Die Komplizinnen der Nazis

Frauen, die töteten und schikanierten: Die US-Historikerin Wendy Lower berichtet in einem neuen Buch über «Hitlers Helferinnen» in den Ostgebieten.

Die Täterfrau kennen wir kaum: Weibliche Hitlerjugend feiert den Wahlsieg der NSDAP 1933 in Berlin. Foto: AP

Die Täterfrau kennen wir kaum: Weibliche Hitlerjugend feiert den Wahlsieg der NSDAP 1933 in Berlin. Foto: AP

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An diesem Sommertag 1943 fährt Erna Petri nach einem Einkaufsbummel in Lemberg auf ihr Landgut zurück. Am Strassenrand sieht sie sechs Kinder. Sie sind mager, die Kleider zerlumpt. Erna Petri nimmt die Kleinen mit auf ihr Gut und gibt ihnen zu essen. Sie gilt als perfekte Hausfrau und Mutter.

Erna Petri ahnt, die Kinder sind Juden. Sie ahnt, dass sie am Bahnhof aus einem Todeswaggon geflohen sind. Sie weiss, dass umherstreunende Juden erschossen gehören. Als ihr Mann Horst sich verspätet, nimmt Erna Petri die alte Armeepistole ihres Vaters, geht mit den Kindern in den Wald, stellt sie vor eine Mulde und knallt sie nacheinander ab. Genickschuss, Kind für Kind. Gewehrt hat sich keines. So berichtet es die Petri 1961 selber.

Erna Petri ist nur eine von vielen. Eine von vielen deutschen Ehefrauen, die ihren Gatten in die von den Nazis besetzten Ostgebiete begleiteten. Die den Männern mit Rat und Tat zur Seite standen, als sich die «Herrenrasse» mordend und plündernd über Polen, Weissrussland, das Baltikum und die Ukraine hermachte. Auch in Konzentrationslagern halfen Frauen fleissig mit.

Das Schiessen lernten sie beim Bund deutscher Mädel.

Die wenigsten Damen erschossen kleine Kinder. Aber geschossen haben sie schon. Zum Beispiel spasseshalber vom Balkon auf ihre Angestellten, meistens Juden, «Untermenschen». Das Schiessen mit dem Luftgewehr, das Marschieren und den Drill hatten sie beim BDM gelernt, beim Bund deutscher Mädel.

Wir kennen die fleissige Trümmerfrau und die von Rotarmisten vergewaltigte Frau. Wir kennen die Opferfrau. Die Täterfrau kennen wir kaum. Sie trat nach 1945 allenfalls als sadistische KZ-Aufseherin in der Sensationspresse auf, als perverse Bestie, kurz: als Sonderfall ihres Geschlechts.

Die Wirklichkeit war anders. Frauen stützten massenweise das NS-Regime. Das zeigt jetzt die US-Historikerin Wendy Lower (50) in ihrem lesenswerten Buch über «Hitlers Helferinnen».

Der Beitrag zur Vernichtung

Das NS-Reich war eine partizipatorische Diktatur, will heissen: Das Volk machte mit – und selbstverständlich auch die Frauen. Wendy Lower rechnet vor: «Mindestens eine halbe Million Frauen waren Zeuginnen der Operationen und des Schreckens eines Vernichtungskriegs in den besetzten Ostgebieten oder leisteten selber einen Beitrag dazu.» Zeitweise arbeiteten rund 3500 Frauen als Lageraufseherinnen. Bei Kriegsende war in den Konzentrationslagern rund ein Drittel des Personals weiblich. Sie waren Putzhilfen, Ärztinnen und Sekretärinnen im KZ. Was haben sie wohl nach dem Krieg ihren Familien daheim erzählt?

