Abschied von der Sonnenuhr

Vor 125 Jahren stellte die Schweiz von der Berner Zeit auf die mitteleuropäische Zeit um. Diese Zonenzeit ist astronomisch ungenau, aber im Alltag praktisch.

Die Berner Lokalzeit war lange richtungsweisend. Im Bild das Astrolabium der Berner Zytglogge bei einer Sanierung. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Die Berner Lokalzeit war lange richtungsweisend. Im Bild das Astrolabium der Berner Zytglogge bei einer Sanierung. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1894 wurden in der Schweiz die Uhren um 30 Minuten vorgerückt. Sie zeigen seither die Zeit des 15. Längenkreises östlich von Greenwich, die mitteleuropäische Zonenzeit. Bis dahin hatte die sogenannte ­Berner Zeit gegolten, definiert bei 7,5 Grad, also eine halbe Stunde westlicher.

Die Berner Zeit war eigentlich eine Lokalzeit gewesen wie die Lokalzeiten anderer Städte, faktisch aber im ganzen Land gültig. Anders als in Deutschland, wo ein Reichsgesetz 1893 die Zeitordnung neu regelte, hatte die Landesregierung der Schweiz keine Kompetenzen, ein Zeit­system festzusetzen.

Noch bevor die mitteleuro­päische Zeitzone spruchreif war, ­bemühte sich der Bundesrat, wenigstens innerhalb der Landesgrenzen eine einheitliche Zeit anzustreben. Geeignet dafür schien die Übernahme der Berner Zeit für alle Kantone. Die Bundesverfassung von 1848 enthielt Bestimmungen über die Vereinheitlichung von Münzen, Massen und Gewichten, aber nichts über die Zeit. «Die Vereinheitlichung der Zeit war 1848 in der Schweiz noch kein Thema, es bestand damals gar kein Bedürfnis dafür», schreibt der Berner Historiker Jakob Messerli, der sich eingehend mit der Geschichte der Zeiteinteilung befasst hat, unter anderem als Leiter des Deutschen Uhrenmuseums.

Alle richten sich nach Bern

Anlass für die Vereinheitlichung der Zeit, so erklärt Jakob Mes­serli, sei in der Schweiz das Aufkommen der Telegrafie gewesen. Während in anderen Ländern der Aufbau des Eisenbahnnetzes nach einer normierten Zeit rief, war es in der Schweiz, die beim Bahnbau international im Rückstand war, der Nachrichtenverkehr auf elektrischen Drähten. Wenn der ­Bundesrat schon keine einheit­liche Landeszeit über alle Kantonsgrenzen hinweg befehlen konnte, so hatte er Einfluss auf die Bundesbetriebe. Das Telegrafenwesen war Bundessache.

Das Parlament verabschie­dete das entsprechende Gesetz am 23. Dezember 1851. Das Telegrafenwesen veränderte die Kommunikation so einschneidend wie später das Internet. Jakob Messerli zitiert aus der Botschaft des Bundesrates: «Der Raum ­verschwindet, und eine Nachricht, die an der Nordsee dem galvanisierten Drahte anvertraut wird, kann in derselben Minute dem Beobachter am Mittelmeer bekannt gemacht werden.»

Damit wurde dringlich, die verschiedenen Lokalzeiten durch eine Landeszeit abzulösen. Das war der erste Schritt zum System der Zeitzonen, das 1851 noch in weiter Ferne lag. Das Eidge­nössische Post- und Baudepartement ordnete an, dass die ­Uhren auf allen Telegrafenbüros nach der Zeit des Meridians von Bern zu richten seien. Vom Juli 1853 an zeigten die Uhren aller Post- und Telegrafenämter in der ganzen Schweiz die gleiche Zeit.

Der Telegraf war eine echte Revolution. Nun war auf einen Schlag der Datenaustausch in Echtzeit möglich.

Taktgeber war eine Zentraluhr in Zofingen, welche nach der astronomischen Zeit von Bern lief. 1860 übernahm diese Funktion das Observatorium Neuenburg, dessen Zeitzeichen später während Jahrzehnten unverzichtbarer Bestandteil der Radionachrichten war. Die Wissenschaft von der Zeitmessung ist in Neuenburg heute am Physik­institut der Universität angesiedelt, das sich mit Atomuhren und Lasersystemen befasst. Zeitzeichen am Radio gibt es nicht mehr, da die verschiedenen Verbreitungswege der Programme Abweichungen von mehreren Sekunden zur Folge haben.

Der Telegraf war eine echte Revolution. Nun war auf einen Schlag der Datenaustausch in Echtzeit möglich. Hatte der Unterschied der lokalen astronomischen Zeit (zwischen Genf und St. Gallen immerhin 13 Minuten) keine Rolle gespielt, fielen diese Abweichungen immer mehr ins Gewicht.

Die Uhrenhersteller wollten Klarheit darüber, welche Zeit gilt. Die im ganzen Land gültige Landeszeit, wie sie das Observatorium Neuenburg berechnete und sie das Telegrafennetz verbreitete, war schnell unentbehrlich. Die Präzision erreichte um 1870 den Bereich von Sekunden. Was der Bund mangels Gesetzesauftrag nicht vorschreiben konnte, etablierte sich dank Kantonen, Gemeinden und Bundesbetrieben auch so, eine faktisch quasi offizielle Landeszeit.

