So deutsch sind die Briten

Britische Forscher haben die DNA der weissen Bevölkerung auf der Insel bestimmt und erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

Deutschland – England, ein historisches Durcheinander: Wolfgang Weber (links) erzielt im WM-Final 1966 den Ausgleich zum 2:2. Foto: AP, Keystone

Deutschland – England, ein historisches Durcheinander: Wolfgang Weber (links) erzielt im WM-Final 1966 den Ausgleich zum 2:2. Foto: AP, Keystone

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Mit den Teutonen wollen die Briten nicht gern verglichen werden. Selbst als «Cou­sins» der Deutschen, als die man sie gelegentlich bezeichnet, fühlen sie sich nicht sonderlich wohl. Zu viel an ­historischer Rivalität und an Kriegen bis ins 20. Jahrhundert hat es gegeben, als dass man sich «Germany» eng verbunden fühlen möchte. Die Deutschen, das sind «die anderen». Briten sind lieber für sich, auf ihrer Insel.

Zu dieser Haltung passt die Neuigkeit britischer Wissenschaftler überhaupt nicht: Grossbritanniens weisse Bevölkerung ist zu 25 Prozent «deutsch». Genauer gesagt, ist rund ein Viertel der Gene weisser Briten angelsächsischer Herkunft. Dieses Erbgut leitet sich von den grossen Einwanderungswellen aus Norddeutschland und Süddänemark vor eineinhalb Jahrtausenden her. Der neue Forschungsbericht der Universität Oxford, diese Woche von der Fachzeitschrift «Nature» veröffentlicht, wirft ein bemerkenswertes Licht auf teils dunkle Teile britischer Geschichte. Die ihm zugrunde liegenden DNA-Analysen widersprechen gewissen Historikerthesen, denen zufolge die Ureinwohner Britanniens von Angeln und Sachsen verdrängt oder gar ausgerottet worden seien. Stattdessen scheinen die damaligen Inselbewohner nach dem Ende der römischen Besatzung die neu importierte Kultur vom Kontinent willig übernommen zu haben. Sie haben sich mit den anrückenden Familien weithin und offenbar meist friedlich vermischt.

Raubzüge, keine Vermischung

Römer, Wikinger und Normannen wiederum haben trotz ihrer wohlbekannten Eroberungszüge erstaunlich wenig an DNA-Spuren hinterlassen. Erklärt wird das mit dem separaten Leben der römischen Legionäre und mit einer relativ geringen Zahl normannischer oder skandinavischer Krieger. Viel Lärm und viel Raubzüge gab es zweifellos seinerzeit, aber weniger genetische Mischung, als man sich vorgestellt hatte. Nur an einzelnen Orten im Königreich, wie auf den Orkney-Inseln, ist ein klares Wikingererbe zu vermerken. Dort weist ein gutes Viertel des Erbguts auf norwegische Herkunft hin.

20 Jahre lang haben Professor Peter Donnelly und seine Kollegen vom Zentrum für Humangenetik in Oxford DNA-Proben für ihr grosses Forschungsprojekt gesammelt. Das Ganze ist zum ersten Versuch einer «genetischen Ausleuchtung» Grossbritanniens geworden.

Über 2000 Personen weisser Hautfarbe, deren vier Grosseltern jeweils nicht mehr als 50 Meilen voneinander entfernt lebten, nahmen an dem Projekt teil. Damit wollten die Forscher die Bevölkerungssituation zu Beginn des 20. Jahrhunderts, vor den modernen und mehr globalen Einwanderungswellen, nachstellen. Hunderte kontinentaler DNA-Proben wurden zum Vergleich herangezogen.

Die Forscher zeigten sich selbst überrascht von ihren Funden. «Nie zuvor haben wir so faszinierende Details zu Gesicht bekommen», meint Peter Donnelly. Von den grossen Migrationsschüben abgesehen, ist durch die Studie vor allem die hartnäckige Verwurzelung in kleinen Räumen deutlich geworden.

So weisen zum Beispiel die Menschen in Englands südwestlichsten Nachbar-Grafschaften Cornwall und Devon bis heute vollkommen andersartige Merkmale auf. Die Trennlinie verläuft haarscharf entlang der Grafschaftsgrenze, entlang den Ufern des Tamar-Flusses.

Komplizierte Keltengeschichte

Auch anderswo leben viele Briten noch nach Jahrtausenden in alten «Stammesgebieten», aus denen sich regionale Identitäten erklären. In West-Yorkshire lässt sich sogar eine kleine Bevölkerungsgruppe identifizieren, die dem lang versunkenen Königreich Elmet entsprungen sein soll.

Eine andere Überraschung für die Forscher war die Komplexität des Erbguts der Kelten Grossbritanniens. Waliser, Schotten, Cornwall-Kelten und Iren in Ulster sind allesamt keltischen Ursprungs, haben aber offenbar weniger miteinander gemein als bisher angenommen.

Am deutlichsten unterscheidet sich Wales vom Rest der Insel: Die DNA der Waliser soll am stärksten derjenigen der Jäger und Sammler ähneln, die sich nach dem Ende der Eiszeit als Erste im heutigen Grossbritannien ansiedelten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2015, 18:03 Uhr

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