Zum Hauptinhalt springen

Riesige Maya-Stadt entdeckt – dank Laser-Technologie

Forscher haben im Dschungel von Guatemala eine Riesenstadt ausgespürt. Die Geschichte Amerikas muss neu geschrieben werden.

Die berühmte antike Stadt Tikal im Norden von Guatemala ist möglicherweise nur Teil einer riesigen Maya-Megalopolis. Foto: Kitti Boonnitrod (Getty Images)
Die berühmte antike Stadt Tikal im Norden von Guatemala ist möglicherweise nur Teil einer riesigen Maya-Megalopolis. Foto: Kitti Boonnitrod (Getty Images)

«Sensationsfund im Dschungel von Guatemala»: So und ähnlich wird zurzeit über einen Artikel im «National Geographic» berichtet. Ein internationales Forscherteam hat in Guatemala rund 60'000 zuvor unbekannte Maya-Ruinen entdeckt – die Spuren einer Megalopolis unter dem Blätterdach des Regenwaldes. Die Archäologen verwendeten nach eigenen Angaben «eine völlig neue Lasertechnologie» namens Lidar, mit der sich der Erdboden vom Helikopter aus abtasten lasse.

Video – Maya-Ruinen wiederentdeckt («National Geographic»)

So entstanden eindrucksvolle, dreidimensionale Bilder der im zehnten Jahrhundert mysteriös untergegangenen Maya-Hochkultur. Einer der beteiligten Forscher, Stephen Houston von der Brown University in Rhode Island, spricht von einem «Quantensprung der Maya-Forschung». Die Entdeckung, bei der Houston angeblich Freudentränen vergoss, deute darauf hin, dass Mitte des ersten Jahrtausends n. Chr. 15 bis 20 Millionen Menschen in der Region lebten – viermal so viele wie bisher vermutet.

Der spanische Dominikanermönch und Eroberer Bartolomé de Las Casas ist der Urheber des Bildes vom edlen Wilden, ein Klischee, das die wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Abhandlungen über das vorkolumbianische Amerika ein halbes Jahrtausend lang geprägt hat – wie auch Abenteuerromane, Hollywoodfilme und Schulbücher. Demnach traf Kolumbus 1492 auf einen weitgehend unberührten Kontinent, auf dem hier und dort kleine Stämme siedelten.

Die Geschichte des vorkolumbianischen Amerikas muss komplett neu geschrieben werden.

In den Prärien Nordamerikas jagten ökologisch vorbildliche Indianer ihren Büffeln hinterher, und weiter südlich war abseits der Inka- und Aztekenreiche vor allem menschenfeindlicher Dschungel. Zahlreiche neuere Forschungsarbeiten, die der US-Autor Charles C. Mann in seinem im Jahr 2005 veröffentlichten Buch «1491» zusammengetragen hat, belegen, dass man all das getrost vergessen kann.

Erstaunlicherweise reagierte Charles C. Mann deutlich gelassener auf die Nachricht des Sensationsfundes. «Archäologen sagen seit geraumer Zeit, dass das Maya-Tiefland damals das am dichtesten besiedelte Gebiet der Erde gewesen sein könnte», teilte er mit. Der Bericht von «National Geographic» stütze diese These. Auch der Archäologe und Maya-Experte Nikolai Grube von der Uni Bonn hält den Begriff vom «Sensationsfund» für übertrieben: «Da haben die Kollegen den Mund vielleicht ein bisschen zu voll genommen.»

Tatsächlich ist die Behauptung, Houston und seine Mitstreiter hätten erstmals Erkenntnisse über die erstaunliche Bevölkerungszahl der Maya geliefert, schlichtweg falsch. Auch ist Lidar keine völlig neue Technik. Seit 2009 wird damit im Maya-Tiefland, das sich über die heutigen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras erstreckt, gearbeitet. Erste Erkenntnisse über die hohe Siedlungsdichte wurden von Arlen und Diane Chase von der University of Las Vegas 2011 publiziert.

Klicken zum Vergrössern.

Ihre Untersuchungen führten sie in Belize durch. Auch in Mexiko und Honduras wird die Maya-Kultur seit einigen Jahren mit Lidar-Scannern erforscht. Das alles macht den Bericht von «National Geographic» nicht weniger relevant. Er ist – und das ist spektakulär genug – ein weiteres Puzzlestück, das bestens zu der These passt, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten allmählich zum wissenschaftlichen Konsens gemausert hat: Die Geschichte des vorkolumbianischen Amerikas muss komplett neu geschrieben werden.

Blütezeit der Maya-Kultur

Auch deshalb, weil sie nie wirklich existierte. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war diese Historie im Grunde eine einzige Forschungslücke. Aber gerade das mache die Alt-Amerikanistik so faszinierend, findet Grube. «In der Geschichte Europas sind die wichtigsten Pflöcke längst eingeschlagen, in Amerika betreiben wir noch Grundlagenforschung.» Einig sind sich die meisten zeitgenössischen Grundlagenforscher darüber, dass der amerikanische Kontinent vor 1492 unermesslich geschäftiger, dichter besiedelt und weiter entwickelt war, als 500 Jahre lang behauptet und gerne geglaubt wurde.

