Die Enthüllerin

Kopftuch und Burka seien keine ­Erfindungen des Islam, sagt Susanna Burghartz. Bis ins 20. Jahrhundert waren Kopfbedeckungen auch bei ­christlichen Frauen gang und gäbe.

Susanna Burghartz erforscht das Leben von Frauen in verschiedenen Kontexten. Foto: Jannis Chavakis (13 Photo)

Susanna Burghartz erforscht das Leben von Frauen in verschiedenen Kontexten. Foto: Jannis Chavakis (13 Photo)

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«Unsere Nonnen», sagt Susanna Burghartz, «gehen in der ganzen Diskussion um die Verschleierung häufig vergessen.» Ein Zufall sei das kaum, meint die Professorin für Geschichte der Renaissance und der Frühen Neuzeit an der Universität Basel. «Es wäre plötzlich schwierig zu erklären, warum sich Frauen in der Öffentlichkeit nicht verhüllen sollen.» Burghartz sitzt in ihrem Büro im ­Departement Geschichte in Basel. Sie lächelt verschmitzt. Sie wundere sich darüber, wie sich die heutige Diskussion um Schleier und Kopftuch immer nur auf den Islam beziehe.

Vor kurzem hat Burghartz eine Arbeit veröffentlicht über die Verschleierung von Frauen in Westeuropa. Kopf- und Gesichtsbedeckungen, an denen sich heute so viele Diskussionen entzünden, waren in Europa für christliche Frauen, nicht nur für ­Nonnen, bis ins 20. Jahrhundert selbstverständlich. Wer in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch Basel spazierte, der sah christliche Frauen mit Burka-ähnlicher Kopfbedeckung. Die wohl­habenden Baslerinnen gingen so zur Kirche. Alte Kupferstiche zeigen die Verhüllungen. «Es gab auch breit angelegte Kampagnen, damit die Frauen sich an diese Regeln hielten», sagt Burghartz. Taten sie es nicht, gab es empfindliche Geldstrafen.

«Geschichte holt uns aus fixen Gewissheiten heraus.»

Die Geschichte vom Verschleiern und ­Entblössen ist keine geradlinige. «Heute glauben wir: je ­nackter, desto freier. Doch so eindeutig ist das im Laufe der Geschichte keineswegs», sagt Burghartz. Bis ums Jahr 1500 bedeckten alle Frauen in der ­Öffentlichkeit den Kopf. Das hatte nicht nur religiöse Gründe, sondern oft auch praktische bei der Arbeit.

Auch in den folgenden Jahrhunderten verschwanden Kopftuch und Schleier nicht aus dem Stadtbild. Gleichzeitig war die aufwendige Verhüllung mit dem sogenannten Sturtz auch ein Standessymbol, in Basel durften sich vor allem die gut situierten Damen so kleiden, andere nicht. Aus Spanien wiederum gab es Berichte, in denen ein Kommentator im 16. Jahrhundert gar meinte, dass das Kokettieren der Frauen mit ihrem Schleier zu provozierend sei und sie deshalb besser keinen tragen sollten.

Eine Frage der Mode und der Stellung

Aus der Ferne ist der Blick manchmal schärfer. Nach diesem Grundsatz betreibt Burghartz ihre Forschungen. «Ich habe mich für die frühe Neuzeit als Epoche entschieden, weil Gesellschaften, die sich von unseren unterscheiden, die Möglichkeit bieten, viel über unsere Gegenwart und ihre blinden Flecke zu erfahren.» Wie etwa die Frage nach dem Umgang mit Kopftuch und Schleier, der sich immer wieder verändert hat und nicht nur von ­religiösen Vorschriften abhängt. In der vorindustri­ellen Schweiz hatten die Regeln, wer welche Kopfbedeckungen tragen sollte und durfte, auch immer mit der sozialen Stellung und modischen Trends zu tun. Für wohlhabende Frauen galten andere Vorschriften als für arme, für verheiratete andere als für ledige.

