet haben.

Der Sinter ist die Lösung

Besonders gut eignet sich für solche Altersbestimmungen in Kalksteinhöhlen die Uran-Thorium-Methode, auf die sich Hoffmann spezialisiert hat. «Wir nutzen dabei Sinter-Schichten, die sich über den Kunstwerken oder anderen Funden gebildet haben», erklärt der EVA-Forscher. Diese Schichten aus Kalk entstehen, wenn von der Oberfläche mit Kohlendioxid angereichertes Wasser aus dem Gestein Kalk löst, der in der Höhle wieder ausfällt. Zurück bleibt eine dünne Kalkschicht, die mit der Zeit zum Beispiel zu Tropfsteinen wachsen oder eben eine Sinterschicht auf Steinzeitfunden bilden kann.

Zusammen mit dem Kalk löst das Wasser praktisch immer sehr kleine Mengen des natürlich vorkommenden Urans. Beim radioaktiven Zerfall des Urans entsteht Thorium, das sich nicht in Wasser löst. Bildet sich auf der Höhlenkunst dann eine Sinterschicht, enthält dieser Kalk ein wenig Uran. Wird danach kein Uran aus der Kalkschicht ausgeschwemmt, sollte Thorium im Sinter durch den radioaktiven Zerfall des Urans entstanden sein.

Neandertaler waren keineswegs primitive Verwandte, sondern Cousins, die dem modernen Menschen punkto Intellekt auf Augenhöhe begegnen konnten.

Da Naturwissenschaftler sehr genau wissen, welche Uranmengen in einer bestimmten Zeit zu Thorium zerfallen, können sie das Alter des Kalks recht ­genau bestimmen. «Darunterliegende Höhlenzeichnungen oder andere Funde sollten daher etwas älter sein. Die Sinterschicht zeigt also ein Mindestalter an», erklärt Dirk Hoffmann.

In der Höhle entfernt der Forscher daher Verschmutzungen von der Oberfläche und kratzt danach mit einem Skalpell vorsichtig dünne Schichten vom Sinter ab. Je näher diese Schichten am Kunstwerk liegen, desto älter sollten sie sein. Hat der Sinter sich sehr rasch gebildet, können die einzelnen Schichten auch das gleiche Alter haben. «Sobald wir die Farbpigmente erkennen können, nehmen wir keine weiteren Proben», sagt Hoffmann. So bleibt eine dünne Sinterschicht erhalten, womit das Kunstwerk aus der Urzeit nicht zerstört wird.

Farbe in Muscheln ist noch älter

Das Resultat der auf diese Weise vorgenommenen Altersbestimmung der ab­strakten Zeichen ist nun eine Sensation: Die Werke in der Höhle La Pasiega sind mindestens 64'800 Jahre alt. Das ist insofern sehr überraschend, als Höhlenkunst bisher ausschliesslich dem modernen Menschen zugeschrieben wurde. Dessen älteste Spuren in Europa sind jedoch höchstens 45'000 Jahre alt, auf der Iberischen Halbinsel sind es nicht einmal 41'000 Jahre. Nach dem heutigen Stand des Wissens sind also Neander­taler für die Kunstwerke in den spanischen Höhlen verantwortlich.

Diese Cousins des modernen Menschen hatten ihre künstlerische Ader indes wohl noch früher entdeckt: In der Aviones-Höhle an der Mittelmeerküste im Südosten Spaniens fanden Archäo­logen Muschelschalen mit Löchern, die offenbar als Schmuck verwendet worden waren. Andere Muschelschalen enthielten Reste von Farbe. Auch dort wendeten Dirk Hoffmann und seine Kollegen die Uran-Thorium-Methode an, berichten die Forscher in der Zeitschrift «Science Advances». Hoffmann sagt: «Die Schicht in diesen Muschelschalen ist mindestens 115'000 Jahre alt.»

115'000 Jahre alte Muschelschalen als Schmuck.

Diese Kunstfertigkeit und mehr noch die abstrakte Kunst erfordern erhebliche geistige Fähigkeiten, die jenen des modernen Menschen kaum nachstanden. Das Bild vom eher einfach gestrickten Neandertaler scheint nun also definitiv überholt. «Neandertaler konnten symbolisch denken, womit im Vergleich zu den Fähigkeiten des modernen Menschen wohl keine wesentlichen Unterschiede festzustellen sind», meint auch João Zilhão von der Universität Barcelona, der an beiden Studien mitgearbeitet hat. Neandertaler waren folglich keineswegs primitive Verwandte, sondern Cousins, die dem modernen Menschen punkto Intellekt auf Augenhöhe begegnen konnten.

Umso rätselhafter bleibt es, dass die Neandertaler nach Eintreffen des modernen Menschen bald für immer verschwanden. Nur ihre Höhlenkunst, einige von ihnen verwendete Gerätschaften und ein paar Knochen zeugen heute noch von ihrem Leben und ihrer Schaffenskraft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.02.2018, 19:07 Uhr

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Datierungsmethoden
Hunderte Millionen Jahre zurück

Dendrochronologie:

Das Alter von Hölzern lässt sich dank den Jahrringen der Bäume bestimmen. Die Breite des im Verlauf eines Jahres entstehenden Rings hängt von der Witterung ab. In feuchten Jahren wachsen Bäume rascher als in trockenen, womit typische Abfolgen von Jahrringen entstehen, die verglichen werden können. Anhand frisch gefällter Bäume erhält man einen Ausgangspunkt. Überschneidet sich ein Abschnitt des Jahrring-Musters mit jenem eines älteren Baumes, lässt sich dessen Fälldatum zurückrechnen. Wie weit zurück man das Alter bestimmen kann, hängt von den Funden älterer Bäume ab. Es können mehrere Tausend Jahre sein.

Radiocarbon-Datierung:

Pflanzen nehmen durch die Fotosynthese neben dem normalen Kohlenstoff (C12) auch das radioaktive Kohlenstoff-Isotop (C14) auf. Dieses gelangt über die Nahrungskette auch in tierische Organismen. Tote Orga­nismen nehmen kein C14 mehr auf, das vorhandene zerfällt in Stickstoff. Nach 5730 Jahren ist die Hälfte umgewandelt. Dank diesem Prozess kann das Alter or­ganischer Materialien bestimmt werden. Die Zeitspanne für zuverlässige Radio­- carbon-Datierungen beträgt ungefähr 50 000 Jahre.

Kalium-Argon-Datierung:

Kalium 40 ist ein radioaktives Isotop, das in den meisten Mineralien vorkommt. Seine Halbwertszeit beträgt 1,3 Milliarden Jahre. K40 zerfällt unter anderem in das Edelgas Argon. Gestein wird datiert, indem man Argon misst und mit dem noch nicht zer­fallenen Kalium-Isotop 40 vergleicht. Die Methode wird vor allem bei Vulkangestein angewendet. (Red)

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