Der Mann, der die Welt rettete

Der Computer meldet: Angriff von US-Atomraketen. Statt Alarm auszulösen, schweigt Stanislaw Petrow – und verhinderte so 1983 eine Apokalypse.

Wurde von der Sowjetunion oder Russland nie geehrt: Stanislaw Petrow. Foto: AP

Wurde von der Sowjetunion oder Russland nie geehrt: Stanislaw Petrow. Foto: AP

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Sein Held ist ein kleiner Mann. «Aber er hat Grösseres vollbracht als Obama oder Putin,» sagt Karl Schumacher und zieht an seiner Zigarette. Der bullige Mann sitzt in seinem Büro vorm PC, auf dem Monitor klickt er ein privates Foto seines Idols an: «Dieser Mann hat Millionen Menschen gerettet», raunt der 68-jährige Grossvater von acht Enkeln, «wäre dieser Stanislaw Petrow nicht gewesen, wir wären überall gestorben – in Amerika, in Russland, in Europa. Ich auch.»

Schumachers Geschichte ist ein Stück Weltgeschichte. Und der Oberhausener kennt jedes Details aus erster Hand, von Stanislaw Petrow persönlich. Der Russe hat ihm anvertraut, wie es zuging in jener Nacht zum 26. September 1983. Da hatte Oberstleutnant Petrow atomaren Wachdienst im Kontrollzentrum der sowjetischen Raketenabwehr «Oko». Es war eine der eisigsten Phasen des Kalten Krieges, nur drei Wochen zuvor hatte ein sowjetischer Abfangjäger eine südkoreanische Boeing 747 abgeschossen: 269 Tote.

Fünf Mal meldete der Computer fälschlicherweise einen US-Angriff: Abschuss einer Interkontinentalrakete in Kalifornien. Foto: Reuters

Plötzlich meldet Petrows Computer einen Angriff amerikanischer Atomraketen. «Hätte Petrow das brav an seine Vorgesetzten gemeldet, der Krieg wäre losgegangen», ist sich Schumacher sicher. Petrows zögerte, vermutete Fehlalarm, weshalb die Apokalypse ausfiel – und 15 Jahre später eine wundersame deutsch-russische Freundschaft begann. Und deshalb wiederum weihte der Bestattungsunternehmer Karl Schumacher Mitte Mai auf einer Parkwiese in Oberhausen, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen, ein Denkmal ein: «Zur Erinnerung an Stanislaw Petrow» steht auf der Gedenktafel, «für den Mann, der die Welt rettete.»

Fünf Mal meldete der Computer «Angriff»

Sich selbst nennt Karl Schumacher schlicht «den Mann, der Danke sagen wollte». Mit diesem Wunsch fing alles an. Am 8. Oktober 1998 las Schumacher zum ersten Mal von Stanislaw Petrow und seiner Heldentat: Die «Bild»-Zeitung hatte eine Story aus britischen Medien aufgegriffen und beschrieben, wie «verarmt und traurig» Petrow in einem Moskauer Vorort-Apartment sein Leben fristete. Schumacher, Typ Tatmensch und Dickschädel, beschloss zu handeln. Er recherchierte Petrow Adresse, überredete einen Kumpel mit schwachen Russischkenntnissen zur Mitreise und flog nach Russland. An einem Samstagmorgen im November 1998 klopfte er an eine fremde Holztür: «We have come to say thank you!» Petrow verstand und bat die beiden Deutschen hinein. Es war Freundschaft auf den ersten Blick.

Schumacher lud Petrow nach Deutschland ein. Er zeigte ihm Köln und den Dom, vor allem aber sein Revier: Oberhausens Kaiserpark, den Gasometer, den Moviepark in Bottrop. All das, was 1983 dank Petrow verschont geblieben war: «Wenn die Russen auf wat zielten, dann doch aufet Ruhrgebiet.» Petrows Geschichte, nach dem Zerfall der Sowjetunion von einem russischen General publik gemacht, ging um die Welt: Die UN ehrten ihn, Weltbürger in San Francisco verliehen ihm 2004 den «World Citizen Award». Und die Deutschen überreichten dem Ingenieur und Ex-Offizier den «Medienpreis» (2012) und den «Dresdner Preis (2013).

«Wäre dieser Stanislaw Petrow nicht gewesen, wir wären überall gestorben»: Karl Schumacher. Foto: Christian Wernicke

Die Sowjetunion oder Russland ehrten Petrow nie richtig dafür. Im Gegenteil, Vorgesetzte rügten ihn wegen Verstosses gegen die Vorschriften. 2006 räumte Russlands UN-Vertretung zwar den Fehlalarm von 1983 ein, ausgelöst offenbar durch eine seltene Wolken-Konstellation über den US-Atomsilos in North Dakota. Aber vor einem Atomangriff, so beteuerte Moskau, hätte man eh noch andere Informationsquellen geprüft und den Fehler bestimmt bemerkt. Westliche Experten hegen da Zweifel, und Karl Schumacher bezeugt, was ihm Stanislaw Petrow anvertraut hat: «Den ersten Alarm hat er weitergegeben mit dem Hinweis ‹Vermutlich fehlerhaft›. Aber dann meldete der Computer noch vier Mal: ‹Angriff!›» Der deutsche Freund muss tief durchatmen, bevor er weiterredet: «Petrow hat alle vier Meldungen verschwiegen. Er wusste, seine Generäle hätten losgeschlagen.»

Zur Gedenkfeier Mitte Mai hat der Oberhausener Petrows Tochter und Sohn eingeladen. Sein Held starb vor genau zwei Jahren, am 19. Mai 2017. Draussen im Park deutete Schumacher an, was er gelernt hat von Stanislaw Petrow – dass man die Welt nicht Computern und Algorithmen überlassen dürfe: «Wir Menschen sind ein Versuch Gottes oder der Natur. Dank Stanislaw Petrow geht dieses Experiment weiter.»

Erstellt: 31.05.2019, 21:05 Uhr

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