So veränderte Napoleon die Schweiz

Der französische General katapultierte das Land in die Zukunft. Die Schweizer hielt er aber für harmlose «Hirten».

Die Schweiz war ihm zu harmlos in ihrer Kleinteiligkeit: Napoleon Bonaparte prägte unsere Geschichte. Foto: Getty Images

Die Schweiz war ihm zu harmlos in ihrer Kleinteiligkeit: Napoleon Bonaparte prägte unsere Geschichte. Foto: Getty Images

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Er wusste Bescheid über die Schweiz. Er verstand ihre Mentalität. Und im Innersten verachtete er sie, wie er so vieles verachtete, was ihm aus seiner Warte nicht ebenbürtig war: Die Schweiz war ihm zu harmlos in ihrer Kleinteiligkeit. Herablassend sagte er: «Warum wollt ihr diesen Hirten die einzige Zerstreuung rauben, deren sie fähig sind? Bei ihrer einförmigen, ihnen so viel Musse lassenden Lebensart ist es natürlich, dass sie sich mit den öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen. Es wäre grausam, diesen Hirtenvölkern die Vorrechte zu nehmen, auf die sie so stolz sind, welche so tiefe Wurzeln geschlagen haben und deren Ausübung am Ende unschädlich ist.»

Als die 19-jährige Maria Letizia Ramolino am 15. August 1769 in ihrem herrschaftlichen Haus in Ajaccio auf Korsika ein männliches Kind gebiert, kann sie nicht ahnen, dass sie 51 Jahre später auch den Tod dieses Sohnes hinnehmen muss. Und sie kann nicht wissen, dass dieser Wurm in der kurzen Zeitspanne die Welt aus den Angeln heben wird. Sie tauft ihn Nabulione. Wenige Wochen vor der Geburt hatte die junge Frau noch an der Seite ihres Mannes Carlo Buonaparte zusammen mit anderen Widerstandskämpfern im korsischen Gebirge gegen französische Soldaten Widerstand geleistet. Wer weiss, vielleicht hatte das Bübchen Nabulione im Mutterleib von dem kriegerischen Treiben etwas mitbekommen. Jedenfalls gestaltet dieser korsische Nabulione – in der Welt bald bekannt als Napoleon Bonaparte – sein Leben als Kraftakt. Davon bekommt auch die Eidgenossenschaft ganz zünftig etwas ab.

Napoleon erschüttert die Schweiz 1798 mit fortschrittlichen Gedanken und spitzen Bajonetten, er setzt alte Eliten ab.

Als Napoleon 1769 zur Welt kommt, ist die Eidgenossenschaft ein loses Gebilde aus zänkischen Kleinststaaten. Viel brauchte es nicht, und sie würde auseinanderbrechen. «Ein Land, das auf der Karte Europens ein beynahe unbemerkbares Pünktgen ist, und gleichwohl alle Regierungsarten vereint: Despotische, Oligarchische, Aristokratische, Demokratische, alles durcheinander geworfen, findet man hier in einer Nuss», schreibt Zeitgenosse Johannes Bürkli aus Zürich. Der Basler Isaak Iselin bemerkt in einem Brief von 1770: «Je mehr ich nachsinne, je abscheulicher finde ich den Zustand und die Verfassung unseres Vaterlandes.» Und noch drastischer und fast schon visionär: «Meiner Meinung nach werden die Unterthanen Jhro Gnaden aller Kantone nicht glücklich seyn, bis ein mächtiger Nachbar gnädig geruhen wolle, sie zu erobern.» Den guten Köpfen ist die Krise der Eidgenossenschaft sehr wohl bewusst. Und der mächtige Nachbar, der wird in der Tat über das Land kommen.

Bald wehen auch die hochansteckenden Ideen der Französischen Revolution von 1789 ins Land, die zum Ärger der eidgenössischen Oberschicht Gleichheit und Freiheit propagieren. Die feudalistische Führung ist verknöchert und versucht, ihre vielen eigenen Vorteile in eine nebulöse Zukunft zu retten. Vergeblich. Nachbar Napoleon schickt seine Generäle in die Schweiz, er erschüttert das Land 1798 mit fortschrittlichen Gedanken und spitzen Bajonetten, er setzt alte Eliten ab – meist unter dem Beifall des Volkes.

