Der Hafen am Meeresgrund

Der Unterwasserarchäologe Franck Goddio hat versunkene Städte vor der Küste Ägyptens entdeckt. Das Museum Rietberg zeigt seine neuesten Funde.

Spektakulärer Fund in der Bucht von Abukir, Ägypten: Kopf einer Statuette aus Kalkstein, die einst den phönizischen Gott Baal darstellte. Fotos: Christoph Gerigk

Spektakulärer Fund in der Bucht von Abukir, Ägypten: Kopf einer Statuette aus Kalkstein, die einst den phönizischen Gott Baal darstellte. Fotos: Christoph Gerigk

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Plötzlich war da eine Mauer aus Kalksteinquadern. Obwohl sie mit Wasserpflanzen und Muscheln überwuchert war, realisierten die Taucher schnell: Dies ist ein Werk von Menschenhand. «In diesem Moment wussten wir, wir hatten das versunkene Heraklion gefunden», sagt Franck Goddio. Goddio sitzt in einem Seitenraum des Museums Rietberg, und seine Augen leuchten, als hätte er gestern seinen ersten Fund gemacht. Dabei ist der Franzose seit 30 Jahren in der Unterwasserarchäologie engagiert. Das Museum Rietberg zeigt ab dem 10. Februar 250 Funde von Goddio in einer neuen Ausstellung.

Jahrelang suchten Goddio und sein Team in der Abukir-Bucht vor der Küste Alexandrias nach den legendären ägyptischen Städten Thonis, Heraklion und Kanopus. Nachdem die Taucher die Kalksteinmauer entdeckt hatten, fanden sie schon bald eine zweite Mauer, die parallel zur ersten verlief. Und dann stiessen sie auf einen Monolithen aus rotem Granit. Es war ein Schrein, und er trug eine Inschrift. Gewidmet war der Schrein dem Gott Amun, den die alten Ägypter verehrten. «Wir hatten das Herzstück eines Tempels gefunden», sagt Goddio. Und der Tempel, so stellte sich bald heraus, hatte einst mitten in Heraklion gestanden.

Statue der Göttin Thoeris aus Grauwacke, Ägyptisches Museum, Kairo. Foto: Christoph Gerigk

Der Franzose Franck Goddio ist einer der renommiertesten Unterwasserarchäologen. Dass er heuer 70 Jahre alt wird, sieht ihm niemand an, noch immer leitet er regelmässig Tauchmissionen vor der Küste Ägyptens. Eigentlich studierte Goddio Mathematik. Eine erfolgreiche Karriere als Wirtschaftsberater brach er im Alter von 35 Jahren ab. Er beschloss, seiner Leidenschaft für die Rätsel der Weltgeschichte und für das Meer nachzugehen.

Hinweise auf die Stadt Heraklion gibt es in verschiedenen antiken Quellen, beispielsweise aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtete damals von einem Tempel, den die schöne Helena mit ihrem Geliebten Paris vor dem Krieg um Troja besucht habe.

Apus-Stier aus Basalt in Lebensgrösse, Museum Alexandria. Foto: Christoph Gerigk

«Ich war überzeugt, dass Heraklion im Meer versunken war», sagt Goddio. Mit mathematischer Präzision und neuestem technischem Equipment machte er sich auf die Suche. Er gründete das Ins­titut Européen d’Archéologie Sous-Marine (IEASM) und entwickelte mithilfe der französischen Atombehörde einen besonderen Kernspinresonanz-Magnetometer, um 150 Quadratkilometer Meeresboden vor der Küste Alexandrias zu scannen. Strukturen aus Stein, Metall oder Holz lassen sich so am Meeresgrund leichter entdecken. Am Computer analysierte Goddio diese Daten, um nach möglichen Spuren einer Siedlung zu suchen. Nach anfänglicher Skepsis arbeiteten Archäologen der Universität Oxford mit dem Newcomer zusammen.

