Die erste Doktorin der Universität Zürich

Die Russin Nadeschda Suslowa promovierte vor 150 Jahren als erste Frau an der Uni Zürich.

Nadeschda Suslowa verfolgte hartnäckig ihren Traum, Ärztin zu werden. Foto: Paul Fearn (Alamy)

Nadeschda Suslowa verfolgte hartnäckig ihren Traum, Ärztin zu werden. Foto: Paul Fearn (Alamy)

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Eines wusste Nadeschda Suslowa ganz genau: Sie wollte Medizin studieren, und zwar offiziell, mit Immatrikulation und Abschluss. Weil das in ihrer russischen Heimat nicht möglich war, kam die junge Frau im Jahr 1866 nach Zürich. Hier trug Suslowa entscheidend dazu bei, dass die Universität Zürich zu einer der ersten Hochschulen in Europa wurde, an der Frauen studieren konnten. Suslowa war die erste Frau, die an der Hochschule promovierte. Das schaffte sie vor 150 Jahren im Dezember 1867.

Eine akademische Karriere war für die junge Russin keineswegs vorgezeichnet. Im Gegenteil: Ihre Eltern waren Leibeigene. Suslowa kam 1843 in einem kleinen Dorf nahe Nischni Nowgorod zur Welt. Suslowas Vater stand in den Diensten eines russischen Grafen, für den er mehrere Landgüter in Folge verwaltete. Dabei stellte er sich so geschickt an, dass der Graf ihn auf seinen Landsitz in der Nähe Moskaus holte und den drei Kindern der Suslowas eine Schulbildung ermöglichte. Nadeschda und ihre ältere Schwester besuchten eine Mädchenschule. Was sie dort lernten, sei ziemlich langweilig gewesen, schrieb Suslowa als junge Frau, die Naturwissenschaften hätten ihr gefehlt. Im Auftrag des Grafs zog die Familie schliesslich nach St. Petersburg, wo Suslowa weiter die Schule besuchte und mit 16 Jahren ein Hauslehrerinnendiplom in der Tasche hatte.

Die Universität Zürich war im Jahr 1833 aus dem Zusammenschluss der Höheren Schulen für Theologie, Jurisprudenz und Medizin entstanden. Hinzu kam neu die Philosophische Fakultät. Die Uni Zürich war die erste Hochschule Europas, die nicht von einem Landesfürsten oder der Kirche gegründet wurde, sondern auf Beschluss des Regierungsrates des Kantons Zürich. Schon ab den 1840er-Jahren durften Frauen als Hörerinnen in Veranstaltungen sitzen, aber sie konnten keinen Abschluss erlangen. Der Zugang zur höheren Bildung war Frauen in jener Zeit noch fast überall verwehrt. In den USA gab es bereits ab den 1830er-Jahren Medical Colleges für Frauen, doch deren Ausbildungsgänge hatten nicht das gleiche Niveau wie die Medizinstudien für Männer.

Zürich galt als sehr billig

Während ihrer Kindheit in verschiedenen russischen Dörfern hatte Suslowa die grosse Armut der Bauern miterlebt. «Die Landbevölkerung in Russland war zu jener Zeit medizinisch stark unter­versorgt», sagt Nada Boskowska, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Gleichzeitig wuchs in den Städten eine sehr idealistische Generation heran, welche die Armut der Bauern lindern wollte. Auch Suslowa sah sich als Teil dieser neuen Generation. Ab dem Jahr 1861 besuchte sie als Hörerin in St. Petersburg medizinische Vorlesungen. Es waren turbulente Jahre: Kaiser Alexander II. schaffte 1861 die Leibeigenschaft in Russland ab, was zu Unruhen führte. Auch Suslowas Eltern bekamen ihre Freiheit. Sie verloren jedoch ihre Arbeitsstelle bei dem Grafen. Nadeschda schrieb in jener Zeit für eine als revolutionär geltende Zeitung, ihre Geschwister wurden ver­haftet, die Universitäten schlossen ­vorübergehend, und Suslowa hielt es schliesslich für vernünftiger, ihre Heimat zu verlassen.

