«Ich habe an dem Tag mehr gestaunt als mich gefürchtet»

Vor 75 Jahren landeten die Alliierten in der Normandie. Zwei der letzten Veteranen erzählen vom D-Day.

Rund 160'000 Soldaten landeten am 6. Juni 1944 in der Normandie: Amerikanische Soldaten auf einem Landungsboot. Foto: Getty

Rund 160'000 Soldaten landeten am 6. Juni 1944 in der Normandie: Amerikanische Soldaten auf einem Landungsboot. Foto: Getty

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Die ersten Feinde, die Lincoln Harner sah, waren nicht mehr gefährlich. «Ein Kutter brachte einige gefangene Deutsche zu unserem Landungsboot», erzählt er. «Die meisten waren ganz junge Kerle, so wie wir, oder ziemlich alt. Wir nahmen sie an Bord, und die erste Aufgabe, die ich im Krieg hatte, war, diese Gefangenen zu bewachen. Ich muss sie recht grimmig angeschaut haben, denn mein Feldwebel sagte zu mir: ‹Harner, bleib ruhig, die können dir nichts mehr tun.›»

Das war am Nachmittag des 6. Juni 1944 – des D-Day. Einige Stunden zuvor hatten amerikanische, britische und kanadische Truppen die Strände der Normandie gestürmt. Sie waren am Morgen mit der Flut gelandet, zwischen Panzersperren und Minen. 160'000 alliierte Soldaten landeten an jenem Tag in Frankreich, aus der Luft und von See aus, fast 5000 von ihnen fielen. Die Invasion war riskant, aber sie glückte. Am Abend hatten die Alliierten die Deutschen zurückgedrängt und mehrere Brückenköpfe gebildet. Die Befreiung Westeuropas hatte begonnen.

Die letzten Zeugen

Die Befreier von damals sind heute alte Männer. Mehr als einige Hundert sind es nicht. Und täglich werden es weniger. Die «Greatest Generation», wie die Amerikaner die Frauen und Männer nennen, die den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben, wird in ein paar Jahren verschwunden sein.

Lincoln Harner wurde 1925 geboren, ging in Philadelphia zur Schule und war 19 Jahre alt, als er mit einer Artillerieeinheit, dem 987th Field Artillery Battalion, in der Normandie landete und der Krieg für ihn begann. Heute ist Harner fast 94, ein wacher, kräftiger Mann, der in Virginia in einer Wohnung mit Blick auf den Potomac lebt und noch gut selbst zurechtkommt.

Auch Henry Stawicki kämpfte in der Normandie. Er ist 97 Jahre alt. Im Juni 1944 diente er als Pionier im 341st Engineer Regiment. Vor einigen Jahren war Stawicki noch gesund genug, um nach Frankreich und Belgien zu reisen und die Orte zu besuchen, an denen er einst Strassen repariert, Brücken gebaut und Schienen verlegt hat, während um ihn herum deutsche Granaten explodierten. «Er hat damals zu mir gesagt, dass er sich gerne in der Normandie zur Ruhe setzen würde», erzählt seine Tochter Jan. «Weil er für die Menschen dort immer noch ein Held ist.» Aber dann erlitt Henry Stawicki einen Schlaganfall, und seither hat er Mühe, sich überhaupt an den Krieg zu erinnern. Nur eines hat er nicht vergessen: «Ich hatte Angst und wollte verdammt noch mal da weg.»

«Ich wollte verdammt noch mal weg.» Henry Stawicki. Foto: Jeff Malet

Für Harner begann der D-Day auf einem Landungsboot, das vor der normannischen Küste dümpelte. Er sollte am Mittag landen, doch der Zeitplan der Invasion war durcheinandergeraten, und so wartete er nervös an Deck, während die amerikanischen Infanteristen an den Stränden Utah und Omaha kämpften und starben. Harner sah das Mündungsfeuer der alliierten Kriegsschiffe, die Granaten auf die deutschen Verteidiger prasseln liessen. Irgendwann brachte der Kutter die gefangenen deutschen Soldaten. «Ich habe an dem Tag mehr gestaunt als mich gefürchtet», sagt er. Erst am Abend des 6. Juni ging Harners Einheit an Land, an einem Abschnitt mit dem freundlichen Namen Gold Beach. «Als wir ankamen, waren die deutschen Bunker schon erobert und leer, und die Pioniere räumten Minen», erzählt Harner. «Es lagen auch nur noch wenige Verwundete am Strand und kaum Tote. Eigentlich hatten wir eine recht leichte Landung.»

Aber so leicht ging es nicht weiter. Das Bataillon lud seine Geschütze aus, gewaltige 155-Millimeter-Kanonen, die auf das Chassis eines Sherman-Panzers montiert waren. «Von da an waren wir nur noch unterwegs», sagt Harner. «Wir sind gefahren und haben geschossen.»

US-Truppen am Tag nach der Landung an der Küste der Normandie. Von hier aus stiessen Lincoln Harner und Henry Stawicki mit ihren Einheiten Richtung Paris vor. Foto: Getty

Vor Harner liegt eine grosse Landkarte, gut eineinhalb Meter breit. Auf ihr ist der Weg eingezeichnet, den das Bataillon auf seinem Vormarsch quer durch Europa nahm, von der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 bis zum Tag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945, an dem die Einheit im tschechischen Pilsen stand. Elf Monate Krieg. Das Bataillon, auch das steht auf der Karte, hat in dieser Zeit fast 3000 Kilometer zurückgelegt und 45058 Schuss Munition abgefeuert.

