«Die Linke verrät ihr Volk»

Für den britischen Historiker Niall Ferguson können wir noch immer viel lernen vom Kalten Krieg. Die heutige Bedrohung sei nicht Russland, sondern der Islam.

«Ich hätte Kissinger beinahe abgesagt»: Niall Ferguson. Foto: Alex Sturrock

«Ich hätte Kissinger beinahe abgesagt»: Niall Ferguson. Foto: Alex Sturrock

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Ihre Kissinger-Biografie ist erschöpfend. 1120 Seiten, und das ist erst Teil 1. War das nötig?
Kissinger war eine der überragenden Figuren des Kalten Krieges. Er war nie selber Präsident der USA, aber handelte fast anstelle des Präsidenten in Richard Nixons letztem Amtsjahr, 1973/74, nach dem lähmenden Watergate-Skandal. Kissinger ist eine Figur von der Wichtigkeit eines Präsidenten. Zudem ist seine Geschichte eine klassisch amerikanische: ein Einwanderer, der durch Arbeit und Intelligenz auf eine Position grosser Macht gelangt. Der den Kurs Amerikas verändert. Und der zur Zielscheibe gehässiger Kritik wird. Diese Geschichte verdient eine ausführliche Behandlung. Gerade weil im Fall Kissinger die Kontroversen andauern.

Die Kontroversen drehen sich um Kissingers Rolle im Vietnamkrieg, in Kambodscha, in Chile. Das alles kommt im Buch aber nicht vor, weil es ja 1968 endet. Macht das Sinn?
Nun, es gibt die Kontroverse um Nixons Wahl 1968. Aber ja, Kambodscha und Chile, das kommt noch.

Mochte Kissinger Ihr Buch?
Seine Gefühle sind gemischt. Letztes Jahr fürchtete ich, er werde sich vollständig von dem Projekt distanzieren. Es enthüllt so viel über sein Leben.

Was hat ihn konkret gestört?
Dass ich seine jugendlichen Beziehungen ausbreite. Es gibt da einen Brief an ein Mädchen, den hätte er lieber nicht im Buch gesehen. Und dann waren wir uns manchmal uneins über die Auslegung historischer Fakten. Ich beschreibe ihn als Falken in der Berlin-Krise 1961, während John F. Kennedy eher deeskalierte, den Mauerbau zuliess. Kissinger fand, ich hätte ihn zu konfrontativ gezeichnet.

Die Passage blieb im Buch. Wie arbeiteten Sie?
Erst haben wir Gespräche geführt und aufgezeichnet. Dann habe ich alle Dokumente gelesen, die ich in die Finger bekommen konnte. Und dann haben Kissinger und ich das Buch Kapitel für Kapitel besprochen, während ich es schrieb.

Kann man da kritisch bleiben?
Er zögerte nicht, mir mitzuteilen, wenn er nicht einverstanden war. Aber wir hatten ausgemacht, dass er keine inhaltliche Kontrolle ausüben konnte.

Sie haben zehn Jahre für dieses Buch ­gebraucht. Hat das Spass gemacht?
Archivarbeit befriedigt mich intellektuell am meisten. Und Biografien sind ein eigenes Genre: Als Biograf muss man ein Individuum so beschreiben, dass man der Komplexität der Wirklichkeit gerecht wird – ohne vor lauter Komplexität unlesbar zu werden.

Man muss die Wahrheit in eine Story ­zwingen?
Das ist die Kunst der Geschichtsschreibung. Man muss ein Narrativ spinnen und doch den Fakten treu bleiben. Allerdings hat Geschichte, anders als Literatur, keine Handlung. Zufälle sind wichtig. Henry Kissinger hatte einfach Pech, als Jude im Deutschland des Jahres 1923 zur Welt zu kommen. Und er hatte Glück, dass er im Sommer 1938 fliehen konnte. Dass er bei der Rückkehr nach Deutschland 1944 mit der US-Armee nicht in der Infanterie bleiben musste, sondern in die Spionageabwehr kam. Und dass ihn nach dem Krieg die Universität Harvard aufnahm. Manche Dinge geschehen.

Andere sind geplant. Wann beschloss Kissinger, in der Politik Karriere zu machen?
Da war kein Plan, sein letzter Biograf Walter Isaacson hat das falsch impliziert. Was Kissinger Ende 1968 zum Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten machte, waren glückliche Umstände.

