Die ordnungsliebende Altertumsforscherin

Susanne Bickel entdeckte durch Zufall im Tal der Könige ein ungeöffnetes Grab. Viel mehr Arbeit erforderte aber eine zerstörte Familiengruft.

«Wir arbeiten nicht für Entdeckungen»: Susanne Bickel in ihrem Büro in Basel. Foto: Christian Flierl (13 Photo)

«Wir arbeiten nicht für Entdeckungen»: Susanne Bickel in ihrem Büro in Basel. Foto: Christian Flierl (13 Photo)

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Das grosszügige Büro von Susanne Bickel an der Universität Basel im Gebäude der Altertumswissenschaften ist geschmackvoll mit schwarzen und grauen Möbeln eingerichtet – und auffallend ordentlich und übersichtlich. Die für viele Forscher so typischen chaotischen Papierstapel auf sämtlichen Ablageflächen fehlen.

Der Gegensatz zu ihrem eigentlichen Arbeitsort könnte grösser nicht sein. Bickel – gepflegte Erscheinung, kurze graue Haare, Bluse, Stoffhose – forscht einbis zweimal pro Jahr für mehrere Wochen im Tal der Könige, in Theben. Sie interessiert sich für Gräber, die bisher kaum im Fokus der Öffentlichkeit standen, weil diese anders als die letzten Ruhestätten der Pharaonen weder bemalt noch reichhaltig ausgestattet waren.

Dass es aber auch dort, im südlichen Teil des kargen Wüstentals, noch Aufregendes zu entdecken gibt, beweist Bickel mit ihrem Team seit einigen Jahren. Dabei hat sie der erste Blick in ein zwar bekanntes, aber schlecht erforschtes Grab «erschreckt», wie es Bickel stark untertrieben ausdrückt. Das KV 40 – die Gräber im Tal der Könige (Kings Valley) werden durchnummeriert – bot einen schockierenden Anblick. Dort gab es keine offensichtlichen «wundervollen Dinge», wie sie Howard Carter gesehen hatte, als er 1922 das über und über mit Goldschätzen gefüllte Grab von Tutanchamun (KV 62) fand.

Zerstörte Mumien, zerschlagene Krüge

Im Schachtgrab KV 40 hatten Grabräuber ein unermessliches Chaos hinterlassen. Sie hatten über 3000 Jahre alte Sarkophage geplündert, Mumien zerstört, Gefässe zerschlagen und zum Schluss offenbar ihre brennenden Fackeln hineingeworfen. «Das war für uns eine spannende Herausforderung», sagt Bickel über die Herkulesaufgabe, die Funde auszugraben, zu restaurieren und zu dokumentieren. Das Projekt wird sie mit ihren Mitarbeitern im nächsten Jahr abschliessen und in Veröffentlichungen festhalten, dass sich die immense Arbeit gelohnt hat. «Wir wissen, dass es eine Familiengruft war», sagt Bickel. Mehr als 80 Mumien konnten die Wissenschaftler unterscheiden und einige sogar mit Namen zuordnen.

Bickel ist seit ihrer Jugend von Hieroglyphen fasziniert, seit sie als 17-Jährige ein halbes Jahr mit ihren Eltern in London lebte und dort die altägyptische Sammlung im British Museum besuchte. «Es ist mir leichtgefallen, die alte Sprache zu lernen», sagt die Professorin. Heute macht es ihr Spass, ihren Studenten die Schriftzeichen, Vokabeln und die Grammatik beizubringen.

Als Bickel an einem Abend zu Hause in Basel die Bilder von Tonscherben aus dem Grab KV 40 betrachtete – die originalen Fundstücke dürfen die Forscher nicht ausserhalb Ägyptens bringen –, entzifferte sie eine Beschriftung. «Da standen der Name und der Titel einer Verstorbenen», erinnert sich Bickel. Die Überraschung war, dass einige der Mumien Prinzessinnen und Prinzen waren – und zwar Angehörige von Amenophis III., dem Grossvater von Tutanchamun. Das zeigten mehrere Tintenaufschriften von den inzwischen zum Teil wieder zusammengesetzten Krügen. Für diese Leistungen bewundert Bickel die «unglaubliche Geduld» ihrer ägyptischen Restauratoren. Die Ägyptologin leitete das erste Mal im Jahr 2008 die Schweizer Grabungen. Sie macht das gerne, aber leicht ist die Arbeit nicht mit Tagen, an denen sie bis zu 16 Stunden auf den Beinen ist. In Theben ist sie verantwortlich für bis zu 20 Mitarbeiter aus Basel und weitere 20 bis 30 Einheimische.