Sie führten wie die Bauerntochter Erna Petri an der Seite eines SS-Mannes plötzlich ein grosses Haus. Sie durften sich zur Elite gehörig fühlen. Sie schikanierten ihre Untergebenen. Sie waren Zeuginnen von Erschiessungen. Sie wurden als Krankenschwestern selber zu Mörderinnen und setzten Behinderten tausendfach die tödliche Spritze. Sie organisierten den Nachschub, profilierten sich als «Rasseprüferinnen» oder halfen als Pädagoginnen bei der Kolonialisierung des Ostens.

Der Drang zum Aufstieg

Was trieb diese Frauen an? Früher hätte man gesagt: Es war die ideologische Peitsche. Hitlers Propaganda­maschine verführte die Frauen. Inzwischen weiss man um subtilere Formen der Verführung. Sie wirken bis heute.

Erstens: der berufliche Aufstieg. Der rasant wachsende Staatsapparat bot Frauen neue Positionen. Zwar mussten sie als Krankenschwestern halbtote Soldaten trösten, sie mussten Deportationslisten tippen oder Briefe mit Fotos von Hinrichtungen versenden – aber sie waren dabei. Auf ihrem strengen Aussenposten im Osten wurden auch alleinstehende Frauen als Mitglied in der Männergesellschaft akzeptiert. Das tat gut. Akzeptanz tut Frauen wie Männern gut. Bis heute. Da schaut man nicht mehr so genau hin, für welchen Laden man arbeitet.

Akzeptanz tut gut. Da schaut man nicht mehr so genau hin.

Zweitens: Der NS-Staat kurbelte mit seinen Arbeitsmöglichkeiten für Frauen die Emanzipationsbewegung geradezu an. Motto: «Der Osten braucht dich!» Wie es junge Männer aus Abenteuerlust in den Krieg trieb, so meldeten sich junge Frauen freiwillig auf einen Posten im Osten: als Sekretärin, als Funkerin, als Lehrerin und vor allem als Krankenschwester.

Die Gewalt verstörte viele. Aber es ging aufwärts mit der Karriere. Kriminaldirektorin im Reichssicherheitshauptamt werden zu können, das war schon etwas. Oberaufseherin in einem Frauenlager zu sein, das verlieh eine nie zuvor gekannte Macht.

Drittens: Auch das Muttersein wurde aufgewertet. Dass das NS-Regime offensiv um Berufstätige warb und gleichzeitig das Mutterschaftsideal propagierte, ist kein Widerspruch. Denn auch bei den Müttern ging es um einen Profi-Status: Die deutsche Frau sollte quasi von Berufs wegen dem Führer gesunde «arische» Kinder schenken. Sie stärkte die «Herrenrasse». Inwieweit die Mütter an diese Ideologie innerlich glaubten, das weiss niemand – aber öffentlich war die Mutterrolle so anerkannt wie später nie wieder.

KZ-Aufseherinnen waren im Schnitt 26 Jahre alt.

Viertens: Man war jung und suchte Grenzerfahrungen. Das «Dritte Reich» wurde im Wesentlichen von Männern zwischen 20 und 40 Jahren angeführt. Das will man heute nicht wahrhaben. Jungsein gilt per se als fortschrittlich. Doch die Wirklichkeit ist anders. Die KZ-Aufseherinnen waren im Schnitt nur 26 Jahre alt. Erna Petri war eine junge Mutter von 23 Jahren, als sie die sechs Kinder erschoss.

Die Ostgebiete waren ein vom NS-Staat freigegebener Tummelplatz für alle möglichen Begierden; Sex, Gewalt, Alkohol, Mutproben, Mordlust, Angstlust. Man feierte Feste, ging Bürobeziehungen ein und zeugte uneheliche Kinder, vom Regime durchaus erwünscht.

Es war wie ein Tanz auf Gräbern – und das nicht nur symbolisch. Es konnte vorkommen, dass Kolleginnen beim Picknick im Grünen plötzlich merkten, dass die Erde unter ihnen ungewöhnlich locker war. Sie sassen auf einem Massengrab. Unglaublich? Alles Aussagen von Frauen, die dabei waren.