«Es ist eine der ganz grossen Chancen der Beschäftigung mit Geschichte, dass sie uns aus fixen Gewissheiten herausholt», sagt Burghartz. Und jetzt würde sie gerne noch über andere Dinge als Verschleierungen reden, fügt sie an. Mit dem Leben von Frauen in unterschiedlichen Zusammenhängen hat sich Burghartz in ihren Forschungen immer wieder beschäftigt. In ihrer Habilitation schrieb die Historikerin über Ehe und Sexualität im Basel der frühen Neuzeit, in früheren Arbeiten über Kriminalität im 14. Jahrhundert und über die Hexenverfolgung. Immer schon faszinierte sie die Frage, was Strukturen und Vorschriften mit Menschen machen.

«Ich begrüsse die Globalisierung der Forschungsgemeinschaft.»

Spricht Burghartz über ihre Arbeit, so macht sie ab und an kurze Pausen, nicht weil sie den Faden verloren hat, sondern weil es ihr wichtig ist, wie sie etwas beschreibt. Sie ist überzeugt, dass die Präzision, mit der man etwas sagt, in der Wissenschaft eine wichtige Rolle spielt, die Sprache mehr als nur ein Arbeitsinstrument ist. Mit gemischten Gefühlen beobachtet sie deshalb den Trend zur englischen Sprache, die auch in den Geisteswissenschaften eine immer wichtigere Rolle spielt. «Ich begrüsse die Globalisierung der Forschungsgemeinschaft und den Austausch sehr», sagt sie, doch wer ­Englisch nicht als Muttersprache habe, der bleibe bei gewissen Diskussionen immer ein bisschen im Hintertreffen. Denn wie schon Friedrich Dürrenmatt gesagt habe: «Die Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken.»

Mit ihrer Berufung zur ordentlichen Professorin vor zehn Jahren schaffte Burghartz etwas, was nur wenige schaffen. Sie hat einen Lehrstuhl an der Uni, an der sie selbst einst studierte. Mit 22 Jahren kam sie aus dem deutschen Essen in die Schweiz, was man ihr, aufgewachsen mit einer Basler Mutter, nicht anhört. Sie schrieb ihre Dissertation und die Habilitation in Basel. Das hatte auch praktische Gründe. Burghartz ist Mutter von vier Kindern, zweimal Zwillingen, die heute 27 und 24 Jahre alt sind. So war es nicht leicht, ein akademisches ­Nomadenleben zu führen, das viele der Karriereplanung zuliebe auf sich nehmen. 2005, im Alter von 49 Jahren, übernahm sie den Lehrstuhl in ­Basel. Auf die Frage, ob das nicht sehr anstrengend gewesen sei, die Dissertation (1990) und die Habilitation (1999) mit vier kleinen Kindern zu schreiben, zuckt sie nur mit den Schultern. «Ach, das ging schon irgendwie.» Jedenfalls scheint es jung zu halten. Wer Burghartz sieht, würde sie locker zehn Jahre jünger schätzen.

Bedrohliche Haare

Zum Umgang mit Verhüllungen und Verschleierungen plant Burghartz weitere Forschungen, das Thema an der Schnittstelle von Moral-, Mode-, ­Sozial- und Religionsgeschichte fasziniert sie. Dass Haare in allen drei monotheistischen Weltreligionen eine bedrohliche Komponente hätten und je nach Situation zu bedecken seien, beweise die gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam.

Burghartz hat gerade die Jahresrechnungen der Stadt Basel aus dem 16. Jahrhundert digital herausgegeben – auch Grundlagenforschung sei wichtig, sagt sie. Bevor sie zum nächsten Termin eilt, erzählt sie noch von ihren Forschungen zu den Entdeckern der sogenannten Neuen Welt. Auch mit ihnen beschäftigt sie sich schon länger, zum Beispiel in der Studie «Die Reisenden, das Staunen, der Schreck». Dabei fasziniert sie vor allem die Frage, wie sich Europäer ihre Weltsicht immer auch erschrieben. Wie sie die Berichte von Entdeckern, Eroberern und Kolonisatoren über die Welt ausserhalb Europas nutzten, um sich im Austausch und in Abgrenzung zu den Kolonien ihre eigenen Identitäten zurechtzulegen. Die Frage, wie sich Gesellschaften ihre Geschichten in immer neuen Formen erzählen, um so ihre Zukunft neu zu denken, ist ein Grundthema ihrer Forschung. Denn: Aus der Distanz sieht man manchmal eben etwas schärfer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2016, 19:39 Uhr

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