«Die Swissair kam viel leichter an die Flugrechte als die Konkurrenz»

Laut dem Historiker Benedikt Meyer profitierte die Fluggesellschaft vom politischen Sonderstatus der Schweiz.

«Das Swissair-Grounding schmerzt immer noch viele Schweizer»: Benedikt Meyer. Foto: David Birri

«Das Swissair-Grounding schmerzt immer noch viele Schweizer»: Benedikt Meyer. Foto: David Birri

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Sie blicken in Ihrem Buch auf fast ein Jahrhundert Fluggeschichte zurück. Was können die heutigen Airline-Chefs aus der Vergangenheit lernen?
Die Liberalisierung in den 90er-Jahren macht den Vergleich zwischen heute und gestern kaum möglich. Deshalb ist auch die Kritik, dass die Swiss der Swissair punkto Service und Qualität nicht das Wasser reichen kann, ungerecht.

Weshalb?
Die Voraussetzungen sind zu unterschiedlich. Fliegen ist heute anders als damals ein Massengeschäft. Eine grosse Rolle spielt zudem das Preisbewusstsein der Konsumenten. Schaut man sich die Werbung aus den 50er- bis 70er-Jahren an, wird das sofort klar. Die Werber zeigten damals die schönen Flugzeuge, das Reiseerlebnis und die exotischen Destinationen, die plötzlich erreichbar waren – nirgends stand ein Preis. Ironischerweise war er damals um ein Vielfaches höher als heute. Ganz anders die aktuellen Werbeaktionen der Billigairlines wie Easyjet. Deren Hauptverkaufsargument sind die Preise. Der Konsument begnügt sich mit einer Badelatsche und dem Betrag auf der Anzeige.

Trotzdem gibt es Fluggesellschaften, die zum Beispiel in Langstreckenjets kleine Wohnungen inklusive Butler anbieten. Besinnt sich die Branche wieder auf das Reiseerlebnis der vergangenen Tage?
Nein, das glaube ich nicht. Aber das Publikum ist viel heterogener. Es reicht vom Fluggast, bei dem Geld keine Rolle spielt, bis hin zum Passagier, der ein Leben lang für eine Flugreise nach Amerika sparen muss und der für seine Reise vier Zwischenstopps in Kauf nimmt.

Einschneidend bei der Entwicklung der Airlines, wie wir sie heute kennen, war also die Liberalisierung in den 1990er-Jahren?
Ja. Die Amerikaner nahmen bezüglich der Öffnung der Aviatikbranche eine Vorreiterrolle ein – kleine Gesellschaften taten sich zu grösseren zusammen. Ein bekanntes Beispiel, das diesem Prozess zum Opfer fiel, ist die Pan Am. Sie musste 1991 ihren Betrieb einstellen. In den 90er-Jahren erwarteten die Analytiker, dass ganz nach dem westlichen Vorbild auch in Europa die vielen kleinen Fluggesellschaften zu wenigen grossen Airlines fusionieren würden. Das traf nicht ein.

Weshalb nicht?
Offenbar war der Europagedanke nicht stark genug, und auch heute ist die Europäische Union noch nicht so weit. Die Länder bedienen sich zwar derselben Währung, trotzdem sind sie von nationalstaatlichem Denken geprägt. In Paris bezahlen die Leute heute zwar mit demselben Geld wie in Helsinki oder Athen, aber im Kopf und vor allem im Bauch sind sie immer noch in erster Linie Franzosen. Stellen Sie sich vor, man liesse die Marke Air France zugunsten einer europäischen Fluggesellschaft sterben.

Eine Airline ist also auch heute noch ein Symbol von Nationalstolz?
Auf jeden Fall! Auch wenn dieses Phänomen nicht mehr ganz so ausgeprägt ist. Ich habe festgestellt, dass das Grounding der Swissair noch immer viele Schweizer schmerzt.

Woher kommt diese Identifikation mit einer Fluggesellschaft?
Ich bringe bei dieser Frage gerne den amerikanischen Musiker Frank Zappa ins Spiel. Er sagte, ein richtiges Land brauche ein eigenes Bier und eine Airline. In ihren Anfängen war die Fliegerei nicht rentabel zu betreiben. Die Gesellschaften waren also auf das Geld der Staaten angewiesen. Diese leisteten den finanziellen Zustupf aber nicht ohne Hintergedanken. Es ging einerseits um das Statussymbol, aber beispielsweise auch darum, die eigenen Kolonien auf dem Luftweg erreichen zu können.

Wie aber passt das zur Schweiz?
Bis 1946 war die Swissair ein privates Unternehmen, das vom Bund Subventionen erhielt, später gehörten ihm 30 Prozent. Sie war sozusagen ein staatliches Projekt, das dann vom Image der Schweiz auch profitierte.

Wie?
Die Schweizer Fluggesellschaft war in ihrer Blüte fast halb so gross wie ihr deutsches Pendant, zehnmal grösser als Austrian Airlines. Das hing auch mit der Rolle der Schweiz während des Kalten Krieges zusammen: Die Swissair genoss durch die Neutralität, aber auch durch die Tatsache, dass die Schweiz keine Länder unterworfen hatte, international einen Sonderstatus. Die Airline kam so viel leichter an Flugrechte heran als ihre Konkurrenz. Sie konnte etwa den afrikanischen Markt erschliessen, als die Entkolonialisierung stattfand. Die betroffenen Länder vermieden es tunlichst, mit den Franzosen oder den Engländern Geschäfte abzuschliessen, da kamen ihnen die Schweizer gelegen. Die Swissair flog auch Südafrika während der Apartheid an, derweil andere Länder das UNO-Embargo einhielten.

Die Swissair profitierte also durch die Verbindung mit der Schweiz?
Absolut. Die Airline profitierte aber im Vergleich mit ihren Mitbewerbern auch von einer kleineren Abhängigkeit von den Regierungsregulatoren. Sie musste zwar mit weniger finanziellen Mitteln aus der Staatskasse auskommen als etwa die Air France. Dafür war sie selbstbestimmter – etwa als es in den frühen 30er-Jahren darum ging, ein neues Flugzeug zu beschaffen. Sie war mit der berühmten roten Lockheed Orion damals plötzlich die schnellste Airline Europas. Die Konkurrenz musste zuschauen und auf Geheiss des Staates ihre Bestellung bei den hauseigenen Herstellern platzieren – die mit der amerikanischen Konstruktion nicht mithalten konnten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2015, 19:27 Uhr

Benedikt Meyer

Der 33-Jährige hat an der Universität Bern zur Geschichte der Luftfahrt dissertiert. Er ist freier Historiker und Autor und schreibt derzeit an einem historischen Roman.

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