«Wie konnten all diese Forscher
so blind sein?»

Gianfranco D'Anna macht aus einem Forschungsskandal einen Wissenschaftskrimi.

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Sie sind selber Forscher und haben einen Roman über den grössten Betrug im Bereich der Physik geschrieben. Eine Retourkutsche?

O nein, im Gegenteil. Ich liebe die Wissenschaft, auch wenn ich keine Forschung mehr mache. Der Anlass für mein Buch war ein Expertenbericht über die Fälschung einer Reihe von spektakulären Entdeckungen in der Festkörperphysik, die sich vor rund zehn Jahren tatsächlich ereignet haben.

Wissenschaftsbetrug gibt es überall.

Für einen Physiker wie mich war das ein immenser Schock, weil das in der Physik sonst kaum vorkommt. Ich fragte mich, wie das möglich sein konnte. Wie konnten alle diese exzellenten Forscher, die involviert waren, so blind sein? Der Bericht war zu lesen wie ein Thriller.

Wieso haben Sie daraus einen Roman gemacht?

Ich wusste plötzlich, dass man aus dieser Geschichte die richtigen Lehren ziehen muss. Man lernt ja mehr aus Fehlern als aus Erfolgen. Und damit es auch Nichtwissenschaftler verstehen, habe ich die Form des Romans gewählt.

Der reale Haupttäter war ein hoffnungsvoller Forscher. Wie wurde er zum Forschungsbetrüger?

Alles beginnt mit kleinen, unschuldigen Fehlern, die jungen Forschern passieren können. Von da an läuft das ganze System aus dem Ruder. Der Fehler des Fälschers ist, dass er den Fakten und Experimenten plötzlich weniger Wert beimisst als schönen Worten und Spekulationen. Er wollte zu Publikationen in grossen Fachzeitschriften kommen, die für eine Forscherkarriere so wichtig sind. So verliert er sich im Spinnennetz des Wissenschaftssystems.

Ist der Täter ein Opfer des Systems?

In meinem Roman ja. Am Schluss sieht er sich in einer Situation ohne Ausweg. Aber der Haupttäter ist gar nicht die wichtigste Person in der Geschichte, ich habe ihn nie getroffen und kenne seine Motivation nicht. Ich weiss aber genau, was um ihn herum passiert, weil ich selber lange im Wissenschaftsbetrieb war und damit auch Teil dieses Wettrennens nach den besten Publikationen.

Trägt der Wissenschaftler nicht eine Eigenverantwortung?

Zu Beginn lädt der Fälscher wenig Schuld auf sich, aber dann gibt es einen Moment, an dem er sich natürlich bewusst entscheidet, weiter zu fälschen. Von da an gibt es für ihn kein Halten mehr. Aber seine persönlichen Motive sind nicht so entscheidend. Mein Roman gibt einen Einblick in den Wissenschaftsbetrieb. Er ist auch nicht nur Negativkritik, ja ich zeichne sogar ein positives Bild von der Forschung.

Ausgerechnet in einem Krimi über Wissenschaftsbetrug?

Klar. Es treten eine Menge wunderbarer Wissenschaftler auf, die leidenschaftlich gern forschen und sich genau bewusst sind, was gute Wissenschaft ausmacht.

Was macht das Buch spannend?

Man weiss von Beginn weg, wer der Fälscher ist. Doch jeder will herausfinden, wie so etwas möglich ist, wer ihn entlarvt und wie er bestraft wird.


Auszug aus dem Krimi: www.leseprobe.tagesanzeiger.ch

Lesung: Di, 11. 2., 19 Uhr, Kulturlokal ONO, Kramgasse 6, Bern.

Erstellt: 11.02.2014, 15:59 Uhr

Der 52-jährige Tessiner ist Physiker und Autor des Wissenschaftskrimis «Albert Thebell, Physiker und Fälscher». (Verlag Die Brotsuppe, 2013, übersetzt von Barbara Sauser, ca. 28 Fr.)

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