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Ein Volkskundler, der den Streit nicht scheut

Die Sesshaftigkeit sei nicht so tief in uns verwurzelt, wie viele meinen, sagt Walter Leimgruber. In früheren Zeiten reisten gar die Herrschenden mit ihrem Hofstaat ständig umher.

Walter Leimgruber: «Wir müssen bereit sein, einige alte Zöpfe abzuschneiden.» Foto: Doris Fanconi

Walter Leimgruber: «Wir müssen bereit sein, einige alte Zöpfe abzuschneiden.» Foto: Doris Fanconi

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Hoch über dem Rhein im ältesten Gebäude der Universität Basel liegt Walter Leimgrubers Büro. Aus dem Fenster rechts geht der Blick auf die Basler Altstadt und den Rhein, geradeaus sieht Leimgruber den Fluss, wie er von der Schweiz aus in Richtung Welt zieht. Der Blick passt gut zum Professor und seiner Arbeit: Weltoffen und doch in der Schweiz verwurzelt ist er. Im Moment schaut der Vielbeschäftigte allerdings nicht aus dem Fenster, sondern auf die Unterlagen, die vor ihm liegen.

Leimgruber (56) leitet das Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie an der Universität Basel. Eines seiner Hauptforschungs­gebiete ist die Migration, momentan ein heiss diskutiertes Thema. Nicht jeder Wissenschaftler schätzt dies, Leimgruber allerdings schon: «Die Kulturwissenschaft ergibt nur Sinn, wenn sie auf brennende Fragen der Gesellschaft reagiert», sagt er, und das Engagement in seiner Stimme wirkt nicht gespielt.

Im Elfenbeinturm zu sitzen, hat den Aargauer, der in Zürich lebt und in Basel arbeitet, nie interessiert. «Ja klar, der Blick, den man aus einem Professorenbüro hat, ist schön», sagt er und lacht, aber seine Forschungen hat er schon immer nahe an der Praxis, am Alltag, an der Politik angesiedelt. Beinahe so oft, wie er vor Studierenden spricht, redet er auch vor einem breiten Publikum.

«Ich liebe die Auseinandersetzung mit Menschen, die einen anderen Hintergrund haben», sagt der Volkskundler, der gleichzeitig Historiker, Ethnologe und Geograf ist. Und man kann sich gut vorstellen, wie Leimgruber mit seiner umgänglichen Art mit jedem schnell ins Gespräch kommt. Auch Auseinandersetzungen scheut er nicht. Mit Kritik könne er gut umgehen, nur unsachliche Beleidigungen träfen ihn manchmal. «In der Schweiz sind die Menschen immer respektvoll miteinander umgegangen. Wir sollten das nicht aufs Spiel setzen», sagt er zu dem rauer werdenden Ton.

Der Blick aus der Schweiz in die Welt und wieder zurück zieht sich als Thema durch Leimgrubers Karriere. Für andere Kulturen interessierte er sich schon immer sehr. Als Historiker forschte er zur Kolonialgeschichte und der Entwicklungszusammenarbeit. Mit der Volkskunde kam dann vermehrt der Blick ins Innere und die Erkenntnis, dass man nicht allzu weit reisen muss, um auf faszinierende kulturelle Gegensätze zu stossen.

Das Heimatland verlassen

Leimgruber sitzt in vielen Gremien und leitet unter anderem die Eidgenössische Migrationskommission. «Migration», sagt er, «hat mich auch in ­meiner eigenen Biografie ein Leben lang beschäftigt.» Er war noch ein Kind, als sein älterer Bruder nach Neuseeland auswanderte und der 10-jährige Walter eine Vorstellung davon bekam, was es heisst, wenn jemand ans andere Ende der Welt zieht. Die Familie seiner Frau – sie ist ebenfalls Professorin und Osteuropa-Expertin – kommt aus Mazedonien. Auch als Forschungsthema kam ­Mobilität in Leimgrubers Karriere immer wieder vor. So arbeitete er in der Kommission mit, die im Auftrag des Bundesrats die Geschichte der Aktion «Kinder der Landstrasse» untersuchte. Heute erforscht er die Motive von Schweizern, die ihr Heimatland verlassen.

