Der Koloss mit der Fistelstimme

Cecil Rhodes war einer der erfolgreichsten und brutalsten britischen Imperialisten. In Südafrika hinterliess er eine Tradition des Hasses zwischen Schwarzen und Weissen.

Cecil Rhodes war einer der reichsten Männer seiner Zeit, gefiel sich aber in der Rolle des einfachen Grosswildjägers oder Soldaten. Foto: Baldwin Ward (Dukas)

Cecil Rhodes war einer der reichsten Männer seiner Zeit, gefiel sich aber in der Rolle des einfachen Grosswildjägers oder Soldaten. Foto: Baldwin Ward (Dukas)

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Mehr als 80 Jahre sass er dort, in Bronze gegossen, ungestört grübelnd, den Blick von Kapstadt nach Norden gerichtet, Richtung Kairo: Cecil John Rhodes, der wohl mächtigste Mann der britischen Kolonialgeschichte. Bis Studenten die Statue vor einem Jahr mit menschlichen Ausscheidungen überschütteten. #RhodesMustFall, «Das Denkmal muss weg!», forderten die meist schwarzen Demonstranten auf dem Campus der Universität von Kapstadt. Es sei ein Symbol der Unterdrückung, ein Erbe der Rassentrennung durch die Apartheid. Im neuen Südafrika, seit 1994 eine Demokratie, habe es ­keinen Platz mehr.

Der Protest war ein Blitzerfolg. Der Universitätsrat liess Rhodes mit nur einer Gegenstimme fallen. Anfang April 2015 wurde die Bronzefigur abtransportiert. In Südafrika schien die Angelegenheit geklärt. In Grossbritannien hingegen sind die Fragen zur Rolle von Rhodes in der britischen Geschichte weiter offen – und haben jetzt, fast ein Jahr später, Oxford erreicht.

«Rhodes war ein Killer», schrieb der «Guardian» letzte Woche. «Wäre er heute am Leben, würde er in einer Zelle in Den Haag sitzen, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.» Auch in Oxford gibt es Denkmäler für den Mann, der als einer der grossen Briten verehrt wird. Auch hier fordert eine Studentengruppe, dass sie entfernt werden müssen.

«Es gibt viele historische Figuren, die viel schlimmer sind als Rhodes», meinte der Historiker R.W. Johnson im konservativen «Daily Telegraph». Wer die historischen Denkmäler für den Mann ­abreissen wolle, zeige «dieselbe Verachtung für die Geschichte wie al-Qaida und Isis».

In der anglofonen Welt ist Rhodes vor allem ­bekannt als Stifter des wohl prestigeträchtigsten ­Stipendiums der Welt. Ein Rhodes-Stipendium («Rhodes Scholarship»), das ein weiterführendes Studium in Oxford grosszügig finanziert, erhalten nur ganz wenige Auserwählte – in gut 110 Jahren waren es knapp 8000 (und bis in die 70er-Jahre nur Männer). Sie stammen aus der englischsprachigen Welt (nicht aber aus Grossbritannien selbst) und aus Deutschland – Rhodes wollte so den Frieden weltweit und in Europa fördern. Die Stipendiaten werden aufgenommen in ein elitäres Netzwerk, das von Washington bis Delhi, Singapur und Sydney reicht. Von ihnen wird im späteren Leben Grosses er­wartet. Oft wurden diese Erwartungen erfüllt: Bill Clinton war ein Stipendiat, ebenso drei australische Premierminister und mehrere Nobelpreisträger.

Schmuck oder Schande?

Aber – dürfen die Stipendiaten, dürfen die Uni­versitäten Oxford und Kapstadt überhaupt stolz sein auf diesen Mann? Ist sein Name Schmuck oder Schande?

Umstritten war Rhodes schon zu Lebzeiten. Viele Zeitgenossen verehrten ihn als «Koloss». Wie der Koloss von Rhodos, eines der sieben Welt­wunder des griechischen Altertums, den Hafen der Stadt überragte, so sollte Rhodes ganz Afrika beherrschen – vom Kap bis nach Kairo sollte man auf britischem Boden reisen können. Er würde, so glaubten seine Anhänger, die britische Welt­herrschaft vollenden.

