Der Ursprung der Megalithkultur liegt wahrscheinlich in Frankreich

Wissenschaftler haben den rätselhaften Beginn der Kultur von Hinkelsteinen, Steingräbern und Steinkreisen erforscht.

Die Anlage von Stonehenge ist Unesco-Weltkulturerbe und die weltweit wohl berühmteste Megalithstruktur. Foto: Getty Images

Die Anlage von Stonehenge ist Unesco-Weltkulturerbe und die weltweit wohl berühmteste Megalithstruktur. Foto: Getty Images

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Die über weite Teile Europas verbreitete Megalithkultur ist wahrscheinlich in Nordwestfrankreich entstanden. Von dort habe sich die Nutzung grosser Steinblöcke etwa für Gräber oder Kultstätten entlang der Küsten von Atlantik und Mittelmeer verbreitet, schreibt Bettina Schulz Paulsson von der Universität Göteborg in den «Proceedings» der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS). Die technischen Fähigkeiten der Menschen in der Frühphase dieser Entwicklung vor etwa 7000 Jahren seien wesentlich ausgefeilter gewesen als bisher angenommen.

Steinkreise, Steinreihen, einzelne Menhire oder Bauwerke aus mehreren Steinblöcken, sogenannte Dolmen: Megalithstrukturen finden sich unter anderem in Italien, Frankreich, auf der Iberischen Halbinsel und den Britischen Inseln und auch in Skandinavien, Deutschland und der Schweiz. Derzeit seien europaweit noch etwa 35'000 Megalithe erhalten, schreibt die Archäologin. Auffällig sei die Ähnlichkeit der Strukturen: So sind beispielsweise die Gräber in ganz Europa nach Osten oder Südosten ausgerichtet – zur aufgehenden Sonne.

Bislang kursieren unter Experten hauptsächlich zwei Theorien über den Ursprung der Kultur: Vor allem im frühen 20. Jahrhundert dachten Forscher, der Brauch stamme – wie etwa die Landwirtschaft – aus Vorderasien. Zweifel an dieser Ver­mutung kamen in den 1970er-Jahren auf: Datierungen mit der Radiocarbon-Methode (C14) stützten diese Vermutung nicht. Stattdessen glaubten Wissenschaftler seitdem eher, die Praxis sei in verschiedenen Regionen separat entstanden.

Monumentale Erdbauten in Nordwestfrankreich

Schulz Paulsson erstellte nun aus C14-Datierungen von gut 2400 Orten aus jener Epoche und aus archäologischen Funden ein Modell, das den Ursprung und die Ausbreitung der Megalithstrukturen angeben soll. «Die Radiocarbon-Daten deuten darauf hin, dass die ersten mega­lithischen Gräber in Europa kleine, abgeschlossene Strukturen oder Dolmen waren, die über­irdisch aus Steinplatten errichtet und von einem Hügel aus Erde oder Stein bedeckt wurden», schreibt sie. Zu dieser ersten Phase, die vor etwa 6800 begann, zählen demnach vor allem Orte in Nordwestfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel.

Nordwestfrankreich betrachtet Schulz Paulsson als Zentrum der Entwicklung, denn dort habe es schon vorher monumentale Erdbauten gegeben. So enthalte das Gräberfeld von Passy im Pariser Becken zwar noch keine Steinkammern, aber eine beeindruckende Struktur über eine Länge von bis zu 280 Metern, schreibt sie. Das älteste Grab der Nekropole werde auf ein Alter von fast 7100 Jahren datiert.

Kurz danach seien die ersten Monumentalgräber in Form runder Hügelgräber in der Bretagne entstanden – etwa der riesige Grabhügel St-Michel in Carnac, der eine verschlossene, steinerne Grabkammer enthält und bis zu 6800 Jahre alt ist. Aus jener Phase stammen folglich weitere Bauten der Region, für die ebenfalls abgeschlossene, steinerne Grabkammern typisch sind.

Die Mobilität der Menschen vor 7000 Jahren ist unterschätzt worden.

Etwas jünger sind ähnliche Stätten im nördlichen Mittelmeerraum – in Katalonien, Südfrankreich, auf Korsika, Sardinien und in Norditalien. Ab etwa 4200 vor Christus tauchen solche Gräber im nordspanischen Galicien auf sowie im Süden von Portugal und in der andalusischen Mittelmeerregion. Eine Neuerung entstand vor 6300 Jahren, wieder in Frankreichs Westen: die ersten Dolmen und Ganggräber, die nicht mehr verschlossen waren, sodass Menschen hier über Jahrhunderte beigesetzt werden konnten. Als Beispiel nennt die Forscherin das Hügelgrab von Péré bei Prissé-la-Charrière in Neu-Aquitanien und Lannec er Gadouer in der Bretagne.

In der nächsten Phase, die vor etwa 6000 Jahren begann, verbreiteten sich solche Anlagen dann auf den Britischen Inseln sowie in weiteren Gegenden von Westfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel. Dies deute auf eine Ausbreitung der Neuerung über den Seeweg hin. «Ihre Verbreitung unterstreicht die Verbindung jener Gesellschaften zum Meer und zur Verbreitung der Grabtraditionen über den Seeweg», schreibt Schulz Paulsson.

Die Anlage von Stonehenge – die weltweit wohl berühmteste Megalithstruktur – ist deutlich jüngeren Alters. Die Frühphase begann vor etwa 5000 Jahren, die prägnanten Megalithstrukturen sind maximal 4500 Jahre alt. In einer Verbreitungswelle tauchten solche Anlagen dann – vor etwa 5500 Jahren – erstmals in den Niederlanden, Norddeutschland, Dänemark und Südschweden auf. Auch hier sei der Seeweg entscheidend gewesen, schreibt Schulz Paulsson. «Die ältere Archäologengeneration hatte recht bezüglich der maritimen Verbreitung des Megalithkonzepts», bilanziert die Autorin. «Aber sie lag falsch, was die Ursprungsregion und die Verbreitungsrichtung betrifft.» Die Studie zeige, dass man die Mobilität sowie die technischen und nautischen Fähigkeiten der Menschen vor 7000 Jahren deutlich unterschätzt habe, betont sie und fordert eine radikale Neubewertung jener Epoche.

Auch in Nordafrika gibt es Megalithstrukturen

Das sieht Martin Bartelheim von der Universität Tübingen allerdings nicht so: Dass Menschen schon vor 7000 Jahren am Atlantik Küstenschifffahrt betrieben, sei bekannt. Die Vermutung zum Ursprung der Megalithkultur in Nordwestfrankreich hingegen sei «nicht unwahrscheinlich». «Man hatte angenommen, dass die Anlagen in jener Region sehr alt sind», sagt der Forscher vom Institut für Ur- und Frühgeschichte. «Das haben C14-Untersuchungen nun bestätigt.»

Allerdings stünden die Resultate unter Vorbehalt, betont Bartelheim. Denn Megalithstrukturen gebe es auch in Nordafrika – etwa in Ägypten, Libyen, Tunesien und Marokko. Diese seien bislang kaum datiert und in der Analyse nicht berücksichtigt worden.

Erstellt: 18.02.2019, 07:02 Uhr

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