«Das ist eine gefährliche Geschichtsthese»

Die Bedeutung der Reformation ist unter Historikern umstritten. Laut dem Reformationsforscher Peter Opitz wird der Einfluss der Schweiz unterschätzt.

«Es wäre toll, mit Zwingli zu sprechen», sagt Peter Opitz. Foto: Raisa Durandi

«Es wäre toll, mit Zwingli zu sprechen», sagt Peter Opitz. Foto: Raisa Durandi

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Sie haben sich intensiv mit der Reformationszeit beschäftigt. Würden Sie gerne eine Zeitreise ins Zürich vor 500 Jahren machen?
Ich würde mich sehr gerne in die Zeit von Zwingli versetzen lassen, allerdings nur mit einem Retourticket in der Tasche. Das Leben war härter, Krankheiten und Armut plagten die Leute. Es wäre aber toll, mit Zwingli oder auch Bullinger, den grossen Zürcher Reformatoren, zu sprechen. Sie stehen am Ursprung einer der beiden bedeutendsten Ereignisse der europäischen Geschichte, nämlich der Reformation. Die zweite grosse Umwälzung war dann schon die Zeit der Aufklärung.

Die Jubiläumsfeiern zur Reformation, die jetzt laufen, finden etwas abseits der Öffentlichkeit statt.
Die Feiern 2017 wurden der Schweiz, auch Zürich, von Deutschland aufgedrängt. Aber da die Festlichkeiten nun einmal, unterstützt durch Millionenbeiträge der deutschen Regierung und Tourismusindustrie, wie eine Welle über uns hinwegschwappen, hatte ich als Reformationsforscher eigentlich nur noch die Wahl, entweder abseitszustehen oder halt doch mitzumachen und dabei ein wenig Gegensteuer zu geben. Ich entschied mich für Letzteres und versuche nun, das negative Bild von Zwingli etwas zurechtzurücken und zu vermitteln, dass wir in der Schweiz eine eigene Reformationsgeschichte haben.

Ist das Thema angesichts leerer Kirchenbänke noch aktuell?
Es ist hochaktuell. In der Reformationsforschung gibt es heute zwei Tendenzen. Für die einen ist die Reformation der Start einer Befreiungsgeschichte. Es gibt aber auch Forscher, die darin einen Unfall sehen, ja sogar den Beginn des Zerfalls unserer Gesellschaft. Brad Gregory, ein amerikanischer Forscher an einer katholischen Universität, sagt zum Beispiel, dass die reformatorische Forderung, wonach allein die Bibel massgebend sein soll, eine Meinungsvielfalt auslöste, die letztlich im heutigen Wertechaos mündete. Die Reformation soll demnach daran schuld sein, dass wir uns nicht mehr auf einen gemeinsamen Wertekanon einigen können.

Die Reformation als Ursache aller Probleme?
Dahinter steckt natürlich die Idee, dass man besser unter der Schirmherrschaft eines Papstes geblieben wäre, der die Wahrheit für einen definiert. Ich halte das für eine gefährliche Geschichtsthese, weil sie den derzeit weltweit feststellbaren Wunsch nach einer autoritären Führung nährt. Zudem ist sie auch historisch gesehen problematisch. Schon vor der Reformation herrschte eine grosse Meinungsvielfalt, gerade auch im katholischen Raum.

Wieso hat es die Reformation überhaupt gegeben?
Es gab neue theologische Einsichten, die ein ganzes Weltbild auf den Kopf gestellt haben. Vorher galt das religiöse Stufensystem, nach dem Gott seine Gnade über Papst, Bischöfe und Sakramente nach unten vermittelt und die Menschen sich durch religiöse Werke nach oben arbeiten. Natürlich entsprach dem auch ein politisches Stufensystem. Beide wurden von der Reformation erschüttert.

Wie wichtig waren die 95 Thesen Luthers oder die Schriften von Zwingli, Bullinger oder Calvin?
Es waren eben nicht allein diese Theologen und ihre Werke. Um die Reformation zu verstehen, muss man wissen, wie die normalen Leute die Schriften verstanden haben und wie diese in ihr Leben eingedrungen sind. Daraus ergibt sich das politische Beben, das die Reformation in Gang gesetzt hat.

Welche politischen Umwälzungen meinen Sie konkret?
Es war eine richtige Volksbewegung. Speziell die Schweizer Reformation war nicht nur von einigen wenigen Leuten inszeniert worden. Die Umwälzung passierte in den Gemeinden, wo die politischen Behörden entschieden haben, sich der Reformation anzuschliessen oder nicht.

Auch die Behörden waren Obrigkeiten. Wie zeigte sich denn, dass die Reformation auch bei der normalen Bevölkerung Unterstützung fand?
Der Bildersturm auf dem Land ist ein besonders eindrückliches Beispiel dafür, wieso die Reformation so schnell um sich griff. Auf den Dörfern wurden dabei die Heiligenstatuen aus den Kirchen entfernt und zerstört. Der Grund war aber nicht blinde Zerstörungswut, sondern lag viel tiefer. Die Bauern mussten damals den Landbesitzern, die oftmals Klöster waren, viele Abgaben bezahlen. Damit liessen die Äbte kostbare Heiligenbilder oder -statuen schaffen, die sie dann in die Kirchen stellten und von der Bevölkerung verehren liessen. Die Bauern mussten also diejenigen Bilder anbeten, für die sie ihre kargen Erträge hingegeben hatten. Kein Wunder, waren sie zornig. Solche Ereignisse lassen sich in Briefwechseln, Ratsprotokollen und anderen Dokumenten feststellen, und sie zeigen schön, dass die Reformation mitnichten nur eine religiöse Bewegung war, sondern eine starke sozioökonomische Komponente hatte.

