Alt, männlich, amerikanisch

Wer nächste Woche bei der Vergabe der Nobelpreise auf einen Amerikaner setzt, wettet gut. Doch die anderen Länder könnten aufholen.

Der US-amerikanische Nobelpreisträger Michael Warren Young ist Professor an der Rockefeller Universität in New York City. Er gewann im Jahr 2017 mit Kollegen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Bild: Reuters

Der US-amerikanische Nobelpreisträger Michael Warren Young ist Professor an der Rockefeller Universität in New York City. Er gewann im Jahr 2017 mit Kollegen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Bild: Reuters

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Ein alter, weisser, amerikanischer Mann im schwarzen Anzug. Den typischen Nobelpreisträger kann man mit wenigen Worten beschreiben. Auch im vergangenen Jahr waren acht der elf Preisträger US-amerikanische Staatsbürger, keine einzige Frau bekam diese Auszeichnung. Wird das wieder so, wenn nächste ­Woche mit grossem Tamtam die Nobelpreisträger 2018 verkündet werden? Zumindest die Dominanz der USA könnte bald schwinden, meint ein deutscher Wissenschaftler.

Dabei scheinen die absoluten Zahlen bemerkenswert ein­deutig: Die schlausten Köpfe der Welt sitzen demnach in Amerika. Sie forschen an den mit ­Abstand besten Universitäten. Seit 1901 haben Wissenschaft-ler von 127 US-amerikanischen Forschungsinstituten in den Kategorien Physik, Chemie, Medizin und Wirtschaft 369 Nobelpreise abgeräumt. Das ist mehr als die Hälfte aller vergebenen Auszeichnungen. Zum Vergleich: In derselben Zeit brachten Forscher von 54 deutschen Insti­tuten 72 Nobelpreise mit nach Hause.

Steht künftig eineTrendwende bevor?

Die kleine Schweiz – und das ist bemerkenswert – kommt immerhin auf 28 Preisträger, wenn auch die Doppelbürger mit­gerechnet werden. Bezieht man die Anzahl auf die Bevölkerung, ist die Schweiz sogar top.

Schweizer Nobelpreisträger 2017: Jacques Dubochet. Foto: Reuters

Trotz der Dominanz der USA, meint der Frankfurter Physiker Claudius Gros, gehe die Zeit der grossen US-amerikanischen Erfindungen zumindest in den ­Nobeldisziplinen langsam zu Ende. Er hat die erlangten ­Nobelpreise ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl der Länder ­gesetzt, deren Staatsangehörigkeit die Gewinner zur Zeit der Preisvergabe hatten. Die Kurve der USA zeigt klar nach unten, schon seit 1972.

«Davor standen die USA wissenschaftlich in voller Blüte», sagt Gros. Es war die Zeit der ersten Mondlandung und grosser Entdeckungen. Noch immer sei die «Produktivität» der US-Wissenschaftler zwar relativ hoch. «Deutlich höher als die von Deutschland. Aber nach der Vorhersage wird sich das in zehn Jahren ändern», sagt der Physiker. 2025 hätten deutsche Wissenschaftler demnach bessere Chancen auf einen Nobelpreis als amerikanische. Am meisten aber würde mit Blick auf die Ein­wohnerzahl Grossbritannien abräumen.

Heisst das, dass die US-Forschung schlechter geworden ist? Nicht unbedingt. Die Wissenschaftler dort konzentrieren sich allerdings inzwischen weniger auf Physik, Chemie oder Medizin, wo wissenschaftlicher Fortschritt immer schwieriger wird. «Sie machen lieber Informatik und künstliche Intelligenz, wo die Post noch richtig abgeht. Wo auch mehr Geld zu verdienen ist», sagt Gros. Bloss gibt es dafür eben keine Nobelpreise.

Deutschland verliert ­Forscher in der Nazizeit

Für Deutschland kam das Erbe von Alfred Nobel der Statistik zufolge ein paar Jahre zu spät. Die produktivste Zeit der deutschen Wissenschaft sei die Gründerzeit gewesen, sagt Gros. Schon bevor 1901 der erste Nobelpreis vergeben wurde, sei es abwärtsgegangen. Dann flohen ab 1933 zudem zahlreiche hervorragende Wissenschaftler vor der Naziherrschaft aus Deutschland. «Ich vermute, dass die Produktivität ohne die Auswan­derung grösser wäre, als sie heute ist», sagt Gros. Mit anderen ­Worten: Die Nazizeit brachte Deutschland um ­Nobelpreise. Mindestens 25 in Deutschland geborene Nobelpreisträger hatten zum Zeitpunkt der Preis­verleihung eine andere Staatsangehörigkeit. Viele davon hatten wegen der Nazis Deutschland verlassen. Das aktuellste Beispiel: der Physikpreisträger des vergangenen Jahres, Rainer Weiss, der als Kind mit seiner ­Familie 1938 vor den Nationalsozialisten floh.

Eindeutig ist zu sehen, dass deutsche Wissenschaftler bis etwa 1940 in absoluten Zahlen gesehen mehr Auszeichnungen einheimsten als die amerikanischen oder britischen, vor allem in Physik und Chemie. 1943 ­begann dann die selten unter­brochene Siegesserie der US-Universitäten.

Nur wenige Frauen erhalten die Auszeichnung

Nimmt man die Nobelpreise für Literatur und Frieden mit in die Rechnung, ist die Dominanz nicht mehr ganz so erdrückend. Beim Literaturnobelpreis hat Frankreich mit 16 ausgezeichneten Autoren die Nase vorn. Die USA und Grossbritannien teilen sich mit je elf den zweiten Rang, Deutschland folgt mit acht Nobelpreisträgern gleichauf mit Schweden.

Ihren eigenen Landsleuten scheint die skandinavische Nobeljury ohnehin ungern Preise zu geben. Und Frauen auch nicht. Nur 48 der fast 900 Nobelpreisträger waren weiblich. Marie ­Curie hatte zwei erhalten – für Physik und für Chemie. 2017 erhielten mehr Männer diesen Preis als Frauen in mehr als 100 Jahren. Die Königliche Wissenschaftsakademie äussert ihre Sorge darüber: «Ich vermute, dass es viel mehr Frauen gibt, die es verdienen, für den Preis berücksichtigt zu werden», sagt der Vorsitzende Göran Hansson. Auch die Geografie sprach er an. «Ich hoffe, dass wir in fünf oder zehn Jahren ein andere Verteilung sehen.»

Erstellt: 27.09.2018, 17:58 Uhr

Vergabe der Nobelpreise

Früher wurde spekuliert, nun ist es dafür schwieriger geworden. Das Nobelpreiskomitee in Stockholm hält dicht. Am nächsten Montag beginnt die Vergabe der Nobelpreise mit der Auszeichnung für Medizin. Am Dienstag und Mittwoch werden die Preisträger für Physik bzw. Chemie bekannt gegeben. Es folgt am Freitag der Friedensnobelpreis und am Montag darauf die Verleihung der Auszeichnung für Wirtschaft. Der Literaturnobelpreis wird erst im nächsten Jahr zusammen mit der Ehrung 2019 vergeben. (red)

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