Hingegen schrieb der «Guardian» nach dem Tod von Rhodes 1902: «Vermutlich tat er mehr als jeder Engländer seiner Zeit, um dem Ansehen des Empire zu schaden, dessen Kraft zu schwächen und seine Zukunft infrage zu stellen.» Dieser Kommentar entstammte den politischen Diskussionen jener Jahrhundertwende. Immerhin hatte Rhodes kurz zuvor Grossbritannien in einen erstaunlich verlust­reichen, erniedrigenden Krieg gestürzt gegen die Buren in Südafrika, holländische Siedler, die auf den grössten Goldvorkommen der Welt sassen und sich auch von einer Weltmacht nicht ver­treiben ­lassen wollten.

Rhodes hatte wenige Jahre zuvor schon einmal versucht, die widerspenstige Regierung des Burenpräsidenten Paul Kruger zu stürzen – mit einem katastrophalen Privatkrieg, der die Spannungen zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem Vereinigten Königreich verschärfte. Die Buren zählten zu den Verbündeten Deutschlands im Wettstreit um Territorium in Afrika. Kaiser Wilhelm II. schrieb ungehaltene Briefe an seine Grossmutter, die britische Königin Victoria. Das Desaster kostete Rhodes seinen Posten als Premierminister der Kapkolonie und seine Mitgliedschaft im Privy Council, dem wichtigsten Beratungsgremium der Königin.

Dass Rhodes als einer der reichsten Männer der Welt eine Krise zwischen zwei europäischen Grossmächten auslösen würde, war weder durch seine Herkunft noch seine Bildung vorgezeichnet. 1853 als fünfter Sohn eines anglikanischen Pfarrers geboren, war Cecil Rhodes ein schwächliches Kind; er schaffte es nicht auf eine der Eliteschulen, die für eine ordentliche Karriere unerlässlich waren. Stattdessen wurde er schon mit 17 in die Kolonien geschickt, ins südliche Afrika, wo das Wetter besser für schwache Lungen war und ein älterer Bruder sich als Plantagenbesitzer versuchte.

Cecil war hochgewachsen, verschlossen, linkisch – und Landwirtschaft langweilte ihn. Doch als 1871 im südafrikanischen Kimberley Diamanten entdeckt wurden, war er elektrisiert. Zusammen mit seinem Bruder und Zehntausenden aus aller Welt stürzte sich Rhodes in den Diamantenrausch. Innerhalb weniger Jahre hatte er enormen Reichtum angehäuft. Der Jugendliche mit der Fistelstimme und den leuchtend blauen Augen entpuppte sich als einfallsreicher, skrupelloser Geschäftsmann, der andere in intensiven Gesprächen für seine Ideen begeistern konnte. Er fand einflussreiche Partner: den britischen Bankier Baron Nathan Rothschild, den deutschen Diamantenhändler Alfred Beit und den aus London stammenden jüdischen Abenteurer Barney Barnato. Mit ihnen gründete Rhodes De Beers, den bis heute wichtigsten Diamantenkonzern, der die Kontrolle über Kimberley übernahm – und über den weltweiten Markt der Edelsteine.

Kimberley war damals schmutzig, gesetzlos, überlaufen von Glücksrittern, Syphilis grassierte. Im «Grossen Loch» der Stadt wimmelte es von Tausenden Schürfern, die auf wackligen Leitern immer tiefer in den Boden eindrangen auf der Suche nach Edelsteinen. Der angeblich kränkliche Rhodes blühte auf. Er lebte jahrelang in einer einfachen Blechhütte, umgeben von muskulösen jungen Männern, mit denen ihn mehr als geschäftliche Interessen verbanden. Schon 1880, er war 27 Jahre alt, wurde er Mitglied des Parlaments in Kapstadt – den Wahlkreis bei Kimberley hatte er sich praktisch gekauft. Zwischendurch hatte er auch noch auf mehreren Reisen in die Heimat ein Studium in Oxford hinter sich gebracht – eher lustlos und ohne Eindruck zu hinterlassen.

Die Lotterie des Lebens

Als in der Nähe von Johannesburg, im Land der Buren, Gold entdeckt wurde, war Rhodes einer der grossen Investoren. Doch Reichtum war nie sein wichtigstes Ziel. Vielmehr hatte der grübelnde Jugendliche schon früh eine Leidenschaft für britische Grösse entwickelt. «Wer als Brite geboren wird, hat den ersten Preis in der Lotterie des Lebens gewonnen», meinte er. Sein Ziel war es, die Segnungen des «British Way of Life» in der ganzen Welt zu verbreiten. Das Empire sollte ein globales Herrschaftssystem bilden, dem nicht nur die bisherigen und neu geschaffene Kolonien, sondern sogar die USA angehören sollten.