Der politische Fortschritt geht stürmisch durchs Land: Die Leibeigenschaft wird endlich aufgehoben, der freie Warenverkehr, die Niederlassungsfreiheit und die Pressefreiheit werden durchgesetzt, die Untertanen-Lande Thurgau, Waadt und Tessin sind ab 1803 vollwertige Kantone. Das Zweikammersystem wird eingeübt, es gibt erstmals helvetische Pass-Ausweise, Schweizer Franken heisst die einheitliche Währung. Napoleon zieht neue Kantonsgrenzen, schafft politische Strukturen – und wenn sie nicht passen, dann lässt er sie abändern wie der Schneider einen Anzug. In seinem Machthunger benutzt er die Schweiz aber auch als strategischen Flankenschutz, macht sie zum Kriegsschauplatz, plündert Staatskassen und erpresst die Teilnahme am Russlandfeldzug.

Verschaffte ihm Zugang zur führenden Pariser Gesellschaft: Napoleons Gattin Joséphine de Beauharnais. Foto: Getty Images

Als Napoleon in der Verbannung auf der Insel St. Helena 1821 stirbt, ist die Schweiz bis hinein in ihre Fundamente verändert. Auf dieser neuen Grundlage baut sich das Land 1848 zur fortschrittlichsten Republik Europas um, trotz des Widerstands der erzreaktionären Innerschweizer, wo die Solddienst-Aristokratie dominiert, und inmitten ihrer grollenden monarchistischen Nachbarn. Aus der Raupe im Zentrum des Alpenbogens, die gleichsam an schweren Defekten ihres Immunsystems krankte, entsteht ein politischer Schmetterling: Die neue Schweiz wird für mehrere Jahrzehnte zu einem Ort, wohin sich freiheitsdurstige und aufmüpfige Menschen aus ganz Europa flüchten.

So weit wäre es ohne Napoleon nicht gekommen, ja, vielleicht hätte sich die Eidgenossenschaft sogar aufgelöst und an die Mächte ringsum verloren. Der grosse Korse hat seine kleine Schweiz zwar ganz unsentimental mit Feder und Hammer bearbeitet. Die napoleonische Präparierung aber ermöglichte dem Land, Fähigkeiten und Kräfte neu zu ordnen und in dem ungeheuer bewegten 19. Jahrhundert zu bestehen, ertüchtigt im Selbstverständnis.

Kleiner Kaiser?
Mit 168,5 Zentimetern Körpergrösse war Napoleon Bonaparte für seine Zeit eher überdurchschnittlich gross. Die Behauptung, er sei ein kleiner Wicht, war der Erfolg der englischen Propaganda. Sie wollte den Korsen lächerlich machen. Anderseits ist die traurige Tatsache kaum bekannt, dass nach Napoleon die Körpergrösse der Männer in Europa vorerst wieder um fast zwei Zentimeter zurückging. In den Kriegen waren die gross gewachsenen Männer gefallen, die kleinen, nicht wehrtüchtigen hingegen hatten sich fortgepflanzt.

Persönlich hat Napoleon die Schweiz nur zweimal betreten. Beide Male befindet er sich auf Durchreise, und beide Male hat er es – wie immer in seinem Leben – sehr eilig. Das erste Mal, am Freitag, dem 24. November 1797, erscheint der 28-Jährige im Rang eines Generals in Basel. Er bleibt für karge fünf Stunden. Sein stürmischer Aufstieg hat begonnen. Er ist seit gut einem Jahr mit Joséphine de Beauharnais verheiratet, die ihm, dem Emporkömmling aus bescheidenem korsischem Landadel, den Zugang zur obersten Schicht der Pariser Gesellschaft eröffnet.