Zürich, so erstaunlich es heute klingen mag, galt in jenen Jahren als sehr billig. Ab Frühjahr 1865 besuchte Suslowa als Hörerin an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich Vorlesungen. Weil sie bereits viel Vorwissen hatte, stellte sie 1867 einen Antrag, um die Doktorprüfung ablegen zu können. ­Suslowas Gesuch sorgte bei den Zuständigen zuerst für etwas Verwirrung. Der Rektor wandte sich hilfesuchend an den Erziehungsdirektor. Der Erziehungsdirektor antwortete, im Hochschulgesetz finde er keine Passagen über Frauen an der Universität und wie man mit ihnen verfahren müsse. Daraufhin beschloss der Rektor, wenn es keine Paragrafen gäbe, die Frauen explizit ausschlössen, könne er sie genauso gut zulassen.

«Das ist ein Schweizer Pragmatismus, der mir sehr gut gefällt», sagt Boskows­­ka. Die Historikerin hatte angeregt, dass letzte Woche an der Uni Zürich eine Jubiläumsveranstaltung für Suslowa stattfand. Eine Gedenktafel und ein Postdoc-Stipendium für Frauen werden in Zukunft an die Pionierin erinnern. «Weil Suslowa ihren Traum, Ärztin zu werden, hartnäckig verfolgte, konnten Frauen regulär in Zürich studieren.»

Die Universität immatrikulierte Suslowa rückwirkend auf das Wintersemester 1866/67. Am 14. Dezember 1867 legte die Russin ihre Doktorprüfung ab, ihre Arbeit trug den Titel «Beitrag zur Physiologie der Lymphherzen». Ihr folgten schon bald weitere Frauen. Mit Marie Vögtlin immatrikulierte sich 1868 auch die erste Schweizerin. Vögtlin, später Heim-Vögtlin, machte ihre Doktorprüfung im Jahr 1874. So richtig gut aufeinander zu sprechen waren die beiden Pionierinnen aber nicht. Vögtlins Verlobter, Fritz Erismann, verliess die ­Schweizerin, weil er sich in Suslowa verliebte. Auch er studierte in Zürich Medizin. Erismann und Suslowa heirateten im April 1868.

In den ersten Jahren waren es vor allem Russinnen, die in Zürich studierten. 1873 waren 114 Studentinnen an der Uni immatrikuliert, 100 stammten aus Russland. Die meisten studierten Medizin. Weil es bereits eine russische Gemeinde in Zürich gab, war es für Neuankömmlinge einfacher. Die Russen hatten eine eigene Bibliothek und einen Speisesaal. Auch die erste Studentin an der Universität Genf 1872 war eine Frau aus Russland. Die Uni Bern liess Frauen ab 1872 zum Studium zu. Nur in Basel weigerten sich die Zuständigen bis 1890, Frauen die höhere Bildung zu ermöglichen. Sehr viel länger noch dauerte es, bis die Universität Zürich die erste Professorin ernannte. Das schaffte erst die Physikerin Verena Meier im Jahr 1968.

Suslowa kehrte nach ihrem Abschluss nach St. Petersburg zurück und eröffnete dort eine Praxis für Frauen und Kinder. Erismann folgte ihr ein Jahr später. Die Ehe hielt allerdings nicht allzu lange. Die Briefe, die Erismann an Suslowa schrieb, haben bis heute überdauert. Darin erscheint Suslowa, laut Nada Boskowska, als ein melancholischer Mensch, der nie so richtig zufrieden war mit dem Erreichten, was sie aber vermutlich auch antrieb.

Suslowa liess sich 1883 von Erismann scheiden, heiratete einen russischen Arzt und zog mit ihm auf die Krim. Dort behandelte sie kostenlos die arme Bevölkerung, gründete eine Schule, ein Gymnasium und ein Krankenhaus. Sie starb 1918 im Alter von 74 Jahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2017, 19:51 Uhr

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