Goddio, so merkten die Spezialisten schnell, ist kein moderner Indiana Jones. Es ging ihm nicht um das Abenteuer oder irgendwelche Goldschätze. Der Autodidakt wollte vor allem historische Rätsel lösen. Die Messungen erlaubten gezielte Tauchgänge in dem grossen Gebiet. Eine einfache Arbeit war es nicht, die Sicht unter Wasser betrug häufig kaum einen Meter, der Müll und das Abwasser des nahen Alexandria erschwerten die Arbeit. Mit riesigen Sauggeräten mussten die Taucher den Meeresgrund säubern. Heraklion lag unter einer dicken Schicht Sand versteckt. Goddio entdeckte es im Jahr 2000, Kanopus hatte das Team schon zwei Jahre zuvor entdeckt.

Auf unsicherem Grund gebaut

Heute weiss man, die antiken Städte versanken im 8. Jahrhundert nach Christus im Meer. Verschiedene Faktoren trugen zu dem Unglück bei. Gebaut hatten die Ägypter Heraklion und Kanopus auf unsicherem Grund, der Boden im Nildelta besteht aus Sand und Schlick. Die afrikanische Kontinentalplatte senkt sich zudem rund zehn Zentimeter pro Jahrhundert ab. Ein Erdbeben löste schliesslich einen Tsunami aus und liess die einst bedeutenden Städte auf den Meeresgrund sinken.

Im Altertum galt Heraklion als Eintrittstor Ägyptens, und Goddios Team entdeckte im Sand schon bald zahllose Überreste von Schiffen, die kurz vor der Katastrophe dort vor Anker gelegen haben mussten. Ein grosser Teil des Handels mit dem Mittelmeerraum lief über die Hafenstadt.

«Die Stadt war sehr gross, und wir haben bisher vielleicht 5 Prozent ausgegraben», sagt Goddio. Dabei dauern die Ausgrabungen schon seit 16 Jahren an. Der Fundort liegt rund 6,5 Kilometer vor der Küste. Goddio schätzt, dass die Stadt vermutlich bis zu dreimal grösser war als das vom Vesuv verschüttete Pompeji, wo vermutlich rund 11 000 Menschen lebten. Die Arbeit unter Wasser ist beschwerlich, dafür sind Grabräuber kein Problem, und das Team hat schon zahlreiche Schätze vom Meeresgrund geborgen. Neben Goldschmuck, Münzen und Amphoren auch übergrosse Statuten wie jene des Gottes Hapi. Die Statue des Gottes der Fruchtbarkeit ist über 5 Meter hoch und tonnenschwer. Bei der Zürcher Ausstellung wird sie die Besucher am Eingang empfangen.

Die Kolossalstatue aus rosa Granit, die Hapi zeigt, den Gott der Nil-Flut, wird vor dem Museum Rietberg aufgestellt. Foto: Keystone

Im Tempel des Amun, den Goddios Team als Erstes fand, feierten die Ägypter regelmässig Zeremonien zu Ehren von Osiris. Osiris ist Teil der Gründungslegende Ägyptens. Der Legende nach tötete Seth, der Gott der Wüste, seinen Bruder Osiris, Gott des Nils. Er zerstückelte ihn, doch die Schwester der beiden, Isis, stoppte Seth, setzte Osiris wieder zusammen und gebar ihm einen Sohn, Horus. Horus rächte sich an Seth, und die Pharaonen bezogen sich in ihrer Macht fortan auf Osiris und Horus.

Osiris-Statue aus Gneiss, Ägyptisches Museum, Kairo. Foto: Christoph Gerigk

Ein besonderer Fund löste schliesslich auch das Rätsel, was mit der Stadt Thonis geschehen war. Die griechische Kultur gewann vor allem nach dem Eroberungszug Alexanders des Grossen im späten 4. Jahrhundert vor Christus in Ägypten an Bedeutung. Deshalb trug der wichtige Hafen mit Heraklion auch einen griechischen Namen. Goddio fand in Heraklion jedoch eine Tafel, auf der Schreiber das Dekret eines Pharao aus dem frühen 4. Jahrhundert festgehalten hatten. Es ging um Steuerabgaben auf Waren. Zu zahlen seien die Gebühren hier vor Ort in Thonis, hiess es. Denn Thonis und Heraklion, so realisierten die Forscher, war ein und dieselbe Stadt mit einem ägyptischen und einem griechischen Namen.

Museum Rietberg Zürich: «Osiris – das versunkene Geheimnis Ägyptens» eröffnet am 10. Februar 2017. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2017, 19:30 Uhr

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