An manchen Stellen, wenn die Alliierten rasch und ohne allzu grossen Widerstand vorrückten, ist die Route ein langer, gerader Strich. Doch an anderen Stellen gleicht sie einem wirren Gekrakel, als sei das Bataillon wie ein angeschlagener Boxer herumgetorkelt. Das sind die Orte, an denen die Infanterie stecken blieb und Harners Einheit den Weg freischiessen musste.

«Wir wurden nach der Landung sofort in den Kampf geschickt», erzählt Harner. «Ich war dauernd bei den Geschützen, und die Geschütze waren dauernd an der Front.» Die meiste Zeit tat Harner als Funker Dienst. Wenn er nicht funkte, half er den Kanonieren und schleppte Granatkartuschen.

Das Grauen verdrängt

Nach dem Ausbruch aus dem Brückenkopf kamen die Alliierten schneller voran. Auf Harners Wegkarte wird aus den Schleifen und Umwegen eine glatte Linie, zuerst Richtung Süden, dann nach Osten. Es dauerte kaum vier Wochen, bis die Alliierten Paris erreichten. Harner marschierte am 30. August 1944 durch die französische Hauptstadt, nur wenige Tage nach der Befreiung. «Wir wurden von allen Seiten umarmt und geküsst», sagt er. Auch Stawicki, der einige Tage nach dem D-Day in der Normandie an Land gewatet war, zog mit seinem Pionierregiment durch Paris. «Man konnte in die besten Hotels gehen und sich in herrliche Betten legen», erzählt er.

«Wir wurden sofort in den Kampf geschickt.» Lincoln Harner. Foto: Hubert Wetzel

Von der Gewalt, die sie ständig umgab, von dem Tod, dem sie begegnet sind, erzählen Harner und Stawicki wenig. Das ist bei vielen Kriegsveteranen dieser Generation so. Sie haben das Grauen weggeschoben, es tief in sich versenkt und nicht mehr herausgelassen. «Ich wollte nicht über diese schrecklichen Dinge reden», antwortet Stawicki: «Besser, man vergisst es.»

Doch der Krieg lässt sich nicht einfach vergessen. Henry Stawicki erinnert sich, dass er einmal hörte, wie deutsche Panzer auf seine Stellung zurasselten. Das war im Dezember 1944 in der Nähe der belgischen Stadt Malmedy. Stawicki entkam. Aber die deutschen Soldaten, Angehörige einer SS-Panzerdivision, nahmen damals mehr als 80 GI gefangen und ermordeten sie auf einem Acker.

«Wir sahen die Deutschen aus einem Wald auf uns zustürmen und hauten ab. Ich dachte, wir schaffen es nicht.»Lincoln Harner, D-Day-Veteran

Harners Einheit stiess Ende 1944 für einige Tage auf deutsches Gebiet vor. Das Bataillon beschoss Trier und Bitburg. Dann drängte die Wehrmacht die Amerikaner zurück. «Wir sahen die Deutschen aus einem Wald auf uns zustürmen und hauten ab», erzählt Harner. «Ich dachte, wir schaffen es nicht.»

Auf Harners Karte wird die Wegroute in diesen Monaten wieder krakelig. Das Bataillon kämpfte in der Schlacht im Hürtgenwald, einem monatelangen Gemetzel in den dichten, finsteren Wäldern östlich von Aachen. Für die US-Truppen war die Schlacht ein Desaster. Ihre Panzer blieben zwischen den Bäumen stecken. Die Deutschen schossen mit Artilleriegranaten in die Wipfel, sodass Holz- und Stahlsplitter auf die Amerikaner herabregneten. «Da standen Tausende Bäume, denen die Spitzen weggeschossen waren», sagt Harner.

Während im Hürtgenwald erbittert gekämpft wurde, begann die Wehrmacht im Dezember 1944 etwas südlich in den belgischen Ardennen eine grosse Offensive, die zur berüchtigten «Battle of the Bulge» wurde. Bei Bastogne kesselten die Deutschen Tausende Amerikaner ein, die in Eiseskälte und kaum versorgt ausharrten. Harners Bataillon wurde überall dort eingesetzt, wo die Front brannte.

Die härtesten Tage am Schluss

Auch Stawickis Regiment geriet in den deutschen Angriff. Die Pioniere bauten Strassensperren und reparierten Brücken und Bahngleise, während deutsche Geschütze und Tiefflieger auf sie feuerten. Diese Wochen hätten zu den härtesten des Kriegs gehört, sagt Harner. «Meine Güte, war das kalt. Wir hatten gehofft, im Winter etwas Ruhe zu haben. Aber so kam es nicht.»

Den Vormarsch der Alliierten konnten die deutschen Gegenangriffe jedoch nicht aufhalten. Anfang März 1945 eroberten die Amerikaner die unzerstörte Rheinbrücke bei Remagen. Stawickis Pioniereinheit setzte die Bahnschienen instand, die darüber führten, dann überquerte das erste Geschütz aus Harners Bataillon auf der Brücke den Rhein.

Als die Wehrmacht am 8. Mai 1945 kapitulierte, war Lincoln Harner in Pilsen. Henry Stawickis Regiment war über Nordbayern und Thüringen verteilt. Für die Befreier war der Krieg vorbei.

Erstellt: 04.06.2019, 18:43 Uhr

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