Diesem Zweck ordnete Rhodes alles unter. Er gründete eine Geheimorganisation, in der er mächtige Verbündete versammelte, darunter Adelige, führende Politiker, Herausgeber, Generäle, Journalisten. Bald reichte sein Einfluss bis ins britische Parlament und ins Königshaus. Mit dieser Rückendeckung gründete er die British South Africa Company, die ein ganzes Land ihr Eigen nannte: das nach ihm benannte Rhodesien (heute Zimbabwe und Sambia) – eine weitere Etappe beim Versuch, britischen Boden quer durch Afrika zu erschaffen. Dabei wurden Zehntausende Schwarze getötet.

Rhodes wurde zunehmend selbstherrlich, wollte sich den politischen Zwängen und den Anweisungen aus London nicht fügen. Er machte von sich reden, als er sagte, dass auch Schwarze Bürger des britischen Reiches werden könnten, solange sie gebildet seien und sich der Königin unterordneten. Auch für die Buren hatte er durchaus Sympathien – solange sie seine Pläne nicht durchkreuzten. Als Rhodes 1890 Premierminister der Kapprovinz wurde, hatte er den Zenit seiner politischen Karriere erreicht – und überreizte seine Macht durch die Angriffe auf die Buren.

In seinen letzten Jahren fiel Rhodes durch einen zügellosen Lebenswandel auf: Karikaturisten stellten ihn als Vielfrass und Säufer dar. Er machte sich kaum Mühe, seine Homosexualität zu verbergen. Diese war zwar in der britischen Elite keineswegs ungewöhnlich, jedoch war es verpönt, öffentlich darüber zu sprechen. Rhodes liess sich nie davon überzeugen, aus Diskretion zu heiraten; stattdessen drang sein Ruf als Frauenhasser bis zur Königin vor, der Frau an der Spitze des Empire.

Einen grossen Teil seines Besitzes hinterliess Rhodes nach seinem Tod dem südafrikanischen Staat. Seine Residenz in Kapstadt wurde zum Amtssitz südafrikanischer Premierminister, die Universität baute ihren Campus auf Ländereien, die zu seinem Landgut gehört hatten. Selbst die grauen Eichhörnchen, die Touristen im Stadtpark von Kapstadt füttern, sind Rhodes zu verdanken: Er importierte sie aus Nordamerika, um seine Gärten zu beleben.

Aber Rhodes hinterliess Südafrika auch eine Tradition des Hasses zwischen Buren und Engländern und zwischen Schwarzen und Weissen, die bis heute nachwirkt. Die Weissen in Rhodesien widersetzten sich erbittert in einem schmutzigen Krieg den Forderungen der schwarzen Mehrheit. Vor allem aber gehörte Rhodes zu den Gründern einer Bergbauindustrie, die auf billige schwarze Arbeitskräfte angewiesen ist und die Grundlage für das System der Rassentrennung legte.

Studentenaufstände gegen Zuma

Der Protest #RhodesMustFall fand mit der Entfernung der Statue keineswegs sein Ende. An ihm entzündeten sich Studentenaufstände in ganz Südafrika, welche die Regierung von Präsident Jacob Zuma in Bedrängnis brachten. #FeesMustFall, «Gebühren müssen sinken», forderten schwarze Studenten und stürmten das Regierungsgebäude in Pretoria (entworfen vom Architekten Herbert Baker, den Rhodes entdeckt hatte). Die Studenten sehen in der Zuma-Regierung eine Nachfolgerin jener Elite, zu der auch Rhodes gehörte. Zuma gab nach; die Studiengebühren für 2016 wurden eingefroren.

Cecil Rhodes blieb Afrika im Tod treu. Tausende begleiteten seinen Sarg durch die Strassen von Kapstadt. Der Leichnam wurde mit der Eisenbahn, die Rhodes hatte bauen lassen, ins heutige Zimbabwe gebracht. Dort wurde in Granitfelsen im Süden des Landes eine Grabkammer angelegt, in der der britische Imperialist noch heute liegt. Neben ihm ruht Leander Jameson, sein politischer Erbe, Leibarzt und langjähriger Lebensgefährte, in dessen Armen Rhodes gestorben war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2016, 07:24 Uhr

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