Verschollen im Urwald, aber nicht vergessen

Vor vierzehn Jahren ist Bruno Manser in Malaysia verschwunden. Sein Nachfolger setzt den Kampf fort – und erzählt in einem Buch die Tragödie eines indigenen Volkes, das von der Globalisierung eingeholt wird.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anfang des Jahrtausends kämpfte sich ein Staatsfeind durch den Regenwald der Insel Borneo. Es war der 46-jährige Basler Bruno Manser, Umweltschützer und Menschenrechtler, als solcher in Malaysia unerwünscht und daher illegal unterwegs zu seiner zweiten Familie, den Urwaldnomaden. Auf der Suche nach einem Leben nahe an den Ursprüngen der Menschheit hatte er fünfzehn Jahre zuvor den Stamm der Penan aufgesucht und während sechs Jahren dort gelebt. Er wurde Teil des friedliebenden Volkes, das durch die Wälder zog und nichts weiter beanspruchte als die Stärke der Sagopalme, süsse Urwaldfrüchte und Pfeilgift für die Jagd auf Affen, Vögel oder Wildschweine. Manser glaubte, bei den Penan sein Paradies gefunden zu haben.

Da kreuzten die Bulldozer auf und begannen die Wälder ihrer edlen Hölzer wegen niederzumähen. Manser kletterte auf einen Baumriesen und schrieb den Tränen nahe in sein Tagebuch: «Mein Herz weint wie Todesgesang – muss das Paradies wirklich sterben und Motorsäge und Bulldozer weichen?» Entschlossen kam er von seinem Baum herunter und vereinte die indigenen Völker im Kampf um ihre Existenz – zum Ärger der Holzindustrie und korrupter Politiker.

1990 wurde ein Kopfgeld auf Manser ausgesetzt, er musste Malaysia fluchtartig verlassen. In der Folge reiste er mehrmals illegal zu seinen Penan-Freunden und tat sein Möglichstes, um die Abholzung zu verhindern. Am 15. Februar 2000 brach er erneut nach Borneo auf. Seither wurde er nie mehr gesehen.

Vier Jahre nach Mansers Verschwinden setzte der Historiker Lukas Straumann die Arbeit Mansers fort. «Im ersten Moment bin ich erschrocken», erinnert sich Straumann an den Tag, als er zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde und das kleine Büro des Bruno Manser Fonds (BMF) am Basler Heuberg betrat. «Alles vollgestopft mit Material!» Straumann hatte für die Bergier-Kommission die Geschäfte zwischen den Schweizer Chemieunternehmen und dem Dritten Reich untersucht. Er wollte als Historiker von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart und nahm sich der gesellschaftlich-ökologischen Tragödie im malaysischen Bundesstaat Sarawak an. «Ich gab mir zwei Jahre», sagt er heute und blickt inzwischen auf zehn Jahre als Geschäftsführer des BMF zurück. In seinem jetzt erschienenen Buch «Raubzug auf den Regenwald» erzählt Straumann die klassische Tragödie eines indigenen Volkes, das von der Globalisierung eingeholt wird.

Plantagen statt Urwald

Sarawak war 1960 fast gänzlich bewaldet. Heute sind noch zehn Prozent des einstigen Urwalds intakt. Der Mann, der das zu verantworten hat und Bruno Manser zum Staatsfeind erklärt hatte, ist Taib Mahmud, Gouverneur und mächtigster Mann von Sarawak. Der heute 77-Jährige wurde 1961 von seinem Onkel in die Politik gehievt, erkannte das Potenzial der Regenwaldhölzer und machte sich seither «die Entwicklung Sarawaks» zum Ziel. Er kontrolliert die Vergabe von Holzkonzessionen, hebelt die Opposition stets geschickt aus und versteht sich prächtig in Korruption. So konnte er seine Vorherrschaft über die vergangenen 50 Jahre sichern und Schätzungen zufolge 15 Milliarden US-Dollar mit Schmiergeldern aus dem Holzgeschäft erwirtschaften. Entwicklung, wie er sie versteht, brachte Sarawak grossflächige Palmölplantagen, die anstelle des Regenwalds gepflanzt werden.