Wenige Tage nach der Hochzeit hat er das Kommando über eine schlecht ausgerüstete Armee in Oberitalien erhalten – und entscheidet gegen Österreich in spektakulärer Weise Schlachten im Piemont und in der Lombardei für Frankreich. Napoleons bald legendäre Fähigkeiten, seine Truppen anzusprechen und zu begeistern, strategisch durch Schnelligkeit den Gegner zu überraschen und (mittels einer Armeezeitung) Eigenwerbung zu betreiben, haben den Erfolg gebracht. Eigenmächtig und blitzschnell errichtet er in Italien gleich zwei Tochterstaaten der Französischen Republik und begibt sich damit auch aufs politische Parkett. Der Jubel in Paris bei seiner Rückkehr aus Norditalien ist grenzenlos, an seinen Stiefeln scheint das Glück zu kleben.

Basel empfängt Napoleon: Für das Verbrüderungsfest 1798 wird ein Freiheitsbaum in Basel aufgestellt. Foto: Keystone

So kommt Napoleon an jenem Freitag im November 1797 also als militärischer Star und als Hoffnungsträger des republikanischen Frankreichs nach Basel. Er ist der Mann der Stunde, und sein Ruhm eilt ihm wahrlich voraus: Er reist über Genf und Lausanne, wo er bejubelt wird. Bern, das ihn als Gast erwartet, lässt er selbstbewusst und schnöde links liegen. Ebenso Solothurn. Er weiss, dass ihn die Patrizier dort verachten. Die Menschen in Liestal hingegen haben sich entlang der Rathausstrasse versammelt und feiern den Mann, der Freiheit verheisst.

Napoleon reist in einer achtspännigen Kutsche, begleitet von Husaren, gefolgt von einer sechsspännigen Kutsche mit seinem persönlichen Stab und einer Abteilung von Dragonern. Alles an dieser Erscheinung atmet Entschlossenheit und hohes Tempo. Bei Muttenz wird der Zug von einer Basler Freikompanie empfangen und über die Birs nach Basel eskortiert, wo die Kutsche um zehn Uhr morgens durchs St.-Alban-Tor rollt. Und als wäre der junge General bereits Staatsoberhaupt, fetzen 40 Böllerschüsse über die Stadt am Rheinknie. Wer gehen kann von den 15'000 Baslerinnen und Baslern, ist auf den Beinen. Der oberste Zunftmeister Basels, der gewandte Diplomat Peter Ochs, entschiedener Anhänger der Aufklärung und der revolutionären Gedanken aus Frankreich, hat ein Staatsbankett organisiert. Napoleon und seine Entourage werden vor das Grand Hôtel Les Trois Rois am Rhein geführt, wo eine Ehrenwache von Grenadieren aufgezogen ist.

Napoleon will eine Republik

Die Honoratioren Basels begrüssen den kühnen Gast, sie geleiten ihn zur Tafel. Peter Ochs und der Bürgermeister Andreas Buxtorf sitzen während des Essens links und rechts von Napoleon. Der Basler Künstler Marquard Wocher darf Napoleon skizzieren, im Profil. Auch der reiche Pastetenbäcker Werner Faesch sitzt auf Verlangen Napoleons auf einem Ehrenplatz. Nicht wegen der gewiss hohen Qualität seiner Pasteten, sondern weil er verwandt ist mit dem zweiten Ehemann von Napoleons Grossmutter, dem Schweizer Solddienst-Offizier Franz Faesch.

Leute wie Peter Ochs liebäugeln mit einer «Revolution von oben».

Nun wird jede Regung, wird jedes Wort des uniformierten Gastes scharf beobachtet. Aber der General ist vorsichtig, er will keinesfalls den Eindruck eindeutig werden lassen, er mische sich ein – und gleichzeitig verweist er ungeniert auf die wahren Machtverhältnisse. Er gibt sich mehrdeu-tig. Er vergleicht Basel mit Genf. Beide Städte hätten durch ihre demokratische Gesinnung die Freundschaft Frankreichs verdient, sagt er. Den Baslern ist klar, dass diese Freundschaft nur zu haben ist durch eine radikale Veränderung der hiesigen Verhältnisse. Das heisst, dass die Grundsätze von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Basel Praxis werden müssen. Das bedeutet Revolution, Umsturz.

