Wo die ethnische Vielfalt am grössten ist

Je weniger verschiedene Ethnien in einem Land zusammenleben, desto grösser ist die Chance, dass es demokratisch regiert wird. Zu diesem Schluss kommt eine Studie. Sie zeigt auch auf, wie es zur Durchmischung kam.

Leben in einem ethnienreichen Land: Angehörige der Volksgruppe der Turkana in Nordkenia. (Archivbild)

Leben in einem ethnienreichen Land: Angehörige der Volksgruppe der Turkana in Nordkenia. (Archivbild) Bild: Keystone

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Forscher der Harvard University sind in einer Studie aus dem Jahr 2002 der Frage nachgegangen, in welchen Ländern der Welt am meisten Ethnien leben – und womit eine grosse Vielfalt zusammenhängt. Dafür mussten sie zunächst eine Fülle bestehender Daten vergleichen. Wie Menschen ihre eigene Ethnie und jene anderer wahrnehmen, ist jedoch schwierig zu messen, weil dieses Empfinden subjektiv ist. Die Forscher entschieden sich daher für die Berücksichtigung der individuell wahrgenommenen ethnischen Zugehörigkeit. Massgebend war damit, welcher Ethnie die Menschen weltweit sich selbst zuordneten – und nicht, in welcher Volksgruppe sie von Aussenstehenden verortet wurden.

Die «Washington Post» hat die wichtigsten Befunde verdichtet: Die Forscher zählten demnach insgesamt 650 Ethnien in 190 Ländern. Um den Grad der ethnischen Diversität eines Landes zu messen, arbeiteten die Wissenschaftler mit Quoten: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei zufällig gewählte Bewohner eines Landes eine unterschiedliche Antwort geben, wenn sie nach ihrer Ethnie gefragt werden? Je höher die Chance ist, desto heterogener ist das Land. Die Befunde lassen sich nach Regionen vergleichen. Das sind die wichtigsten Ergebnisse:

Afrikanische Länder weisen die höchste ethnische Diversität auf.

Die Volkszugehörigkeit variiert in Afrika südlich der Sahara am stärksten. Uganda ist mit Abstand das ethnienreichste Land der Welt. An zweiter Stelle steht Liberia. Die ersten 20 Plätze auf der Skala der ethnischen Diversität sind alle von afrikanischen Ländern besetzt. Die Gründe dafür sind unter anderem in der kolonialen Vergangenheit des Kontinents zu suchen. Die Europäer betonten die ethnischen Unterschiede in Afrika, um ihre eigene Macht zu sichern. Ein bekanntes Beispiel dafür waren die Brüche zwischen Hutu und Tutsi in Ruanda, die 1994 in einem Genozid mündeten. Die europäischen Mächte teilten Afrika zudem in Territorien auf, ohne dabei die lokalen Gegebenheiten wie Volksstämme und ethnische Zugehörigkeiten zu beachten. Als sie schliesslich den Kontinent verliessen, blieben die willkürlichen Grenzen bestehen. Dadurch wurden verschiedene Ethnien in dieselben Nationen gedrängt.

Europäische Länder sind ethnisch homogen.

Die Idee des Nationalstaats, der mit der Ethnizität verknüpften nationalen Identität und des Nationalismus haben ihren Ursprung in Europa. Die europäischen Grenzen verschoben sich während Jahrhunderten umfassend und regelmässig. Dass die meisten grossen Ethnien ein eigenes Land haben, ist das schmerzvolle Ergebnis mehrerer Kriege in jüngerer Vergangenheit (Weltkriege, Balkankriege). Im Grossteil Europas sind Ethnizität und Nationalität fast dasselbe – noch immer gibt es aber Ausnahmen wie etwa die Wallonen und Flamen in Belgien.

Die beiden Amerika sind häufig heterogen.

Die Länder der neuen Welt befinden sich in dieser Hinsicht auf einer Mitte-Position; sie sind ethnisch heterogen. Gründe dafür sind die Immigration und in einigen Ländern zudem die Durchmischung von Ureinwohnern und Einwanderern. Die Ausnahmen liegen südlich des Kontinents: Die Argentinier und Chilenen stammen ursprünglich zumeist aus denselben Ländern Westeuropas. Ein interessanter Befund betrifft den Norden: Kanada ist ethnisch diverser als die USA und Mexiko.

Im Mittleren Osten herrscht eine breite Vielfalt.

Von Marroko bis zum Iran herrscht Vielfalt; der Mittlere Osten ist alles andere als einheitlich. Nur schon in Nordafrika gibt es grosse Berber-Minderheiten sowie diverse ethnische Gruppen aus der Subsahara – vor allem in Libyen. Auch Jordanien und Syrien sind heterogen. Im Iran wiederum leben grosse kurdische und arabische sowie Aseri-Populationen. Dieses Land ist eines der ethnisch vielfältigsten der ganzen Region.

Diversität kann mit Konflikten zusammenhängen.

Und womit hängt eine grosse ethnische Vielfalt zusammen? Sie korreliert gemäss der Studie stark mit dem geographischen Breitengrad und einem niedrigen Pro-Kopf-BIP. Darum ist es laut den Wissenschaftlern schwierig, die Auswirkungen dieser drei Variablen zu entflechten. Die Forscher formulierten dennoch potenzielle politische Implikationen der ethnischen Diversität:

Demnach korreliert eine starke Demokratie mit Homogenität. In gewissen Fällen könne Diversität die Demokratie schwächen. So schränke beispielsweise in fragmentierten Gesellschaften häufig eine Volksgruppe die politischen Freiheiten ein, um Kontrolle über andere Gruppen zu haben. In homogeneren Gesellschaften sei es dagegen einfacher, demokratischer zu regieren, weil die ethnischen Konflikte schwächer seien.

Eine ethnische Vielfalt hat politische Folgen.

Generell spiele es dabei keine Rolle, ob ethnische Differenzen über physische Attribute (Hautfarbe, Gesichtszüge) oder über soziale Konventionen (Sprache, kulturelle Normen) oder über die soziale Konzeption (Selbst-Identifizierung, Identifizierung durch andere) definiert werden.

Als Kernaussage lasse sich unabhängig davon festhalten: Wenn Menschen sich dauerhaft mit einer spezifischen Gruppe identifizieren, dann bilden sie potenzielle Interessensgemeinschaften, die von der politischen Führung manipuliert werden können. Politiker entscheiden sich in jenen Fällen oftmals dafür, bestimmte ethnische Gruppen («wir») zu mobilisieren, während sie andere («sie») ausschliessen. Sie können dabei auch den Hass auf eine Minderheit nutzen, um ihre eigenen politischen Ziele zu verfolgen. (rbi)

Erstellt: 18.05.2013, 17:02 Uhr

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