Der Eros der Macht

Je länger man sich mit «Hitlers Helferinnen» beschäftigt, desto tiefer steigt man in den kalten Keller weiblicher Seelen hinab. «Hitlers Helferinnen» waren fasziniert von Männern, die «das Sagen» hatten; von harten Schultern, an die man sich anlehnen konnte. Männer in Uniform, Männer im «Anzug». Männer, die Anweisungen gaben. Männer, welche «die Bildfläche» beherrschten. Heute nennt man das den «Eros der Macht». Dieser Eros ist weniger grausam als damals, aber ebenso armselig.

Hitlers Helferinnen schwiegen nach dem Krieg, und die wenigen Überlebenden heute schweigen erst recht. Dass Frauen unter Umständen so quälen, töten und mechanisch funktionieren können wie Männer, ist eines der letzten Tabus.

Ein Historikerinnenstreit über weibliche Mittäterschaft fand zu Beginn der 1990er-Jahre keine Öffentlichkeit. Nicht bei Frauen, nicht bei Männern. Mag sein, dass die massgeblichen Medienmänner nur ungern am edlen Frauenbild kratzen. Frauen können ihre Gefühle so einfrieren wie Männer? Das wäre schlimm. Auf ihr Mitleid ist im Ernstfall kein Verlass? Lieber nicht dran denken. Frauen können furchtbar aggressiv werden? Schlafende Hündinnen soll man nicht wecken.

Die Mutter als die Böse

Von Männern will man heute wissen, was sie im Krieg erlebten. Sie sollen ihre Schuld bekennen. Darauf haben die 1968er gepocht. Briefe von Soldaten, Tagebücher und Romane erzielen Massenauflagen. Vor den Geständnissen der Nazi-Mütter und -Grossmütter hingegen fürchtet man sich. Warum? Vielleicht, weil Väter fern sind und Mütter nah. Der Horrorfilm lehrt: Der Schlimmste aller Schrecken ist, wenn sich der Nächste als der Böse entpuppt – die eigene Mutter.

In den Zonen der Westalliierten wurden die meisten gefangenen deutschen Frauen binnen eines Jahrzehnts freigelassen. Auch hochrangige Täterinnen wurden letztlich begnadigt, etwa die im Badischen geborene Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink. 1978 veröffentlichte sie ihr Buch «Die Frau im Dritten Reich», ein Zeugnis larmoyanter Selbstgerechtigkeit.

Schlafende Hündinnen soll man nicht wecken.

Horst und Erna Petri kamen in der DDR vor Gericht. Die Liste der Anklagepunkte ist lang. Misshandlung von zahlreichen auf ihrem Gut beschäftigten Personen, zum Teil mit unheilbaren gesundheitlichen Schäden. Beschiessen eines deutschen Soldaten. Überstellung ukrainischer Arbeiterinnen in ein Konzentrationslager. Beteiligung an Treibjagden auf Juden, die aus Deportationstransporten geflüchtet waren. Erschiessung aufgegriffener Juden. Teilnahme an der Erschiessung der jüdischen Bevölkerung eines Nachbarorts. Deportation der jüdischen Zwangsarbeiter des Gutes ins Konzentrationslager. Mitwirkung an der Erschiessung von 15 ukrainischen Bauern, die Partisanen mit Lebensmitteln versorgt hatten.

Horst Petri wurde 1962 in der DDR hingerichtet. Erna Petri erhielt lebenslänglich. Zwei Jahre nach der Wende kam sie frei. Dafür sorgte die «Stille Hilfe», ein Netzwerk von Alt- und Neonazis.

Erna Petri starb im Jahr 2000 eines friedlichen Todes. Die «Stille Hilfe» existiert immer noch. Prominentestes Mitglied ist Gudrun Burwitz, die Tochter von Heinrich Himmler, Reichsführer der SS.

Erstellt: 07.08.2015, 11:24 Uhr

Wendy Lower: «Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust». Sachbuch. Hanser Verlag 2014. 384 S., ca. Fr. 37.–

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