Tausendjähriger Königshof im Rheintal entdeckt

In der Baugrube eines Mehrfamilienhauses im Churer Rheintal haben Archäologen gut erhaltene Überreste eines deutschen Königshofs entdeckt. Es ist erst der zweite seiner Art in der Schweiz.

Vom Bund zu einem Fund von nationaler Bedeutung erklärt: Skelette aus dem 10. Jahrhundert.

Vom Bund zu einem Fund von nationaler Bedeutung erklärt: Skelette aus dem 10. Jahrhundert.

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Der archäologische Dienst Graubünden hat die nun teilweise freigelegte Ruine in Zizers als den im Jahr 955 urkundlich erwähnten Königshof von Otto I. dem Grossen identifiziert. Der deutsche König und Kaiser lebte von 912 bis 973. Fundstücke lassen darauf schliessen, dass der Hof schon im 9. Jahrhundert erbaut wurde, wie die Bündner Archäologen am Mittwoch erläuterten.

Entdeckt wurden das Gebäudefundament und die Mauern per Zufall. Dem in Zizers wohnhaftem Ausgrabungsleiter Jürg Spadin fielen im Vorbeigehen verschüttete Mauerreste in der Sondierungsgrube für das geplante Mehrfamilienhaus auf. Die Ausgrabungsarbeiten sind seit letztem August in Gang.

Zweiter gefundener Königshof der Schweiz

Als Königshöfe oder Pfalzen wurden die Stützpunkte der herumreisenden Könige im Früh- und Hochmittelalter bezeichnet. Die Herrscher führten dort Amtshandlungen aus, hielten Hoftage ab und feierten hohe kirchliche Feste. Der Zizerser Königshof ist neben der Pfalz auf dem Lindenhof im Herzen von Zürich erst der zweite, dessen Überreste in der Schweiz gefunden wurden.

Als über tausendjähriger, profaner Bau sei der Königshof ein Monument von nationaler Bedeutung, betonte Kantonsarchäologe Urs Clavadetscher. Gleich alte Kirchen gebe es im Land einige, aber keinen weltlichen Bau, der vollständig erhalten wäre.

Bauherr könnte enteignet werden

Der Bund hat den Königshof zur Ausgrabung von nationaler Bedeutung erklärt. Damit gibt es für die Freilegungsarbeiten keine Zeitlimite, der Bau des Mehrfamilienhauses muss zuwarten. Ob der Königshof nach der Beendigung der Forschungstätigkeit nicht überbaut wird, ist aber ungewiss.

Der Kantonsarchäologe hofft, dass die Hofruine erhalten bleibt und keinem Wohnhaus weichen muss. Viel Einfluss nehmen könne er aber nicht. Der Bauherr des Mehrfamilienhauses müsste enteignet und entschädigt werden. Veranlassen könnten das nur der Kanton oder der Bund, so Clavadetscher. (mt/sda)

Erstellt: 02.06.2010, 15:21 Uhr

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