Der ehemalige Premier hat Japan vor Schlimmerem bewahrt

Naoto Kan blickt in seinem Buch zurück auf die Katastrophe von Fukushima. Offizielle Untersuchungen zeigen, dass der Ex-Premierminister von der Atomlobby verleumdet wurde.

Die Umgebung von Fukushima I bleibt unbewohnbar. Eine evakuierte Familie pflegt Gräber auf einem Friedhof 500 Meter vom zerstörten Atomreaktor. Foto: Getty Images

Die Umgebung von Fukushima I bleibt unbewohnbar. Eine evakuierte Familie pflegt Gräber auf einem Friedhof 500 Meter vom zerstörten Atomreaktor. Foto: Getty Images

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Eigentlich sei Naoto Kan an der Atomkatastrophe von Fukushima schuld, spitzt Jeff Kingston von der Temple-Universität in Tokio die Anschuldigungen der Medien und vieler konservativer Politiker gegen den damaligen Premier sarkastisch zu. Und stellt dann klar, Kan habe Japan vor einer viel grösseren Katastrophe gerettet.

Wie er das getan hat, lässt sich in Kans Buch «Als Premierminister während der Fukushima-Krise» nachlesen, das in der Übersetzung von Frank Rövekamp nun auch auf Deutsch erschienen ist. Letzte Woche stellte der 69-jährige Naoto Kan seine Aufzeichnungen vor der deutschen Ostasiengesellschaft in Tokio vor. An der Wand hinter ihm hing eine Karte von Ostjapan mit konzentrischen Krisengebieten um den Havariereaktor: das «Worst Case»-Szenario.

Ausgearbeitet hatte es Shunsuke Kondo, der Vorsitzende der Atomenergie-Kommission, während der ersten Wochen der Katastrophe. Der äusserste Kreis, mit einem Radius von 250 Kilometern um das Kraftwerk, schliesst Tokio mit ein. Im schlimmsten Fall hätte dieser ganze Umkreis evakuiert werden müssen: «50 Millionen Menschen, und nicht für einige Tage oder Monate, sondern vielleicht für 30 oder 40 Jahre», sagt Kan. «50 Millionen Flüchtlinge, das ist ein Vielfaches dessen, was Europa zu bewältigen hat.» Ausserdem hätte Fukushima die Nachbarländer radioaktiv verseucht.

Medien verbreiten Lügen

Die japanische Presse wusste von diesem Szenario zuerst nichts, später verschwieg sie es. Und verbreitete stattdessen Lügen über Kan, der als ehemaliger Umweltaktivist von Japans politischem Establish­ment nie akzeptiert worden ist. Die Medien warfen ihm vor, er habe die Katastrophe verschlimmert, so mit seinem Inspektionsbesuch am Morgen nach dem Unglück. Überdies habe er die Meerwasserkühlung der durchschmelzenden Reaktoren gestoppt. Beides stimmt gemäss den offiziellen Untersuchungen nicht.

Die Behauptung, Kan habe die Meerwasserkühlung gestoppt, hat der jetzige Premier Shinzo Abe in die Welt gesetzt, ein Mann der Atomlobby. Zwei Jahre liess er sie auf seiner Website stehen, obwohl klar war, dass sie nicht stimmte. Kan hat ihn deshalb wegen Verleumdung verklagt. Das Urteil wird noch dieses Jahr erwartet.

Zweifel nicht vorgesehen

Kan sagt von sich, bis Fukushima habe er nicht an der Sicherheit der japanischen Kernkraftwerke gezweifelt. Er kannte die Untersuchungsberichte von Tschernobyl und war überzeugt, so was wäre in Japan nicht möglich. Heute meint er, Fukushima sei die grössere Katastrophe als Tschernobyl. Die Tage der akuten Katastrophe, in denen fast alles falsch lief, was falsch laufen konnte, haben ihn, wie er im Buch beschreibt, zum Kernkraftgegner werden lassen. Er schildert, wie die Tepco-Bosse in Tokio am vierten Tag nach dem Tsunami die havarierten Reaktoren hatten aufgeben wollen. Sein tagebuchartiger Rückblick liest sich als Beinahe-Untergang Japans. Tepco hatte sich nie auf eine Atomkatastrophe vorbereitet, gemäss Propaganda konnte es einen solchen Fall nicht geben. Niemand hatte den Notfall geübt.

Als er doch passierte, wusste niemand, was tun, passten Stecker nicht, und als die Feuerwehr aus Tokio Spezialfahrzeuge an die Sperrzone brachte, holte Tepco sie nicht ab. Die Tepco-Bosse in Tokio konnten selbst einfache Fragen nicht beantworten. Der Chef der nuklearen Aufsichtsbehörde hatte keine Ahnung von Atomtechnik. Er war ein Ökonom. Haruki Madarame, der Verantwortliche für Nuklearsicherheit, behauptete dem gelernten Physiker Kan gegenüber, eine Wasserstoff-Explosion im havarierten Atomkraftwerk sei nicht möglich. Kurz darauf ereignete sich die erste von dreien.

