«Rosa Gutknecht durfte nicht Pfarrerin werden»

Die Hürden für die ersten Theologinnen waren sehr hoch, sagt Angela Berlis.

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Am Sonntag feiert die reformierte Kirche des Kantons Zürich Rosa Gutknecht, die vor 100 Jahren als erste Frau Theologie studierte. Ist sie eine der übergangenen Frauen aus der Schweizer Geschichte?
Rosa Gutknechts Lebenslauf war typisch für eine ganze Frauengeneration. Ihre Geschichte ist es wirklich wert, erinnert zu werden.

Inwiefern war ihr Schicksal typisch?
Es gab damals auch in anderen Ländern Europas Frauen, die Theologie studierten und dann doch nicht Pfarrerin werden konnten. Den Frauen wurde oft nicht zugetraut, ein ordentliches Pfarramt zu leiten.

Wollte Rosa Gutknecht denn überhaupt Pfarrerin werden?
Natürlich. Sie legte 1917 als erste Frau das Theologische Examen in Zürich ab und wurde 1918 zum vollen Pfarramt ordiniert. Doch dann wurde sie nur Pfarrhelferin am Grossmünster. Doch die ­Geschichte hat einen weiteren Aspekt.

Welchen?
Die Zürcher Kirche und Rosa Gutknechts männliche Kollegen wollten sie eigentlich als Pfarrerin haben. Aber der Regierungsrat stellte sich quer und lehnte 1920 die Wahl von Frauen ins Pfarramt ab. Begründung: Frauen besassen damals noch kein politisches Stimmrecht und waren deshalb auch nicht ins Pfarramt wählbar.

War die Kirche sogar fortschrittlicher als die Politik?
Der Fall zeigt vor allem, dass die Geschichte der Frauen in der Schweiz sehr uneinheitlich abgelaufen ist. In einzelnen Kantonen hatten Frauen schon Anfang des 20. Jahrhunderts das Stimmrecht, in anderen bekamen sie es erst weit nach der Mitte des Jahrhunderts. Die Waadtländer Eglise libre ordinierte Frauen bereits 1930, während die meisten Kantonalkirchen den Schritt zur Ordination von Frauen ins volle Pfarramt erst in den 1960er Jahren gingen.

Welche Argumente wurden denn vorgebracht, um Frauen das Pfarramt so lange zu verweigern?
Für die reformierte Tradition steht natürlich die Bibel im Mittelpunkt. Zum Beispiel mussten sich die Frauen immer wieder mit den Schöpfungsgeschichten auseinandersetzen. Nach einer Erzählung ist die Frau aus der Rippe des Mannes erschaffen. Schon im Mittelalter haben einige Frauen diese Geschichte umgedeutet und sie so interpretiert, dass die Frau als letzterschaffenes Wesen der Höhepunkt der Schöpfung sei. Heute hingegen wird die gleiche Gottebenbildlichkeit von Frau und Mann betont.

Gab es noch weitere Argumente?
Wichtig war die Frage, ob eine Frau Autorität ausüben dürfe, auch über Männer. Auch diese Diskussion wurde schon im Mittelalter geführt.

Was hat denn letztlich den Weg der Frauen in der Kirche geebnet?
Pionierinnen wie Rosa Gutknecht haben geltende Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt, zum Beispiel, ob das Pfarramt immer von Männern ausgeführt werden muss. Sie führten vor Augen, dass Frauen das Gleiche machen können wie Männer und zeigten so, wie ungerechtfertigt es ist, wenn eine Frau, die die gleiche Arbeit macht, nur Pfarrhelferin ist und nicht Pfarrerin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2013, 11:56 Uhr

Angela Berlis (51) ist Professorin für Kirchengeschichte an der Universität Bern. Als erste Priesterin der deutschen altkatholischen Kirche ist sie selber eine Pionierin.

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