«Präsidentin einer Phalanx kampfbereiter Damen»

Caroline Farner war Feministin und die zweite Ärztin der Schweiz. Aber anstatt geehrt wurde sie eingekerkert.

Medizinisches Kabinett von der Jahrhundertwende, einer Zeit des Aufbruchs auch in der Geschichte der Schweiz. Foto: Alinari, Dukas

Medizinisches Kabinett von der Jahrhundertwende, einer Zeit des Aufbruchs auch in der Geschichte der Schweiz. Foto: Alinari, Dukas

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«Samstag, 17. Sept. Eine unerträgliche Nacht. Halsschmerz, Kopfschmerz, Gesichtsneuralgie. Keine Stunde Schlaf – es ist mir elend zu Muthe.» Das schreibt die hoch angesehene Ärztin Caroline Farner 1892 aus dem Zuchthaus Oetenbach in Zürich in einem Brief an ihre Freundin Meta von Salis, eine aristokratische Historikerin und Frauenrechtlerin. Im März 1877 hatte Caroline Farner als zweite Schweizerin nach Marie Heim-Vögtlin das Medizinstudium an der Universität Zürich abgeschlossen. Im Gegensatz zur Gynäkologin Marie Heim-Vögtlin betrieb sie in Zürich eine gut gehende Praxis für Allgemeinmedizin und behandelte auch Männer, was damals nicht gut angekommen ist. Sie war unverheiratet und lebte mit einer Frau zusammen. Doch am 12. September 1892 wurde sie am Bahnhof Zürich verhaftet und wegen der Anklage, ein Vermögensdelikt begangen zu haben, acht Wochen lang ins Zuchthaus gesteckt. Eine Mailänder Zeitung berichtete reisserisch «von der Verhaftung der Zürcherischen Doktorin Frl. Farner, einer durch ihre Vorträge über Frauenemanzipation und als Präsidentin einer Phalanx kampfbereiter Damen bekannten Frau …» Der Prozess, der ein Jahr später in Pfäffikon stattfand, wühlte die ganze Schweiz auf, und Zeitungen aus ganz Europa berichteten davon.

Heute ist Caroline Farner fast vergessen. An sie erinnert gerade noch das 100-Jahr-Jubiläum der Anna-Carolinen-Stiftung am 31. Juli, die die Ärztin mit ihrem Vermögen gegründet hat und die noch heute jedes Jahr zwei bis fünf Schweizer Studentinnen mit Stipendien unterstützt. Selbst die moderne Schweizer Frauenrechtsbewegung gibt Caroline Farner nicht den Platz, der ihr gebührt. «Ich bin überzeugt, dass Caroline Farner in lebendigerer Erinnerung geblieben wäre, wenn da nicht die beiden Weltkriege gewesen wären», sagt Rosmarie Keller, die vor 13 Jahren eine halb fiktive Biografie über die Schweizer Ärztin verfasst hat («Ich bereue keinen meiner Schritte», Pendo-Verlag, vergriffen). «Sie war eine grosse Figur im damaligen Zürich.» Und ihre bewegte und dramatische Lebensgeschichte widerspiegelt eine bedeutsame Epoche in der Geschichte der jungen Nation Schweiz.

Glückliche Kindheit

Weitab vom wirbligen Zürich im kleinen Thurgauer Dörflein Guntershausen bei Berg erinnert seit 2011 auch ein schmaler Fussweg an Caroline Farner. Selbst ein kurzer Spaziergang ist für den kleinen Pfad zu lang. Unten am Bach steht ein prächtiges Riegelhaus mit herrschaftlichem Garten, die Mühle. Hier wurde Caroline Farner am 10. Juni 1842 als jüngstes von sieben Kindern geboren. Ihr Vater war Grossbauer, Müller und betrieb auch einen Holzhandel, er hatte es zu einigem Wohlstand gebracht. Caroline Farner beschreibt ihre Kinderzeit in einem Tagebuch als sehr glücklich. «Ich besuchte die Dorfschule, wo die etwas begabteren Kinder bald auf dem Wissensniveau des Lehrers standen», schrieb sie. Doch als sie 14 Jahre alt war, starb ihre Mutter.