Im Jahr 2004 hatten sich praktisch alle internationalen Organisationen aus Sarawak zurückgezogen. Der Schutz des Regenwalds schien dort hoffnungslos. Doch Straumann und der BMF machten unbeirrt weiter. Es galt, das traditionelle Land der Penan zu kartieren, um juristisch Anrecht geltend zu machen. «Die Penan zeigten, wo ihre Pfeilgiftbäume stehen, wo die Blasrohrbäume wachsen und erklärten, wie die Flüsse heissen. Wir dokumentierten, digitalisierten und werteten Satellitenbilder aus», erklärt Straumann.

Die gesammelten Daten wurden in einem Kartenwerk zusammengeführt, das inzwischen als Geoportal im Internet einsehbar ist. Nun sind die Tatsachen einer breiten Öffentlichkeit weltweit zugänglich. Etwa, dass heute noch 10 Prozent des einstigen Urwalds in Sarawak vorhanden sind, entgegen den Behauptungen von Taib; er redet von 70 Prozent, sein Forstamt gar von 84 Prozent. Das Geoportal zeigt aber auch, dass 46 Prozent der Fläche Sarawaks mit Sekundärwäldern bedeckt sind, die sich innert einiger Jahrzehnte wieder zu einem intakten Regenwald-Ökosystem entwickeln könnten. Doch Straumann dämpft die Hoffnung: «Die Regierung sieht vor, in den nächsten zehn Jahren ihre Palmölplantagen zu verdoppeln.»

Die Kartierung sollte ein zentrales Element für Landrechtsklagen der Penan werden. Ergänzend sammelte Straumann Dokumente, die beweisen, dass die Penan Bewohner des Regenwalds waren lange vor dessen Abholzung. Er reiste zum britischen Anthropologen Rodney Needham, der als erster Europäer Anfang der 50er-Jahre mit den Penan lebte, sie fotografierte und ihre Sprache lernte. Needhams Schwarzweissfotografien zeigen die friedlichen Penan, eins mit der Natur als Nomaden im Regenwald.

2001 gelang ein erster juristischer Durchbruch: Eine indigene Gemeinde klagte gegen den Plantagenkonzern Borneo Pulp and Paper und gegen die Regierung. Erstmals gestand ein malaysisches Gericht den Ureinwohnern Landrechte zu. Taib wollte es den Indigenen in der Folge verbieten, ihr traditionelles Land auf Landkarten festzuhalten, auf deren Grundlage sie klagen konnten – ein Verstoss gegen die Menschenrechte, den Taib für einmal nicht durchsetzen konnte. Bis 2010 gingen über 140 Landrechtsklagen ein. Zwar stehen die Gerichtsurteile noch aus, doch Straumann ist optimistisch: «Die Rechtsprechung geht heute weltweit stark in Richtung der Anliegen indigener Bevölkerungen, auch in Malaysia.»

Schlechtes Licht auf die Schweiz

Taib hatte der Bevölkerung Wohlstand und Entwicklung durch den Holzhandel versprochen. Doch das grosse Geld taucht nur in seinem eigenen Umfeld auf. «Ich habe mehr Geld, als ich jemals ausgeben kann», liess er sich 2010 wenig diskret zitieren. Straumann studierte Handelsregister und traf Whistleblower.