Bleibt die vage Hoffnung, Basel auf friedlichem Weg in eine Republik verwandeln zu können. Ohne Volksaufstand. Denn das würde die alteingesessenen konservativen Kräfte zu einer gewaltsamen Unterdrückung aufrufen. In diesem Fall würden dann ohne Zweifel französische Truppen einmarschieren und den Machtkampf für die Aufständischen entscheiden. Leute wie Peter Ochs, die der Oberschicht angehören, wollen bei aller Sympathie für eine echte Demokratie keineswegs das Diktat des Pöbels, der Unterschicht, erleben. Sie liebäugeln mit einer «Revolution von oben».

In kühler Heldenpose: So liess sich Napoleon vom Maler Jacques-Louis David darstellen 1800. Foto: Getty Images

Die Franzosen wiederum würden aber auch dann einmarschieren, wenn sich nichts bewegt und alles beim Alten bleiben sollte. Ein Akt auf Messers Schneide kündigt sich an, und wie so vieles in jenen Tagen, muss alles sehr schnell vor sich gehen. Für eidgenössische Verhältnisse unvorstellbar schnell.

Es ist 15 Uhr, als Napoleon mit seinem Gefolge wieder aufbricht und Basel verlässt, erneut unter Kanonendonner für den gelernten Artilleristen. Napoleon reist nach Deutschland weiter, zum Friedenskongress von Rastatt. Der General hat sich in Basel kein Mittagsschläfchen gegönnt. Gleichwohl kann heute im prächtigen Hotel Les Trois Rois eine «Suite Napoleon» bezogen werden, wo einem der Korse in Bronze hoch zu Pferd begegnet und die Vergangenheit auferstehen lässt.

Die Helvetische Republik ist gescheitert: Napoleon (4. v. l.) stellt mit der Mediationsakte Stabilität in der Eidgenossenschaft her. Foto: bpk-Bildagentur

Zwei Wochen später, am 8. Dezember 1797, sitzt Peter Ochs als Basler Gesandter bereits in Paris und tafelt mit den massgebenden Herren, also auch wieder mit Napoleon. Ochs wird beim Nachtisch klargemacht, dass Frankreich den Druck auf Basel und die ganze Eidgenossenschaft rasch erhöhen wird. In die südjurassischen Täler des Fürstbistums von Basel rückt bereits eine Division der französischen Rheinarmee ein. Napoleon empfiehlt den «Patrioten» in der Schweiz (so werden die Anhänger der französischen Ideen genannt) den Aufstand, und zwar mit dem Ziel, in einer neuen Verfassung die Volksrepräsentation zu verankern. Gleichzeitig würden französische Truppen an der Grenze zusammengezogen, als Drohgebärde, aber zum Eingreifen durchaus bereit. Peter Ochs gibt zu bedenken, dass die herrschende Elite immer noch über einen weitgehend intakten Unterdrückungsapparat verfüge. Napoleon beharrt aber auf seiner Position, er mag nicht vertröstet werden. Und was er will, das will er – ganz unschweizerisch – sofort.

Während Peter Ochs noch in Paris sitzt und Depeschen schreibt, kommt es in der Stadt Basel selber, aber auch bei den Treffen der Basler mit ihren Untertanen im Baselbiet zu turbulenten Verhandlungen. Doch schon am 17. Januar 1798 wird in Liestal der Freiheitsbaum aufgerichtet. In Basel steht er eine Woche später. Damit gelingt es Basel und seinen Baselbietern auf Druck der aufgeklärten Intellektuellen als einzigem Ort der Eidgenossenschaft, aus eigener Kraft und ohne die französischen Bajonette eine tragfähige freiheitliche Ordnung einzurichten. Diese schöne zivile Leistung wird allerdings in der übrigen Schweiz, namentlich von Bern und der Innerschweiz, nicht geschätzt. Im Gegenteil: Das Wort Verrat geht um. Ulrich Bräker hingegen, der Bauerndichter im Toggenburg, notiert am 30. Januar 1798 nach der Gemeindeversammlung von Wattwil: «Es wurden Beispiele erzählt, wie überall Freiheit und Gleichheit eingeführt werde, auch in unserem Schweizerland. Wie der Kanton Basel den Anfang macht und seinen Landleuten Freiheit und Gleichheit zugestanden und verschrieben habe. Warum wollen wir dann allein zurückbleiben?»