Grube und sein Kollege Simon Martin publizierten im Jahr 2000 ein Standardwerk zur Blütezeit der Maya-Kultur zwischen dem vierten und achten Jahrhundert. Darin beschreiben sie eine Welt aus Stadtstaaten, deren politische Landschaft und religiöse Mythen sich in vieler Hinsicht mit dem antiken Griechenland vergleichen lassen. Die Maya hatten eine voll entwickelte Schrift, einen komplexen Kalender, sie rechneten mit der Null, betrieben intensive Landwirtschaft und führten untereinander Kriege wie Athen gegen Sparta. Die von Houston angegebene Gesamtbevölkerungszahl des Maya-Tieflandes von 15 bis 20 Millionen Menschen hält Grube für gewagt. Noch sei es zu früh, eine seriöse Schätzung abzugeben, aber er teilt mit Charles C. Mann die Ansicht, dass es sich um das am dichtesten besiedelte Gebiet der damaligen Zeit gehandelt haben könnte. Es ist so gesehen geradezu bizarr, von einer Alten Welt und einer Neuen Welt zu sprechen.

Visualisierung der Mega-Stadt Tikal mit Lidar. Foto: AP, Keystone
Visualisierung der Mega-Stadt Tikal mit Lidar. Foto: AP, Keystone

Dass es im präkolumbianischen Amerika riesige Metropolen gab wie Teotihuacán im mexikanischen Hochland (150'000 bis 200'000 Einwohner), steht ausser Frage. Die neueren Schätzungen zur ursprünglichen Bevölkerungsdichte des Kontinents beziehen sich aber nicht nur auf die bekannten Hochkulturen der Maya, der Inka und der Azteken. Auch nördlich des Rio Grande und im südamerikanischen Tiefland des Amazonas lebten wohl weit mehr Menschen als lange angenommen, und zwar keineswegs nur als Jäger und Sammler, also als edle Wilde. «Ein Grossteil von ihnen betrieb Landwirtschaft und siedelte in komplexen Strukturen», sagt Grube.

Am Mississippi, unweit des heutigen St. Louis, blühte zwischen 950 und 1250 n. Chr. die Stadt Cahokia auf, höchstwahrscheinlich durch eine Intensivierung des Maisanbaus. Sie soll mindestens 15'000 Einwohner gehabt haben, vergleichbar mit dem damaligen London. Auf die US-amerikanischen Archäologen Clark Erickson und William Balée geht die These zurück, dass im Department Beni in Zentralbolivien fast 78'000 Quadratkilometer Schwemmgebiet von Waldinseln und kleinen Hügeln (Mounds) durchzogen war, verbunden durch Dammwege. Diese Kulturlandschaft sei vor möglicherweise 2000 Jahren von Menschen angelegt worden – es müssen viele gewesen sein.

Auch die brasilianische Amazonasregion war vor Kolumbus vermutlich dichter besiedelt als heute. Der grösste Regenwald der Welt ist noch immer weitgehend unerforscht, aber es wächst die Zahl der Anthropologen und Archäologen, die behaupten, dass er zu erheblichen Teilen auf Schwarzerde gewachsen sei, die von indianischen Kulturen stamme. Es gibt Theorien, wonach die Hälfte des Gebietes aus Sekundärwald besteht und der Dschungel eine alte Kulturlandschaft überwucherte. «Ein geschlossenes Urwaldgebiet hat es nie gegeben», sagt Grube.

Verheerende Pocken

Zu den grossen offenen Fragen gehört, wie es den Eroberern Hernán Cortés und Francisco Pizarro gelingen konnte, mit ein paar Hundert ausgemergelten Seefahrern einen von Abermillionen bevölkerten Kontinent in die Knie zu zwingen. Es waren skrupellose Mörder mit überlegenen Waffen, klar. Aber sie hatten wohl unfreiwillig auch einen unschlagbaren Verbündeten mitgebracht: die Pocken. Nach neueren Schätzungen könnten 60 bis 70 Prozent der indianischen Urbevölkerung binnen weniger Jahre nach dem Eintreffen der Spanier von Pockenwellen hinweggerafft worden sein. Aber auch das ist noch nicht zweifelsfrei bewiesen.

Aus Sicht von Grube und Mann gehört es zu den Spätfolgen des europäischen Kolonialismus, dass eine ernst zu nehmende Alt-Amerikanistik gerade erst in Gang kommt. Solange man in der eurozentrischen Welt nicht so genau wusste, was sich in der westlichen Hemisphäre vor 1492 abspielte, wirkte das Verbrechen der Eroberer vielleicht nicht ganz so monströs.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch