Was ist unter dem Weltuntergang zu verstehen?

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Was ist ein Weltuntergang nun ganz genau, und weshalb bekümmert er die Menschen so sehr? Danke für eine schlüssige Antwort. P. S.

Welch eine knappe und doch zugleich auf die letzten Dinge zielende Frage! Also: Der Weltuntergang ist das säkulare Gegenstück zum Jüngsten Gericht. Was sie vom Jüngsten Gericht zu erwarten hatten, wussten die Christen vieler Jahrhunderte von den Reliefs über den Hauptportalen ihrer Kirchen. So ziert z. B. auch das Tympanon am Hauptportal des Berner Münsters eine eindrückliche Darstellung des letzten aller Tage, an dem Christus die Toten zum Leben erweckt und über alle Gericht hält. Die Gerechten werden zum Himmel auffahren, die Verdammten aber in die Hölle stürzen. (Die Vorstellung einer solchen «Endzeit» ist nicht auf das Christentum beschränkt, sowohl das Judentum als auch der Islam kennen analoge Vorstellungen; deren «massenwirksame» Verbildlichung als Kürzest-Graphic-Novel ist jedoch ein typisch christliches Phänomen.) Das Ende der Welt ist hier zugleich ein neuer, letzter Anfang für alle Ewigkeit – entweder in der Nähe Gottes oder aber in ewiger Verdammnis.

Etwas Vergleichbares kann der säkulare Weltuntergang nicht bieten: Der weltliche Weltuntergang markiert das Ende einer Unheilsgeschichte, nicht den Abschluss einer Heilsgeschichte. Und damit komme ich zum zweiten Teil Ihrer Frage, warum der Weltuntergang die Menschen so sehr bekümmert. Andersherum wird ein Schuh draus: Nicht der Weltuntergang bekümmert die Menschen; die aktuellen Sorgen der Menschen formen vielmehr seine jeweiligen Fantasien vom Weltuntergang. Das Jüngste Gericht gibt es nur im Singular; der Weltuntergang hingegen hat viele Varianten: die Klimakatastrophe, ein Meteoriteneinschlag, der atomare Overkill, ein unerwarteter Vernichtungsschlag Ausserirdischer, ein tödliches Virus, das aus einem Forschungslabor entwichen ist.

Um sich ein Bild von diesen Weltuntergängen zu machen, geht man nicht in die Kirche, sondern ins Kino. Was die Kino-Apokalypsen und -Armageddons mit dem Jüngsten Gericht verbindet, ist, dass auch hier meistens Sünden (z. B. gegen die Umwelt, die Natur) bestraft werden und dass es auch hier das Motiv der Errettung gibt: Ein paar Gerechten ist es beschieden, eine neue und bessere Welt aufzubauen. Das vorläufige Ende der Geschichte ist der Anfang einer neuen Geschichte. Die gute Nachricht dieser Filme lautet also: Das Jüngste Gericht ist in Wirklichkeit nur eine reinigende Sintflut. Die schlechte: Die neue Geschichte wird der alten aller Wahrscheinlichkeit nach leider ziemlich ähneln. Weltuntergang ohne Ende und ohne ewiges Heil.

Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft @tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2011, 08:27 Uhr

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