Sonne war massgebend

Im Grunde war es die Berner ­Lokalzeit, sie wurde denn auch Berner Zeit genannt. Die Basis für die Berechnung war der Mittagszeitpunkt auf dem durch Bern laufenden Meridian. Die Bestimmung der Mittagszeit ist einfach, es genügt, die Sonne zu ­beobachten und festzustellen, wann sie genau im Süden steht.

Das ist das Prinzip der Sonnenuhr, nach dem lange auch die mechanischen Uhren an Kirchtürmen oder Stadttoren gerichtet wurden. Sehr präzis ist die Methode nicht. Die Bewegung der Erde um die Sonne ist nicht gleichförmig, die Sonnenuhr zeigt die sogenannte wahre Zeit an, diese ist ebenfalls nicht gleichförmig. Richtet man eine mechanische Uhr mit ihrem gleichförmigen Gang nach der wahren Sonnenzeit, entstehen Abweichungen von mehreren Minuten. Diese werden ausgeglichen, indem die sogenannte mittlere Zeit errechnet wird.

Die Berner Zeit war die mittlere Lokalzeit von Bern. Während einer langen Übergangsfrist wurden noch andere Lokalzeiten ­verwendet. In Genf trug zum ­Beispiel der Glockenturm Tour de l’Ile drei Zifferblätter. Eine historische Fotografie der drei Uhren zeigt die Zeit der französischen Bahngesellschaft Paris-­Lyon-Méditerranée mit 9.58 Uhr, die Genfer Lokalzeit mit 10.13 Uhr und die Berner Zeit mit 10.18 Uhr. Die Unterschiede waren mit zunehmender Mobilität der Menschen Ursache vieler Probleme. Einen Ausweg aus dem Zeitgewirr bot die Einführung internationaler Zeitzonen. Die Neuheit wurde in den USA entwickelt, wo es 1869 über 80 Standardzeiten gab. Obschon die Eisenbahnen die Leidtragenden dieses Chaos waren, konnten sie sich erst 1883 auf ein Zonenmodell einigen.

Zeit nach Zonen

Der kanadische Eisenbahnin­genieur Sandford Fleming überzeugte die internationalen Gremien nach langen Diskussionen von seiner Idee, den Äquator entsprechend der 24 Stunden eines Tages in 24 Abschnitte zu unterteilen. Es entstanden Zonen von 15 Grad Breite beziehungsweise einer Stunde Zeitunterschied. Umstritten war, wo mit der Zählung begonnen werden sollte. Mehrere Länder schlugen ihre jeweilige Hauptstadt für den Nullmeridian als Basis für die Standardzeit vor. Schliesslich einigte man sich 1884 auf London, genauer auf den Meridian durch das königliche Observatorium in Greenwich. Die Bezeichnung GMT (Greenwich Mean Time) wird bis heute verwendet.

Nicht durchgesetzt hat sich der Vorschlag, auf der ganzen Welt nur noch eine Einheitszeit zu verwenden. Für die Minuten gilt heute aber eine Weltzeit, alle Uhren zeigen gleichzeitig zum Beispiel fünf Minuten nach einer vollen Stunde an. Die Stunden werden dagegen auf die Zonen bezogen und sind noch halbwegs lokal, jede Zone hat ihre Zeit. Meteorologen und Piloten verwenden GMT, die GPS-Satelliten haben ihr eigenes Zeitsystem.

Die Schweiz gehört zur Zeitzone MEZ (mitteleuropäische Zeit), wie auch ihre Nachbarländer. 1892 wiesen die Schweizer Bahnen den Bundesrat darauf hin, dass ausländische Bahnen bereits die mitteleuropäische Zeit verwenden. Der Bundesrat erklärte aus diesem Grund, aus der Schweiz dürfe keine Insel werden. Soweit er die Kompetenz hatte, ordnete er an, per 1. Juni 1894 sei von der Berner auf die Zonenzeit zu wechseln. Die Sonnenuhr hat heute nur noch dekorativen Charakter, das Leben spielt sich ohnehin nicht mehr im Takt von Sonnenauf- und -untergang ab. In der globalisierten Welt hat man sich an das Zonensystem gewöhnt.

Erstellt: 28.05.2019, 19:09 Uhr

Artikel zum Thema

Die Zeitumstellung ist angezählt

Jetzt geht es nur noch um die Frage, ob bald dauernd Sommer- oder ewig Winterzeit herrscht. Mehr...

Die letzte Zeitumstellung soll es 2021 geben

Das EU-Parlament entscheidet Ende März über die Abschaffung der Umstellung – und versucht einen Zeitzonen-Flickenteppich zu verhindern. Mehr...

Ewige Sommerzeit bringt der Schweiz den nordischen Winter

Video Falls die Uhren permanent auf Sommer bleiben, gehen viele in der Schweiz fast ein halbes Jahr bei Dunkelheit zur Arbeit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog So riskant ist die Osram-Übernahme für AMS
Sweet Home Willkommen im Weihnachtswunderland

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...