Swissness über den Äther

Alte Radio- und Filmaufnahmen lassen die Nachkriegs-Schweiz aufleben. Doch die Durchforstung der Ton- und Bilddokumente stellt Forscher vor grosse Herausforderungen.

Kinder nehmen im Radiostudio Zürich ein Lied auf, 1952. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

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Wie tönt «Swissness»? Und wie wurde sie einst an Auslandschweizer sowie ein internationales Publikum vermittelt, als es noch Kurzwellensendungen gab? Diese Frage ist kulturhistorisch von Interesse, nicht zuletzt deshalb, weil das Kurzwellenradio auch für die Schweiz im Kalten Krieg eine wichtige Rolle spielte. 2004 wurden die letzten Schweizer Kurzwellensender ausgeschaltet.

Ein verschwundenes ­Radioprogramm zu analysieren und dessen Bild der Schweiz zu rekonstruieren, ist nicht einfach. Eine Forschungsgruppe hat es getan und Themen unter die Lupe genommen wie die Volksmusik in der Nachkriegszeit, Reportagen über Bobfahrten in den Alpen, Heidi auf Arabisch oder die Schützenfeste der Auslandschweizer. Dabei konnten sich die Forscher nur zum Teil auf schriftliche Quellen stützen, mit denen sie sonst arbeiten.

Boom von Tonkonserven

Bibliotheken und Archive sind für die Forschung unverzichtbar. Gehütet wurden Bücher und Zeitschriften manchmal über Jahrhunderte hinweg, heute oft digital auf Datenträgern. Meist handelt es sich um Schriftgut; im Umgang damit sind die Leser, vom Schulkind bis zum Hochschulprofessor, routiniert. Ganz anders ist es bei den audiovisuellen Medien. Erst als am 19. Februar 1878 das US-Patent No. 200.521 an Thomas Edison für seinen Phonographen erteilt wurde, begann das Zeitalter der Tonkonserven. In den folgenden 140 Jahren wuchs der Bestand an Ton- und Bildaufnahmen lawinenartig an, immer wieder befeuert durch technische Fortschritte.

Johannes Müske lehrt am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (Isek) der Universität Zürich auf den Gebieten Populärkultur, Volkskunde und Technikgeschichte. Müske hat die Forschungsgruppe koordiniert, welche die Geschichte und die Klänge des Schweizerischen Kurzwellendienstes, später Schweizer Radio International genannt, untersuchte. Die Basis bildete eine Sammlung von 7600 Tonbändern mit «typischer Schweizer Musik», die Fritz Dür, ein Mitarbeiter des Kurzwellendienstes, über Jahre gesammelt hatte.

Diese umfangreiche Sammlung war nach dem Ende der internationalen SRG-Programme in Vergessenheit geraten. Mithilfe des Vereins Memoriav, der sich um das audiovisuelle Erbe bemüht, und der Nationalphonothek wurden die Bänder als Kellerschatz geborgen.

Landessender Sottens im Kanton Waadt, 1948. Foto: Keystone, Photopress-Archiv

Wie geht ein Forscher vor, wenn es archivierte Radio- oder Fernsehsendungen zu sichten gilt? «Das ist tatsächlich schwieriger als bei schriftlichen Quellen», sagt Müske. Während man sich von Schriftdokumenten schnell einen Überblick verschaffen kann, benötigt man für die Nutzung von audiovisuellem Material funktionstüchtige Geräte. Und dann muss man die Sendungen abhören oder visionieren – in der Hoffnung, die gesuchten Informationen auch zu finden.

Für die Weiterbearbeitung werden die Ton- und Videoinhalte dann doch wieder in die gewohnte schriftliche Form gebracht. «Das Transkribieren ist der grösste Aufwand», sagt Müske. Das Erfassen von zehn Minuten Interview auf Tonband braucht eine Stunde Arbeit. Auf Software, die das automatisch besorgt, verlassen sich die Forscher nicht. «Um das Hören kommt man ohnehin nicht herum, denn damit beginnt jede Kulturanalyse», sagt Johannes Müske.

Reportagen und Spielshows

Was in den letzten gut hundert Jahren medial geschehen ist, hat zunehmend Spuren in audiovisuellen Sammlungen hinterlassen. Gerade für die Geschichtsschreibung der Populärkultur sind einstmals aktuelle Radio- und Fernsehsendungen wichtige Originalquellen. Das können Nachrichten oder Reportagen sein, aber auch Unterhaltungssendungen bis hin zu TV-Spielshows. Damals waren sie für den Augenblick gedacht, heute sind sie Zeitfenster, die einzigartige Einblicke ermöglichen. «Wir bekommen auf diesem Weg viel Atmosphärisches aus der jeweiligen Zeit mit», sagt Johannes Müske.