Ein Zugang zu Taibs Geldwäsche-Apparat offenbarte sich ihm durch den Amerikaner Ross Boyert, der während zwölf Jahren die Immobilienfirma Sakti International für den Taib-Clan verwaltete. Er wurde um seine Anteile betrogen und klagte gegen Taib. Seine Dokumente weisen Taib als Besitzer von Immobilien an der Westküste der USA im Wert von 200 Millionen Dollar aus. Wikileaks enthüllte 2011, dass die amerikanische Regierung von Taibs Machenschaften wusste und ihn als «hochgradig korrupt» einstufte – trotzdem mietet der US-Geheimdienst FBI bei Taibs Sakti International nach wie vor ein Bürogebäude in Seattle. Boyert nahm sich 2010 das Leben, nachdem ihn seine Untreue gegenüber Taib teuer zu stehen gekommen war: Er und seine Frau wurden beschattet und mit dem Tod bedroht. «Die beiden waren nervlich stark angeschlagen», erinnert sich Straumann an sein Treffen mit den Boyerts in Los Angeles.

Auch Schweizer Finanzinstitute kommen schlecht weg: 2007 war die Credit Suisse federführend am Börsengang des grössten malaysischen Holzkonzerns Samling beteiligt. Die CS wollte offenbar keinen Konflikt mit Umwelt und Indigenen sehen. Dabei geht auch der sogenannt legale Holzschlag mit illegalen Machenschaften einher. «Erst kürzlich erzählte uns ein Insider, wie Förster auf Kosten der Holzfirma ins Vergnügungsviertel gehen, statt deren Holzschlag zu kontrollieren», sagt Straumann.

Schmiergelder in Millionenhöhe

Gegen die UBS ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Verdachts auf Verstoss gegen das Geldwäschereigesetz. Straumann kann laut eigenen Angaben Zahlungen an mehrere UBS-Konten belegen, die zum Teil dilettantisch genug mit dem Zahlungsgrund «deposit for logging concession» betitelt worden seien – Hinterlegung für Holzschlag-Konzession. Mehr als 90  Millionen US-Dollar an mutmasslichen Schmier­geldern aus dem Tropenholzgeschäft von Sarawaks Nachbarstaat Sabah sollen über UBS-Konten in Hongkong, Singapur und Zürich gewaschen worden sein. Dies zeigten Bankauszüge. Die UBS will sich laut ­Mediensprecher Yves Kaufmann nicht zum laufenden Verfahren äussern.

Kurz vor seinem Verschwinden sagte ein resignierter Bruno Manser, dass der Erfolg im Kampf gegen die Holzindustrie in Sarawak «unter null» sei. «Manser steckte sich extrem hohe Ziele», relativiert Straumann, er wertet Mansers Erfolg anders: «Ohne ihn hätten die Penan heute gar keinen Wald mehr.»

In seiner Verzweiflung schrieb Manser, der immer an das Gute im Menschen glaubte, zuletzt Versöhnungsbriefe an Taib. Sie blieben unbeantwortet. Am 23. Mai 2000 überquerte er von Indonesien kommend die malaysische Grenze und wollte in mehreren Tagesmärschen zum Volk seines Mentors, Häuptling Along Sega, gelangen. Doch seine Spur verliert sich in der Region des Berges Batu Lawi. Ob Manser einer natürlichen Gefahr im Urwald zum Opfer fiel oder von Holzfällern ermordet wurde, weiss man bis heute nicht.

Erstellt: 11.03.2014, 12:23 Uhr

Artikel zum Thema

Bruno Manser: Seit zehn Jahren verschollen

An einer öffentlichen Gedenkfeier in Basel wird morgen an den Schweizer Regenwaldschützer Bruno Manser erinnert. Sein letztes Lebenszeichen war Brief an seine Freundin in der Schweiz, datiert vom 23. Mai 2000. Mehr...

Bruno Manser Fonds reicht Strafanzeige gegen UBS ein

Banken Der Bruno Manser Fonds wirft der Grossbank UBS vor, Gelder angenommen zu haben, die aus Korruption im Tropenholzgeschäft in Malaysia stammen sollen. Mehr...

Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Lukas Straumann: Raubzug auf den Regenwald. Salis-Verlag, Zürich 2014. 380 Seiten,
ca. 34.80 Fr.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Mamablog Es gibt nicht nur Heteros!
Geldblog Schlechter Zeitpunkt für grosse Investitionen
Sweet Home Trost aus der Pfanne

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...