Ihre ältere Schwester schickte sie in ein Mädchenpensionat in Aarburg, doch bis sie Ärztin wurde, war es noch ein langer und verwinkelter Weg. Sie diente in England, gab Sprachunterricht in Schottland, lernte Französisch in Le ­Havre, stand ihrer nach Amerika ausgewanderten Schwester, die Pech mit ihrem Mann hatte, in St. Louis bei und versuchte zuletzt ihren liederlichen Bruder Fritz, der in Ungarn ein Lotterleben führte, auf den rechten Weg zu bringen. Doch damit scheiterte sie. Sie, die ihre Familie über alles liebte und ein Leben lang tief religiös war. Sie geriet in eine Depression, welche die 28-Jährige fast ins Kloster trieb. Sie hatte sich schon angemeldet. Doch dann erfuhr sie, dass an der Universität Zürich auch Frauen Medizin studieren könnten. Eine Handvoll Russinnen und Marie Heim-Vögtlin hatten den Studiengang bisher absolviert, Caroline Farner schrieb sich als zweite Schweizerin im Jahre 1871 ein.

Aus ihrer Studienzeit aktenkundig ist ein Verweis wegen ihres Benehmens gegenüber anderen Studentinnen. Sie soll, so erzählt ihre Biografin Rosmarie Keller, sich darüber beschwert haben, dass die russischen Studentinnen ständig die männlichen Komilitonen umschwärmten, anstatt sich ihren Studien zu widmen. 1877 schloss Caroline Farner ihr Medizinstudium mit Auszeichnung ab und bildete sich in Wien und in Deutschland weiter.

Dass Caroline Farner lesbisch war, steht nirgendwo geschrieben. Auf jeden Fall war sie nie verheiratet und lebte mit der neun Jahre jüngeren Anna Pfrunder zusammen, Tochter des wohlhabenden Zürcher Baumeisters Johannes Pfrunder. Die beiden Frauen lernten sich 1878 an einem Vortrag kennen, den Caroline Farner hielt. Möglich, dass sich die beiden Charaktere so gut ergänzten wie ein ideales Ehepaar. Caroline Farner wird als energisch und anpackend beschrieben – immer wieder ist von männlichen Zügen die Rede, die sie ausgestrahlt habe. Anna Pfrunder dagegen wird als scheu, feinfühlig und gütig beschrieben.

Ein wichtiger Teil der Frauenbewegung

Das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts war in Zürich eine optimistische Zeit. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 war vorbei, eine neue Erfindung jagte die andere. In Zürich breitete sich die Maschinenindustrie aus. Die Limmatstadt wandelte sich von einem mittel­alterlichen 17 000-Seelen-Städtchen in eine 200 000 Einwohner starke Agglomeration. 1882 wurde das Rösslitram eingeführt, bereits zwölf Jahre später wurde die Strassenbahn elektrifiziert. Und die hiesige Universität liess als eine der ersten Hochschulen Europas Frauen zum Studium zu.

Dass in dieser Zeit die Frauenbewegung auch Fuss fasste, wundert nicht, und Caroline Farner war ein wichtiger Teil davon. Ihre Verdienste sind unstrittig. Sie gründete den Frauenverein Fraternité und gab zwischen 1890 und 1894 die ganz im Geiste der Frauenbewegung geschriebene Zeitschrift «Die Philanthropin» heraus, wo sie regelmässig Artikel zu gesundheitlichen und frauenrechtlichen Themen schrieb. In Urnäsch gründete sie ein Erholungsheim für Frauen, in dem Arbeiterinnen, Hausfrauen, Dienstmädchen und auch «gefallene» Frauen gepflegt wurden – also Prostituierte.