Unglaubliches Glück

Er glaube, Gott habe Japan gerettet, sagt der ehemalige Premierminister. Zum Beispiel als der Sicherheitsbehälter von Reaktor 2 wie ein Ballon zu platzen drohte. Dabei wären radioaktive Substanzen weit verstreut worden, weil es nicht gelang, ein Sicherheitsventil zu öffnen. Plötzlich bildete sich irgendwo ein Loch. Wie durch ein Wunder fiel der Druck ab. Warum, weiss bis heute niemand.

Die Brennstäbe im Abklingbecken 4 hätten bald ohne Wasserkühlung unter freiem Himmel gelegen und zu schmelzen begonnen, hätte sich in der Trennwand zum Nebenbecken nicht ein Spalt aufgetan, sodass Wasser einfliessen konnte. Dabei hätte das Nebenbecken nach Plan leer sein sollen.

Nachdem Kan zum Kernkraftgegner bekehrt war und die Abschaltung des AKW Hamaoka westlich von Tokio durchgesetzt hatte, das schon zuvor als das «gefährlichste Kernkraftwerk der Welt» galt, trieb die Atomlobby mit Unterstützung des jetzigen Premiers Shinzo Abe im September 2011 seinen Rücktritt voran. Bis heute verweigert Japan Kan die Achtung und den Dank, die ihm gebüh­ren.

Das Buch des ehemaligen Premiers ist emotional und zuweilen etwas unstrukturiert, wie angeblich sein Führungsstil. Im Vortrag in Tokio dagegen überzeugte er mit klarer Argumentation gegen die Atomkraft. Die Welt dürfe keinen radioaktiven Abfall produzieren, der 100 000 Jahre überwacht werden müsse. Ausserdem sei die Kernkraft nicht nur gefährlich, sondern inzwischen auch viel zu teuer.

Naoto Kan: Als Premierminister während der Fukushima-Krise, Iudicium-Verlag, München, 2015.

Erstellt: 21.09.2015, 23:21 Uhr

Verseuchtes Regenwasser

Fischer sind besorgt

Viereinhalb Jahre nach der nuklearen Katastrophe von Fukushima fliesst immer noch mit radioaktiven Substanzen angereichertes Regenwasser direkt ins Meer.

Sieben Mal seit April hat der Kraftwerkbetreiber Tokyo Electric Power Company (Tepco) verseuchtes Regenwasser in den Pazifischen Ozean eingeleitet. Tepco hat zwar ein spezielles Drainagesystem um die sechs Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima I herum gebaut, um den Abfluss zu kontrollieren. Als im April Radioaktivität im Regenwasser gemessen wurde, installierten die Kraftwerkbetreiber acht Pumpen, um verseuchtes Wasser aus der Drainage in ein künstliches Becken zu führen. Wie die Zeitung «The Japan Times» schreibt, kann mit diesem System laut Tepco bei Regenmengen bis zu 14 Millimeter pro Stunde der Abfluss von radioaktivem Wasser ins offene Meer verhindert werden.

Mitte August wurde dieser Wert jedoch bei starken Niederschlägen überschritten. So floss unbehandeltes Regenwasser ins Meer. Anfang September geschah dasselbe erneut, als der Taifun Etau die von der Katastrophe betroffenen Regionen Kanto und Tohoku überschwemmte. Ist das Drainagesystem überfordert, lässt sich kaum mehr abschätzen, wie viel verseuchtes Regenwasser ins Meer fliesst. Frühere Messungen zeigen, dass der Wert auf ein Mehrfaches der Limite steigen kann, die für Wasser zugelassen ist, das ins Meer eingeleitet wird.

Die Präfektur von Fukushima hat unter dem Druck besorgter Bewohner und Fischer die nukleare Behörde aufgefordert, einen maximalen Wert für Radioaktivität auch für Regenwasser festzulegen. Bis jetzt fehlen jedoch laut «The Japan Times» nach wie vor gesetzliche Bestimmungen dazu.

Die Präfektur befürchtet, dass sich das Misstrauen in die Behörden verstärken wird, wenn weiterhin während der Taifun-Saison unkontrolliert radioaktiv verseuchtes Regenwasser in den Ozean fliesst. Die Fischer um Fukushima sind besonders besorgt. Sie befürchten, dass ihr Gewerbe in Gefahr ist, wenn Tepco das Problem nicht löst. (lae)

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