Weshalb wollte Kissinger Sie zum Biografen?
Ich war nicht der Erste, den er fragte, und auch ich hätte Kissinger fast abgesagt, weil ich wusste, wie schwer die Arbeit werden würde. Ich glaube, dass Kissinger einen britischen Historiker wollte. Für einen Amerikaner ist es sehr schwer, leidenschaftslos über die 60er- und 70er-Jahre zu schreiben. Der Politstreit ist noch zu lebendig. Bernie Sanders hat in einer Debatte mit Hillary Clinton lautstark Henry Kissinger angeprangert. Da merkt man, dass die 70er und Vietnam für manche noch nicht vorüber sind. Für mich, der ich in Oxford ausgebildet wurde, ist Vietnam einfach Geschichte.

Kissinger ist eine Reizfigur. Wieso sollen wir uns gerade jetzt an ihn erinnern?
Weil wir einheitliche Massstäbe für die US-Politik brauchen. Wenn es akzeptabel sein soll, dass Präsident Obama der Regierung Sisi in Ägypten hilft, wieso soll es dann ein Kriegsverbrechen sein, wenn Kissinger Pinochet in Chile unterstützt? Entweder ist beides falsch oder beides in Ordnung. Wenn du in Stücke gerissen wirst, spielt es keine Rolle, ob es Obamas Drohne oder Kissingers B52 war.

Sie nennen Kissinger einen Idealisten. Dabei steht er für Realpolitik, für kühle Interessen.
Wenn man seine frühen Arbeiten liest, sieht man, dass er oft Kritik an der Realpolitik übt. Er geisselt etwa das Appeasement gegenüber Hitler in den 30er-Jahren – wichtig, wenn man bedenkt, was diese Politik für seine Familie bedeutet hat. Und er ist Idealist im Kalten Krieg, beharrt auf der Idee der Freiheit. Die USA müssten in der Dritten Welt auf der Seite der Revolution sein, nicht nur gegen den Kommunismus, sagte er. So spricht ein Idealist.

Der Kalte Krieg ist vorbei, die Zukunft offen.
Und doch gibt es Parallelen. In den 60ern verstrickten sich die USA in Vietnam in einen Krieg, gegen den die Bevölkerung letztlich protestierte. Dann war es schwierig, aus dem Schlamassel wieder her­auszukommen. 2003 intervenierten die USA im Irak, der Bevölkerung war unwohl dabei. Die neue Regierung Obama trat an, die Soldaten heimzubringen. Und wo stehen wir? Obama intensiviert den militärischen Einsatz im Irak und in Syrien. Es ist eine vertraute Situation. Es ist schwer für die USA, zu intervenieren und dann einfach heimzugehen.

Sollte der nächste Präsident Kissinger lesen?
Der nächste US-Präsident, wer immer es sein wird, muss sich zumindest Problemen stellen, mit denen bereits Kissinger und Nixon zu tun hatten. Die USA sind keine Supermacht mehr, sondern nur noch eine von mehreren grossen Mächten. Etwas stärker als der Rest, aber mit eingezogenen Hörnern unterwegs. Wie betreibt man da Aussenpolitik gegenüber einem zunehmend aggressiven China? Wie geht man um mit Russland, wie räumt man den Nahen Osten auf? Und was zur Hölle macht man mit den Europäern, die noch weniger Geld für ihre Verteidigung ausgeben als in den 70ern?

Kissinger wie Sie selber stehen für einen kämpferischen Westen. Nach den Anschlägen von Paris im November verglichen Sie Europa mit dem alten Rom, das die Barbaren hereinlasse und untergehe. Was raten Sie und Kissinger Europa? Eine Mauer bauen?
Henry Kissinger wird 93 Jahre alt, aber er braucht noch keinen Sprecher. Meine persönliche Meinung: Europa hat ein dreifaches Problem. Erstens: Dem Westen fehlte eine Idee für die Zeit nach dem Arabischen Frühling. Wir intervenierten ein bisschen, dann wieder nicht – und haben versagt, die Auflösung von Syrien, Libyen und dem Irak zu verhindern. Daraus resultiert das zweite Problem: Migration, auch wenn nicht alle aus Syrien stammen. Das dritte Problem ist der Feind daheim, die Leute in Europa, die radikalisiert wurden. Viele sind keine Einwanderer, sondern in Europa geboren.

Der Feind daheim? Wir stehen im Krieg?
Wir wissen nicht, wie wir Immigranten aus muslimischen Ländern in unserer Gesellschaft integrieren sollen. Das zeigt die Erfahrung in Frankreich, Grossbritannien, Schweden, den Niederlanden. Bereits eine kleinere Menge von muslimischen Einwanderern konnte seit den 90ern nicht integriert werden, kulturell, wirtschaftlich, politisch. Die Idee, nun werde es gelingen mit einer Gruppe, die zehnmal grösser ist, ist gelinde gesagt optimistisch.

Es gibt keine Alternativen zum Versuch, oder?
Ich kann Ihnen auch keine schnelle Lösung nennen. Doch die Herausforderung ist gewaltig.