Elf Jahre in Kairo gearbeitet

Im Laufe der Zeit haben sich Freundschaften entwickelt. «Wir mieten immer im gleichen Dorf zwei Häuser, und viele der ägyptischen Kollegen arbeiten seit Jahren mit uns.» So habe sich auch nach dem Arabischen Frühling 2011 wenig verändert. «Die Leute sind ja dieselben», sagt Bickel. Lediglich die Administration sei schwierig. Doch auch da hat sie einige Erfahrung. Schliesslich hat sie nach ihrem Studium in Genf elf Jahre lang als Ägyptologin in Kairo gearbeitet, wo auch ihre beiden Kinder geboren wurden.

Heute ist die 57-Jährige weltberühmt, und zwar nicht nur dank ihrer akribischen Arbeit am Grab KV 40, sondern vielmehr durch einen spektakulären Zufall: Ihr Team entdeckte 2011 das erste ungeöffnete Mumiengrab seit Howard Carter. «Als wir die Grabungsstelle bei KV 40 sichern wollten, stiessen wir knapp zwei Meter vom Eingang entfernt auf Mauerreste.» Das war der Zugang zum Grab KV 64, in dem zwei Frauen aus verschiedenen Epochen ihre letzte Ruhe gefunden hatten. In einem schwarzen Sarkophag aus Holz befand sich die gut erhaltene Mumie einer Sängerin.

Nehemesbastet hiess die Frau, die Tochter eines hohen Priesters. Ihr prächtiges, farbiges Abbild fand sich auf einer Holzstele neben ihrem Sarg. Das Bild hängt als Poster – etwas verblichen – an der Wand in Bickels Büro. «Schauen Sie mal das Jäckchen an, das sie trägt», begeistert sich die Ägyptologin für die kunstvolle Zeichnung aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. Die zweite Mumie des Grabes war schwer beschädigt und stammt vermutlich aus der 18. Dynastie.

Zu Kopf gestiegen ist Bickel die Sensation nicht: «Wir arbeiten nicht für Entdeckungen. Wir sind forschungsorientiert.» Sie hält wenig von einem geplanten Projekt der ägyptischen Behörden, das Tal systematisch mit Radar zu vermessen, um weitere Gräber zu finden. Das sei wie «Rosinenpicken».

Kammern im Grab von Tutanchamun

Die These um vermutete weitere Kammern im Grab von Tutanchamun, die vor zwei Jahren der britische Forscher Nicholas Reeves aufstellte, kann Bickel jedoch nachvollziehen. Die Linien, die Reeves in den hochaufgelösten Computerscans sah, an denen auch die Basler neben einer spanischen Firma beteiligt waren, hält Bickel für schlüssig. Sie ist jedoch froh, dass sich die Aufregung inzwischen gelegt hat. «Die Taktik der Antikenbehörde, abzuwarten, ist gut.» Es wäre technisch und politisch sehr heikel, das Projekt anzugehen, man müsste dafür unschätzbar wertvolle Wandmalereien zum Teil zerstören.

Bickel und ihrem Team geht auch nach den abgeschlossenen Ausgrabungen in den Gräbern KV 40 und 64 die Arbeit nicht aus. Ein weiteres bereits seit dem 19. Jahrhundert bekanntes, aber nie gründlich erforschtes Grab ist das nächste Projekt: KV 29. Ein erster Blick mit einer Spezialkamera durch einen Spalt ins Innere zeigte einmal mehr eine grosse Unordnung. «Das Grab ist fast bis zur Decke hoch mit Schwemmgut ausgefüllt», sagt Bickel. «Es wird sehr viel Arbeit werden, das abzutragen.» Erst in den unteren 20 Zentimetern erwartet sie «anorganisches Material, das eventuell Informationen enthalten könnte».

Und für diejenigen, für die das nicht spannend genug klingt, betont Bickel – unaufgeregt und sachlich: «Generell ist es nicht unmöglich, ein weiteres unversehrtes Grab im Tal der Könige zu finden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2017, 12:00 Uhr

Die Sängerin Nehemesbastet. Foto: UBKVP, M. Kacicnik

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