Der eigene Stamm ist nicht das Wichtigste

Konflikte entstehen, weil wir zuerst an unsere Gruppe denken, statt an die Menschheit: Wir brauchen eine neue Moral.

Unsere moralischen Regeln stammen noch aus der Steinzeit: Modell eines Lagers in Frankreich. Foto: Getty

Unsere moralischen Regeln stammen noch aus der Steinzeit: Modell eines Lagers in Frankreich. Foto: Getty

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In einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie behaupteten Anthropologen der Universität Oxford, es gebe sieben universelle moralische Regeln, die in allen Kulturen gleich seien. Die Forscher untersuchten die ethischen Schriften von sechzig verschiedenen Gesellschaften und stiessen dabei immer wieder auf dieselben Grundsätze: Hilf deiner Familie, hilf deiner Gruppe, erwidere Gefälligkeiten, sei mutig, füge dich den Oberen, teile Ressourcen gerecht auf und respektiere das Eigentum anderer.

Auf den ersten Blick sieht das nach einer vernünftigen Moral aus. Angesichts der Probleme, die unsere heutige Gesellschaft zu bewältigen hat, ist es aber vielleicht an der Zeit, diese Regeln zu überdenken – schliesslich müssen sie aus einer Zeit stammen, als unsere Primaten-Vorfahren vor etwa fünfzig Millionen Jahren in Gruppen und eigenständigen kleinen Stämmen zu leben begannen.

Vielleicht ist dieser alte Moralkodex der Kern der Probleme

Aus der zweihunderttausendjährigen Jäger-Sammler-Phase des Menschen gibt es kaum Anzeichen für Kriege. Der früheste bekannte Konflikt ereignete sich vor zehntausend Jahren in der Nähe des Turkana-Sees in Kenia, wo die Überreste von 27 Leichen darauf hinweisen, dass eine Schlacht stattgefunden haben muss. Solche Zusammenstösse wurden häufiger, nachdem der Mensch sich niedergelassen hatte und die Bevölkerung stark anwuchs, sodass die Stämme in engem Kontakt lebten.

Die über Jahrmillionen weitergegebene Moral führte plötzlich zu Konflikten. Es ging in ihr nicht um Respekt und Fürsorge für die Spezies als Ganzes; die Priorität lag beim eigenen Stamm und nicht bei den Nachbarn. Vielleicht ist dieser alte Moralkodex der Kern der Probleme, mit denen sich unsere Welt derzeit konfrontiert sieht.

Das Erbe unserer industriellen Revolution reicht vom Klimawandel über die Zerstörung des globalen Ökosystems bis zum sechsten Massensterben der Arten. All dies geschieht dank der Umweltverschmutzung und des Ausbaus unserer ressourcenbedürftigen Zivilisation, die von Unternehmen mit Aktionären verwaltet wird sowie von Nationen und Clans, angeführt von Politikern und Führern, die ihre Stammesmoral hochhalten.

Es ist wohl an der Zeit, sich von der destruktiven Ethik des Stammesdenkens zu befreien

Es wird oftmals behauptet – etwa vom bekannten Psychologen und Harvard-Professor Steven Pinker –, es gebe heute weniger Konflikte zwischen Nationen und religiösen Gruppen als früher. Eine von den Risikoanalytikern Pasquale Cirillo und Nassim Taleb durchgeführte statistische Analyse der Kriege der letzten zweitausend Jahre kommt dagegen zu dem Schluss, dass die Daten nicht auf eine Trendumkehr schliessen lassen.

Wir leben heute in einer global vernetzten Welt, und doch verlassen wir uns auf die alten Moralwerte, die dem Stamm, dem wir angehören, höchste Priorität einräumen. Der Wohlstand der Familie, des eigenen Unternehmens, der politischen oder religiösen Stammesgruppe sind nach diesem alten Verständnis wichtiger als der Wohlstand unserer Spezies oder des Planeten.

Es ist wohl an der Zeit, sich von der destruktiven Ethik des Stammesdenkens zu befreien. Wir brauchen eine neue Moral. Dafür müssen wir die sieben alten Regeln nicht über Bord werfen, aber wir sollten eine achte oben auf die Liste setzen, die über den eigenen Stamm hinausgeht und das Leben und die Erde als Ganzes ehrt. Nur so könnten wir uns wirklich als zivilisierte Gesellschaft bezeichnen.

Erstellt: 06.07.2019, 18:11 Uhr

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