Sollten Europa und die USA zusammenrücken?
Der radikale Islam ist eine Bedrohung für beide. Die USA und die EU sollten gemeinsam dagegenhalten. Doch das geschieht nicht: Die Migrationskrise wird den Europäern überlassen, während die Europäer die Frage der Sicherheit an Amerika abgeben.

Konservative Kräfte treiben uns auseinander. In den USA wollen sie Folter wiedereinführen, in Europa zurück zum Nationalstaat. Ist die konservative Idee des Westens in der Krise?
Sicher. Rechte Kräfte glauben, sie könnten zurück zur Nationalpolitik. Sie sollten sich fragen, weshalb Putin ihnen applaudiert. Das ist nie ein gutes Zeichen. Aber auch die Linken sind in der Krise. Sie sind verwirrt, was Freiheit angeht. Sie predigen Toleranz gegenüber muslimischen Extremisten und kooperieren so mit ihnen. Sie verraten ihr Volk, die Frauen, die Homosexuellen. Die Krise herrscht auf beiden Seiten, denn links wie rechts erkennen ihre gemeinsamen Werte nicht mehr.

War das leichter im Kalten Krieg?
Ja. Jeder, der kein Kommunist war, fand die Sowjetunion böse. Man konnte streiten über Rüstungsbudgets, aber die Differenzen zwischen Eisenhower und Kennedy waren nicht so gross. Heute haben wir einen anderen Gegner. Und sind nicht mehr sicher, wo wir stehen. Stellen Sie sich einen Kalten Krieg vor, in dem ein US-Präsident sagt: Der Marxismus-Leninismus ist eine Ideologie des Friedens, nur die Extremisten sind das Problem. Stellen Sie sich einen Kalten Krieg vor, in dem unsere Politiker zulassen, dass von der UdSSR finanzierte Zentren in all unseren Städten gebaut werden, in denen Prediger gegen unsere Werte reden. Das ist unsere Position gegenüber dem politischen Islam.

Nicht aller Islam ist politisch.
Doch. Der Islam ist immer beides, Religion und Ideologie. So ist er designt. Das ist das Problem.

Wollen Sie dem Islam den Status einer Religion absprechen?
Ich sage: Der Islam ist immer beides. Wir wollen ihn als Religion tolerieren, legitimieren ihn so aber als illiberale Ideologie. Für dieses Problem haben wir keine Lösung. Der Islam ist weniger gut bewaffnet als die Sowjetunion, aber als ideologische Gefahr grösser. Solange Leute wie Sie und ich da diskutieren, lassen wir das Feld offen für die Trumps.

Sie haben 2008 John McCain beraten, Obamas Gegner. Wollen Sie wie Kissinger in die Politik?
Ich bin erstens viel weniger talentiert als er. Zweitens bin ich Brite; ich könnte gar nicht. Und drittens, wenn das mein Plan wäre, so wäre es dumm, nun nach Stanford in Kalifornien zu ziehen, weit weg von der Hauptstadt Washington.

Ihr Biograf wird schreiben, dass es keinen Plan gab, nur Zufälle.
Sie können Ihre Leser beruhigen. Ich strebe keinen Posten im Weissen Haus an.

Erstellt: 13.05.2016, 20:44 Uhr

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Niall Ferguson: Kissinger. Der Idealist. 1923-1968. Propyläen, 1120 S., 55.90 Fr.

Niall Ferguson

Henry Kissingers Biograf

Der Schotte Niall Ferguson, geboren 1964, ist Professor an der US-Universität Harvard und einer der bekanntesten Historiker englischer Sprache. Zu seinen Werken zählen «Empire» (2003), «Der Aufstieg des Geldes» (2009) und «Der Westen und der Rest der Welt» (2011). Ferguson tritt ein für ein selbstbewusstes, schlagkräftiges Abendland und löst damit Kontroversen aus, etwa wenn es um die koloniale Vergangenheit Grossbritanniens geht.

Sein aktuelles Buch widmet sich dem umstrittenen Staatsmann Henry Kissinger. Der kam 1923 in Fürth (D)zur Welt, floh 1938 in die USA und machte, nach dem Armeedienst im Zweiten Weltkrieg, eine spektakuläre Karriere in der Politik. 1968 wurde er Nationaler Sicherheitsberater Richard Nixons, später US-Aussenminister. Für Ferguson öffnete Kissinger erstmals sein Privatarchiv. Entstanden ist eine reichhaltige Studie, die in ihrer Detailversessenheit eher Nachschlagewerk als Lesegenuss ist. Die Biografie endet 1968, Band 2 soll folgen.(TA)

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