«Begeisterungsstürme» für den RAF-Terrorismus

Drei Tage nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhof hielt ihr Anwalt an der Universität Zürich einen Vortrag. Nun ist eine Tonbandaufnahme dieser Rede aufgetaucht.

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«Ulrike Meinhof war grenzenlos liebesfähig, diszipliniert, sensibel, von hoher Intellektualität.» Die Betroffenheit ist greifbar, als am 12. Mai 1976 ein Redner ans Mikrofon tritt und sich mit ebendiesen Worten an das voll besetzte Audimax der Universität Zürich wendet. Ulrike Meinhof, die sich drei Tage zuvor das Leben genommen hatte, habe sich und ihre Intellektualität in den Dienst «eines unabdingbaren ethischen Rigorismus» gestellt.

Mit seinem Nachruf auf Meinhof, der zugleich ein Plädoyer für die Gewalt der RAF war, und der nachfolgenden Diskussion riss der Redner selbst den Berichterstatter der «Neuen Zürcher Zeitung» mit: «Rhetorisch eindrücklich» und «charismatisch» sei er gewesen. Davon kann man sich nun wieder einen Eindruck verschaffen: Vierzig Jahre nach dem Tod der RAF-Terroristin ist im Archiv der Universität Zürich eine Tonbandaufnahme des Meinhof-Nachrufs aufgetaucht.

Ein Ausschnitt aus dem neu aufgetauchten Nachruf auf Ulrike Meinhof.

«Schwungrad der Revolution»

Gehalten hatte die Rede Axel Azzola (1937–2007), Professor für öffentliches Recht an der TU Darmstadt, der im Prozess von Stammheim der Wahlverteidiger von Ulrike Meinhof gewesen war. Als solcher wollte er der 31-Jährigen – wie auch den anderen Mitgliedern der sogenannten Baader-Meinhof-Bande – zu einem anderen Rechtsstatus verhelfen: Die RAF-Terroristen, die sich in einem «Krieg gegen den Staat» wähnten, sollten als Kämpfer in einem bewaffneten Konflikt gesehen werden; damit hätte man ihnen den Status von Kriegsgefangenen zugestehen müssen.

Vergeblich. Am Sonntag, 9. Mai 1976, wurde Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle aufgefunden. Am Mittwoch darauf hielt Azzola seine Rede an der Universität Zürich. Darin beschreibt er die Verstorbene als «kleinen Motor am Schwungrad der Geschichte», wobei Letztere identisch sei mit derjenigen der anstehenden proletarischen Revolution.

Gilt das Gesetz auch für die RAF? Nein!

Der RAF-Terrorismus ist zu dieser Zeit in Zürich schon seit längerem Gegenstand einer intellektuellen Debatte: Zwei Wochen vor Azzolas Auftritt hatte der damalige Rektor der Universität eine Rede zum Thema «Gewalt und Gesetz» gehalten. Vor dem Hintergrund des Terrorismus zeigte sich Rektor Hans Nef besorgt darüber, dass «die Gewalttätigen den Gesetzgeber nötigen», Erwägungen darüber anzustellen, ob die «rechtsstaatlichen Garantien» auch wirklich allen zugestanden werden sollten, also auch den Mitgliedern der RAF.

Auf diese Frage, die mehr als nur eine rhetorische war, sollte Azzola eine Replik formulieren – auf Einladung der Zürcher Studentenschaft, die damals Opposition gegen das Establishment machte. Und Azzola hielt sich nicht zurück: Vom notwendigen «Kampf» und der «totalen Negation des Bürgertums» und seinen Institutionen – «einschliesslich des Rechts» – ist in seinem Vortrag die Rede, also auch von Gewalt und dem «Einsatz des eigenen Lebens», mit dem man für die Freiheit anderer kämpfen könne – eben wie Meinhof. Das «bürgerliche Gesetz» habe dabei keine Geltung. Nach Meinhofs Tod könne es sowieso «nur noch ein Urteil geben», nämlich das der Geschichte. Dies sei «das einzig Legitime», heisst es am Ende der Rede, die gemäss NZZ für «Begeisterungsstürme» sorgte. Vier Dekaden später kann man sich ein Urteil bilden – zumindest von Azzolas Zürcher Rede. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.05.2016, 07:32 Uhr

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