Waghalsige Tüftler auf dem gefrorenen See

Motorschlitten, Velos, Schlittschuhe: Während der Bodenseegfrörni 1963 fuhren Tüftler und Kreative mit den skurrilsten Fahrzeugen über das Eis – Bauchlandungen und heftiger Muskelkater inklusive.

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Die letzte Bodenseegfrörni lockte 1963 Tausende aufs Eis. Zur Überquerung des Sees wurden von einfallsreichen Hobbykonstrukteuren skurrile Eisfahrzeuge gebaut. Der Horner Willi Langenberger wagte sich mit Freunden auf einem schnellen Vespa-Schlitten aufs Eis.

Langenberger, der heute 86 ist, überquerte den Bodensee während der Gfrörni vor 50 Jahren dreimal. «Langenargen war jeweils das Ziel», erzählt der rüstige Senior. Das erste Mal habe er die 12 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Langenberger führte in einem Anhänger ein Seil, einen Kompass und eine Leiter mit. «Man weiss ja nie».

Beim Langenargener Bürgermeister Franz Eble konnten Schweizer, die Langenargen über das Eis erreichten, ein von ihm persönlich unterzeichnetes Zertifikat abholen. «Diese Urkunden waren begehrt», sagt Langenberger: «Man konnte damit angeben am Schweizer Ufer.»

Schlittschuhe ausverkauft

Seine zweite Überquerung absolvierte Willi Langenberger auf Schlittschuhen. «Ich kaufte mir extra ein Paar», sagt er. Zur Zeit der Seegfrörni waren Schlittschuhe in der Bodenseeregion vielerorts ausverkauft. Langenberger, damals 36 Jahre alt, machte sich mit zwei befreundeten Frauen auf den kalten Eisweg nach Langenargen.

Seine Frau Heidi konnte nicht mitkommen. «Ich machte einen Schaurigen mit», sagt Willi Langenberger. Er war des Eislaufens nicht besonders geübt. Das letzte Mal vor der Seegfrörni stand er als Kind auf den schmalen Kufen. «Die Frauen waren besser unterwegs», erinnert sich Langenberger. Er gab sich keine Blösse.

Das Eis auf dem See war nicht zu vergleichen mit demjenigen einer Kunsteisbahn. Langenberger: «Es war uneben, holprig.» Er habe nach 24 Kilometern Eislaufen kaum mehr gehen können; so heftig sei der Muskelkater nach der stundenlangen Bodensee-Überquerung gewesen.

Vespa mit Kufen

Für seine dritte Überquerung liessen sich Willi Langenberger und sein Freund, der Garagist Ernst Zehender, etwas Besonderes einfallen. Sie bauten eine Vespa zu einem Motorschlitten um. Ein Eisengestell mit Kufen half, dass die Vespa auf dem Eis stabil blieb, erzählt Willi Langenberger, der 1963 direkt am See wohnte.

An einem Seil wurden der Vespa zwei Davoser-Schlitten angehängt, diese wiederum waren mit einer langen Diele miteinander verbunden.

Ernst Zehender als Pilot

An einem Sonntag machte sich eine Gesellschaft, bestehend aus Männern und Jugendlichen aus Horn, aufs Eis. Garagist Ernst Zehender steuerte den Vespa-Schlitten Richtung Langenargen.

Sein Sohn Kurt Zehender hockte sich zuvorderst auf die Diele, hinter ihm sass ein halbes Dutzend Männer auf dem langen Brett. Kurt Zehender, damals 15 Jahre alt, hatte Schlittschuhe an den Füssen. Seine Aufgabe war es, den Schlitten zu steuern. Das war keine leichte Aufgabe, denn die Männer hinter ihm waren schwer.

Zirka in der Mitte des Sees musste sein Vater Ernst die Vespa brüsk um einen relativ hohen Eishaufen steuern; zwei Eisplatten hatten sich übereinander geschoben. Kurt merkte das sofort – doch es gelang ihm nicht, die Schlitten samt Passagieren um den Eishaufen zu lenken. Die Konstruktion lief sozusagen auf Eis und zerschellte.

Verletzt wurde niemand. Doch die Männer lagen auf ihren Bäuchen. Umkehren auf halber Strecke? Von wegen: «Das Gefährt wurde mit Seilen behelfsmässig repariert und weiter gings nach Langenargen und am Abend wieder zurück nach Horn», erinnert sich Kurt Zehender.

Vespa täglich auf dem Eis

Zehender, der 1963 noch zur Schule ging, war danach täglich mit Vaters Vespa auf dem zugefrorenen Bodensee unterwegs. Er fuhr mit über 80 Stundenkilometern über das Eis – manchmal mit bis zu zehn Buben und Mädchen im Schlepptau, die Schlittschuhe an den Füssen hatten. «Das war ein Spass», schwelgt Zehender in Erinnerungen.

«Meine «Fahrgäste» hielten einander am Bauch oder an den Schultern. Wenn ich mit der Vespa eine scharfe Kurve machte, wirkten auf die hintersten in der Schlange enorme Kräfte.» Wie Kugeln aus dem Rohr seien sie übers Eis geschossen – auf Kufen oder auf dem Hosenboden. (rbi/sda)

Erstellt: 23.01.2013, 23:00 Uhr

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