Müde auf einem Maultier: Wie der Maler Paul Delaroche Napoleon wirklichkeitsnah gesehen hat um 1800. Foto: Getty Images

Die Zeit ist reif, die Alte Eidgenossenschaft wankt, wankt und fällt, geht im Frühjahr 1798 unter. Der militärische Widerstand von Bern und der Innerschweiz gegen die moderne französische Armee scheitert kläglich. Am 12. April ruft Peter Ochs vom alten Rathaus in Aarau, der ersten Hauptstadt, die Helvetische Republik aus. Ihr Schönheitsfehler: Faktisch ist die Schweiz jetzt ein Protektorat Frankreichs.

Für Napoleon erfüllt sich damit nicht nur ein ideelles Ziel. Er denkt an die geplanten Auseinandersetzungen in Europa, und die sind militärischer Natur. Darum sagt er über die Schweiz: «Ich brauche vor allem eine Grenze, welche die Franche-Comté sichert; eine beständige, stabile und mit Frankreich befreundete Regierung, das ist mein erster Wunsch.» Sein Wunsch geht in Erfüllung – und ein Jahr später macht er die Schweiz zum Kriegsschauplatz. Armeen Österreichs, Russlands und Frankreichs treffen aufeinander. In der Schöllenenschlucht erinnert das kolossale russische Denkmal ebenso daran wie der bescheidene Gedenkstein bei Dietikon an der Limmat – und der Ortsname Dietikon im Arc de Triomphe zu Paris.

Napoleon überquert die Alpen

Als Napoleon die Schweiz zum zweiten Mal betritt, sind seit seiner Rast in Basel zweieinhalb Jahre vergangen. Jetzt ist Napoleon Bonaparte Frankreichs erster Mann und führt den Titel eines Ersten Konsuls. Aber er wird von der antifranzösischen Koalition bedrängt. In Oberitalien dominieren wieder die Österreicher.

Napoleon will sie von Norden her überraschen. Darum lässt er eine Armee von gut 40 000 Mann ins Wallis marschieren. Er selber trifft am 19. Mai 1800 in Martigny ein. Zu den Vorräten dieser Armee gehören unter anderem 1000 Ochsen, 750'000 Kilogramm Biskuits, 90'000 Liter Schnaps. In der Nacht auf den 20. Mai bricht Napoleon um zwei Uhr morgens in Martigny auf, der Sprung in den Süden soll über den Grossen Sankt Bernhard erfolgen. Ein simpler, schneebedeckter Saumpfad führt da hinauf, 2000 Höhenmeter im Aufstieg. Die gut 30 Kanonen müssen auf ausgehöhlte Baumstämme geladen und gezogen werden. Bereits um sechs Uhr passiert Napoleon Bourg-Saint-Pierre. Er sitzt auf einem braven Maultier, das ein Bergführer am Zügel hält. So hat es der Künstler Paul Delaroche wirklichkeitsnah dargestellt. Dieser Bergführer rettet Napoleon das Leben, als das Maultier ausgleitet und in ein Tobel zu stürzen droht. Zur Belohnung schenkt Napoleon dem braven Mann auf dessen Wunsch später das beste Maultier, das im Raum Paris zu kaufen ist. Um neun Uhr morgens ist die Passhöhe erreicht. Napoleon lässt die Alpenüberquerung vom Historienmaler Jacques-Louis David in mehreren grossformatigen Bildern verewigen. Sie zeigen ihn auf einem sich aufbäumenden Pferd in kühler Heldenpose. Die Magie dieser Bilder, die nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun haben, gefällt dem Propaganda-Spezialisten Napoleon. Er sieht sich darin selber auf Augenhöhe mit Hannibal und Karl dem Grossen. An jenem 20. Mai im Jahr 1800 verlässt Napoleon mit seiner Armee eidgenössisches Territorium, um bei Marengo die Österreicher zu schlagen. Er kehrt nie wieder zurück in die Schweiz.