An der ersten grossen Frauenversammlung in Zürich im Jahr 1886 beklagte sie in ihrer Begrüssungsansprache die Situation der Frau: «Die Tatsache, dass in der Frau die halbe Menschheit vom Staatsleben, von allem öffentlichen Wirken ausgeschlossen ist, erfüllt uns mit Unwillen.» Caroline Farner gehörte zum bildungsbürgerlichen Flügel der Frauenbewegung, der keine klassenkämpferischen Umwälzungen anstrebte. Die Frau solle nicht die Dienerin oder Spielkameradin des Mannes sein, sagte Caroline Farner, sondern ein kluger und tatkräftiger Kamerad, sie solle ihm die Freundschaft des geweckten und gebildeten Geistes geben.

Vollumfänglicher Freispruch

Mitten in diesen Aufbruch kam die Verhaftung. Angestrengt hatte die Anklage der Zürcher Oberrichter Albert Wittelsbach. Dieser war zugleich der Schwager von Caroline Farners Lebensgefährtin Anna Pfrunder. Der Vorwurf war Veruntreuung von Mündelgeldern, es ging um zwei Waisen aus der Familie Pfrunder, welche die beiden Lebensgefährtinnen als Pflegekinder erzogen hatten. Als Drahtzieherin nahm Wittelsbach jedoch vor allem die kluge Ärztin ins Visier. Acht Wochen lang verbrachte Caroline Farner im Zuchthaus, damals war sie schon 50 Jahre alt. Auch Anna Pfrunder sowie deren 78-jährige Mutter wurden verhaftet und eingekerkert.

Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtete seitenlang über den Prozess – und schlug sich ungeniert auf die Seite des Oberrichters. Im Prozess wurden Caroline Farner und Anna Pfrunder vollumfänglich freigesprochen und rehabilitiert. Einzig eine Ehrverletzungsklage blieb an Caroline Farner hängen, weil sie Wittelsbach in einer Replik einmal ­öffentlich heftig angegriffen hatte.

Ungetilgte Schmach

Menschen aus ganz Europa und sogar Amerika – vor allem Frauen – gratulierten ihr in der Zeitschrift «Die Philanthropin» zum Sieg. Doch die Schmach über die verlorene Ehre durch den Gefängnis­aufenthalt bedrückte Caroline Farner zeit ihres Lebens. Sie flüchtete sich in ihre Arbeit. Bis zuletzt bildete sie sich in den neusten Methoden der Medizin weiter, etwa in der Röntgentechnik. Doch die Zeit hatte Spuren hinterlassen, Caroline Farner wurde immer kränklicher, sie litt an der Meniére-Krankheit, einem Leiden des Innenohrs, konnte kaum mehr gehen und starb am 8. April 1913 im Alter von 70 Jahren. Aber selbst über ihren Tod hinaus blieb sie die engagierte Ärztin. In ihrem Testament verfügte sie an erster Stelle, dass «ihre Leiche nicht bestattet werden dürfe ohne vorherige Sektion und spezielle Untersuchung des 1. Gehörganges. Danach möge die Cremation erfolgen.»

Auch Zürich hat seit 1999 einen Caroline-Farner-Weg, initiiert von der damaligen Stadträtin Esther Maurer. Heute führt er vom Kunsthaus hinauf zur Hohen Promenade, vorbei am Haus Ehrenberg, in dem Caroline Farner und Anna Pfrunder seit 1892 mit ihren Bediensteten lebten und arbeiteten. Das Haus vermachte die 1925 verstorbene Anna Pfrunder dem Lyceumclub, einer bürgerlichen Vereinigung von Frauen, in dem diese ihre Interessen auf künstlerischem, ökologischem und so­zialem Gebiet bis heute pflegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2014, 07:14 Uhr

Caroline Farner


Ärztin, 1842–1913

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