Die Informationen, etwa bei einer Strassenumfrage oder einer Parlamentssitzung, sind an den Tag gebunden, spontan und entsprechen nicht immer der Wahrheit. Sie müssen kritisch eingeordnet und mit anderen Quellen verglichen werden. Schriftliche Quellen sind bewusster erstellt worden und durch den Übersetzungsschritt abstrakter. «Eigentlich sind alle Quellen gleichwertig, doch in der Forschungspraxis gibt es eine grössere Affinität zum Gedruckten, allein schon wegen der besseren Nachweisbarkeit und Zitierbarkeit», stellt Müske fest. Ein Problem ist die komplizierte Urheberrechtssituation. Einer Dissertation eine CD mit Tonaufnahmen aus einem Archiv beizulegen, ist rechtlich fast unmöglich.

Für den Umgang mit Ton- und Bildaufnahmen ist ein wesentlich grösserer technischer Aufwand nötig als für das Aufbewahren und Nutzen von Schriftgut. Am aufwendigsten sind Filme, wie sie in der Cinémathèque in Lausanne aufbewahrt werden. Nicht nur stellen die Lagerräume hohe Anforderungen, audiovisuelle Träger haben eine im Vergleich zu Büchern äusserst begrenzte Lebensdauer. Die Standards wechseln immer wieder, oft fehlen dann mit der Zeit die Abspielgeräte. In digitaler Form auf Bändern oder Festplatten gespeichert, sind die Daten aber ebenso wenig dauerhaft gesichert. Die Speicher müssen regelmässig aktualisiert werden, wobei darauf geachtet werden muss, dass keine Informationen verloren gehen.

«Es wird heute sehr viel gespeichert, weil die Speicher immer billiger werden. Doch für die Dokumentation fehlen Zeit, Geld und zunehmend die Fachleute.»Johannes Müske, Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich

Den Forschern kommt die Digitaltechnik bei der Benützung der Bestände entgegen. So können viele Audiobestände der Schweizerischen Nationalphonothek in Lugano an sogenannten Hörplätzen auch in Zürich abgehört, nicht jedoch gespeichert werden. Weiteres audiovisuelles Kulturgut wird im Rahmen des Service public beim Schweizer Fernsehen und bei den SRF-Radiostudios aufbewahrt; die Privatsender sind dazu bisher nicht verpflichtet. Zu solchen Aufnahmen haben Forscher zwar Zugriff, aber nur auf Anforderung, sie müssen wissen, was sie suchen.

Das gilt noch mehr für Privatsammlungen, Firmen- oder Vereinsarchive. Es brauche die Ideen und die Fantasie des Forschers, um überhaupt einmal den ­erfolgversprechenden Aufenthaltsort einer Aufnahme zu eruieren, sagt Müske. Was sich seit Edisons Zeiten an audiovisuellen Zeitdokumenten angesammelt hat, ist auch mit modernen Mitteln schwer zu ordnen und zu nutzen. «Es wird heute sehr viel gespeichert, weil die Speicher immer billiger werden. Doch für die Dokumentation fehlen Zeit, Geld und zunehmend die Fachleute», bedauert Johannes Müske. Johannes Müske lehrt am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (Isek) der Universität Zürich

Historiker treffen Auswahl

Früher legten Dokumentalisten die Auswahl fest, beschrieben die Inhalte und vergaben systematisch Schlagworte. Die Angaben auf den Karteikarten machten das Recherchieren für die Forscher einfach, die Verbindung zu einem Tonband in einer nummerierten Kartonschachtel im Compactus-Lager war leicht herzustellen. «Heute speichert der Computer zwar ganz viele technische Daten mit, doch für die Verschlagwortung des Inhalts ist niemand mehr da», sagt Müske.

Auch wenn noch so viel gespeichert wird, alles werden die digitalen Ton- und Bildarchive niemals fassen. «Macht nichts!», sagt Müske. «Als historisch arbeitende Wissenschaftler müssen wir immer eine Auswahl treffen. Alles aufzubewahren, würde nichts bringen, weil das niemand bearbeiten könnte.»

Forschungsgruppe Broadcasting Swissness: Die Schweiz auf Kurzwelle. Chronos-Verlag, Zürich 2016. 157 S., ca. 38 Fr.

Erstellt: 25.03.2018, 17:48 Uhr

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