Heilsam, beruhigend und wirtschaftlich positiv: Die Mediationsverfassung räumt den Kantonen wieder mehr Selbstbestimmungsrechte ein. Foto: Zentralbibliothek Zürich / Graphische Sammlung

Aus dem Kraftfeld Napoleons gerät das Land deswegen aber keineswegs. Er lässt 1802 einen Aufstand der «Föderalisten» («Stecklikrieg») umgehend niederschlagen. Eine Kanonenkugel in der Mauer eines Hauses am Läuferplatz in Bern zeugt heute noch vom Aufstand. Napoleon zitiert danach 63 Politiker verschiedener Couleur aus der Schweiz nach Paris. Er verlangt von ihnen die Abkehr vom Einheitsstaat und formuliert mit ihnen ein neues, föderalistischeres Grundgesetz (die sogenannte Mediationsakte). Was so trocken tönt, entspringt Napoleons unbedingtem Willen, in der Schweiz sofort wieder stabile Verhältnisse zu erreichen und die Streitigkeiten zwischen den Parteien beizulegen. Für die Schweiz erweist sich die Mediation als heilsam, beruhigend, was sich auch an einem wirtschaftlichen Aufschwung ablesen lässt.

Zu den traurigsten Begebenheiten gehört für die Schweiz in napoleonischer Zeit der Feldzug gegen Russland 1812. Von den 9000 Soldaten aus der Schweiz kehren nur etwa 1000 heim.

Von den 1300 beteiligten Schweizern überleben 300: Drei Tage lang dauert die Schlacht beim Beresina-Fluss 1812. Foto: Keystone

Zuvor hatte Napoleon in seinen Kriegen schon etwa 35'000 Schweizer Soldaten «verbraucht». Aber die Soldaten für den Russlandfeldzug sind keine freiwilligen Söldner mehr, und die Schweizer Behörden spielen dabei eine traurige Rolle. Zuerst ködern sie die Männer zwischen 18 und 40 Jahren mit Prämien. Das aber reicht nicht, um die geforderten Kontingente zu erreichen. Darum werden Männer aus der Grundschicht ins Gefängnis geworfen und zum Dienst gepresst. Bettler, Holzfrevler, Nachtschwärmer, Bankrotteure, Aufmüpfige aller Art und mittellose Väter unehelicher Kinder müssen marschieren.

Die Schweiz reagiert nach dem Untergang der Invasionsarmee keineswegs entsetzt auf die eigenen 8000 Toten. Die Opfer stammen aus einer Gesellschaftsschicht, die sich kaum Gehör verschaffen kann. Es herrscht vielmehr Erleichterung darüber, dass Napoleon eine schwere, eine entscheidende Niederlage hinnehmen muss. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Russen dank ihrem tüchtigen Geheimdienst von den Plänen Frankreichs schon lange und im Detail wussten. Nach dem Russlandfeldzug entsteht in der Schweiz der Beresina-Mythos, der besagt, dass die Schweizer bis zur letzten Patrone geeint gekämpft haben. Mit der Beschwörung der Schlacht von Beresina werden später dann wieder Gehorsam und unerschütterliche Treue eingefordert.

Die Erfindung der Neutralität

Als Napoleon 1815 endgültig als Kaiser abdankt und Europa sich auf dem Wiener Kongress neu organisiert, muss sich die Schweiz auf wohlwollende Freunde im Ausland verlassen. Ihre eigenen Delegationen treten fahrig auf und ohne Konzept. Der russische Zar Alexander I. und sein aus Griechenland stammender Aussenminister Ioannis Kapodistrias, aber auch die Engländer und selbst Österreichs Fürst Metternich sorgen dafür, dass die Schweiz mit vorteilhaften Bedingungen aus den Verhandlungen hervorgeht. Kapodistrias betreut die Schweiz im Vorfeld des Kongresses vorbildlich – was sie ihm nie verdankt hat. Die Schweiz muss aber gewährleisten, dass die zum Bürgerkrieg bereiten reaktionären Innerschweizer Ruhe geben. Denn die Grossmächte garantieren die Souveränität der Schweiz nur, wenn sie die Rolle eines funktionsfähigen Pufferstaats zu Frankreich einnehmen kann. Darum verpassen sie der Eidgenossenschaft zusätzlich den Status der Neutralität.

Erstellt: 18.08.2019, 20:23 Uhr

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