«Zwingli betrachtete den Menschen immer als soziales Wesen, und sein Anliegen war die Reform der Gemeinschaft.»Peter Opitz

War Zwingli ein Linker?
Wenn, dann war er ein pragmatischer Linker. Das sieht man etwa in seiner Beziehung zum Eigentum. Für Zwingli war Privateigentum grundsätzlich eine Folge der Sünde, also nicht eigentlich Gottes Wille. Aber weil er das Wesen des Menschen als unvollkommen akzeptierte, gestand er jedem seinen Besitz zu, forderte allerdings eine gerechte Verteilung. Gemeinwohl vor Privatwohl war seine Devise. Wenn das links ist, dann war Zwingli ein Linker.

Welches Menschenbild hatte er?
Zwingli betrachtete den Menschen immer als soziales Wesen, und sein Anliegen war die Reform der Gemeinschaft. Im Gegensatz etwa zu Luther, der mehr den einzelnen Menschen im Zentrum sah. Der Gedanke der kommunalen Reformation strahlte dann von Zürich ins Ausland aus und gab weltweit einen politischen Impuls für die Demokratie. Zwingli war aber auch sehr auf Unabhängigkeit und politische Selbstbestimmung der Eidgenossenschaft bedacht.

Deshalb wird er in Kreisen der politischen Rechten gerne als Vorreiter der Schweizer Demokratie gefeiert.
In gewisser Weise stimmt das auch. Aber er war kein Isolationist. Wenn man sich heute auf ihn beruft, muss man genau hinsehen, was er wollte und worin damals die Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland bestand. Das war vor allem das Söldnerwesen. Die jungen Männer der Eidgenossen zogen ins Ausland in den Krieg, um Menschen zu töten, für Geld. Und genau diesem Treiben wollte Zwingli einen Riegel vorschieben. Sicher ist: Heute wäre er ein vehementer Gegner von Waffenexporten jeglicher Art.

Aber ein Pazifist war er trotz seiner Christlichkeit nie.
Zwingli war für militärische Selbstverteidigung. Als er sich von katholischen Mächten bedroht sah, schrieb er sogar einen Plan für einen Offensiv-Feldzug. Er starb dann ja auch auf dem Schlachtfeld.

Als Verfechter der Gleichstellung von Mann und Frau sind die Reformatoren auch nicht bekannt.
Gleichberechtigung in unserem Sinn gibt es ja erst seit dem 20. Jahrhundert, da wäre ein solcher Anspruch an die Menschen des 16. Jahrhunderts schon etwas hoch angesetzt. Trotzdem war die Reformation auch für viele Frauen eine Befreiung, weil sie zum Beispiel die damals auch bei uns verbreitete Zwangsheirat verbot. In Zürich war nach der Reformation eine Heirat ohne die freiwillige Einwilligung der Frau oder des Mannes nicht mehr erlaubt. Auch die neue Möglichkeit der Scheidung war revolutionär. Umgekehrt hat die Aufhebung der Klöster die Möglichkeiten für Frauen – und Männer –, die nicht heiraten wollten, auch eingeschränkt.

Also ist die Reformation historisch gesehen tatsächlich der Startschuss zur grossen Befreiung der Menschheit, die Grundlage unseres liberalen Weltbildes?
Die Idee der Freiheit brauchte etwas länger, bis sie sich durchsetzte, zum Beispiel die Glaubensfreiheit. Zwar ist nach reformiertem Verständnis von Luther und Zwingli der Glaube ein Geschenk Gottes, was eigentlich bedeutet, dass niemand zu einem Glauben gezwungen werden kann. Das ist die theologische Einsicht. Gleichzeitig blieb man im antiken Verständnis verhaftet, dass eine Gemeinschaft nur existieren kann, wenn sie eine gemeinsame öffentliche Religion hat – und das war das Christentum, nun halt das reformierte. Erst viel später wurde der Gedanke der Glaubensfreiheit wieder radikaler verstanden und auch eingefordert – nicht erstaunlich vor allem von reformierten Minderheiten in Frankreich und England, zum Beispiel den Hugenotten.

Donnerstag, 23. Februar, 18.15 Uhr, Uni Zürich, Raum F 180: Ringvorlesung «Reformation feiern?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.02.2017, 17:21 Uhr

Peter Opitz

Ausgewiesener Zwingli-Experte

Der 59-jährige Theologe, Philosoph und Pfarrer ist seit 2009 als Professor für Theologie und Dogmengeschichte an der Universität Zürich tätig und leitet das Institut für Reformationsgeschichte. Er ist ein ausgewiesener Kenner der Schweizer Reformatoren. Vor zwei Jahren erschien seine Biografie über Zwingli («Ulrich Zwingli. Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus», Theologischer Verlag Zürich). (mma)

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