«Die Sesshaftigkeit ist nicht so tief in uns verwurzelt, wie viele meinen», sagt er. Erst die bürgerliche Gesellschaft stilisierte sie zum Ideal eines vorbildlichen Lebens. In früheren Zeiten reisten sogar die Herrschenden mit ihrem Hofstaat ständig umher. Und auch zwischen der Schweiz und den benachbarten Ländern habe bis zum Ersten Weltkrieg Personenfreizügigkeit geherrscht, über die sich kaum jemand den Kopf zerbrochen habe.

«Ja, die Mobilität fand damals in kleinerem Rahmen statt», sagt Leimgruber. Doch dass sich heute viele Menschen vor zu viel Migration fürchten, sieht der Kulturwissenschaftler eher als Symptom eines anderen Problems. Die globalisierte, digitalisierte Welt verändere unser Leben stark, und nicht jeder werde mit diesen Umwälzungen gleich gut fertig. «Die Menschen haben Angst», sagt Leimgruber, und diese Angst könne er gut verstehen, «aber die Kunst wäre es, diese Angst nicht in eine Abwehr gegen alles Fremde zu übersetzen, sondern einen konstruktiven Umgang mit ihr zu finden.» Ein «Wir-gegen-die-anderen-Denken» habe in der Geschichte häufig zu Katastrophen geführt.

Dass die Angst gerade in der reichen Schweiz besonders gross ist, überrascht ihn hingegen nicht. «Wir haben viel zu verlieren», sagt der Kulturwissenschaftler. «Anders als die meisten europäischen Länder leben wir seit 150 Jahren in einer sehr stabilen Welt.» Wandel werde daher immer schwerer vorstellbar und als Bedrohung wahrgenommen. Die grosse Frage sei, ob erfolgreiche Gesellschaften sich einem tiefgreifenden Wandel wie der Globalisierung anpassen könnten, oder ob sie dem Niedergang geweiht seien. Ein Blick in die Geschichte stimme nicht all zu optimistisch, die Hoffnung hat Leimgruber trotzdem nicht aufgegeben. «Denn eigentlich», sagt er, «wären wir gut aufgestellt für die Zukunft.» Aber wir müssten bereit sein, einige alte Zöpfe abzuschneiden.

Unbegreiflich ist für ihn beispielsweise, wie wenig die Schweiz das Potenzial vieler gut ausgebildeter Frauen nütze. «Kaum ein westliches Land setzt bei der Kinderbetreuung noch so stark auf das traditionelle Modell.» Leimgruber und seine Frau teilten sich die Betreuung der inzwischen erwachsenen Kinder und konnten dank einer Hausgemeinschaft mit gemeinsam organisierter Kinderbetreuung beide ihre Karriere vorantreiben.

Auch der Föderalismus sei zwar eine wichtige schweizerische Qualität, doch in gewissen Bereichen wie etwa der Bildung eher hinderlich. «Wir zerbrechen uns jahrelang den Kopf darüber, welche erste Fremdsprache die Kinder lernen sollen, dabei wäre es viel wichtiger, das Schulsystem zu harmonisieren, um die Mobilität zu erleichtern.» Auch mit der Frage, was Integration bedeutet, beschäftigt sich der Volkskundler häufig. «Integration sollte ein gegenseitiger Prozess sein.» So könnten beide Seiten voneinander lernen. «Wir können den Neuankömmlingen unsere Kultur zeigen und auch die Grenzen dessen, was bei uns erlaubt ist.»

Die Zeit vergeht schnell im Gespräch mit Leimgruber, es dämmert bereits über dem Rhein. «Ich würde der Schweiz mehr Selbstbewusstsein wünschen», sagt der Professor noch, wenn er an die aktuelle Debatte um die Durchsetzungsinitiative denkt. Und dieses Selbstbewusstsein habe nichts mit Einigelung zu tun, sondern damit, sich an die Prinzipien der Aufklärung zu erinnern, auf denen unser Staat aufbaut. «Wir müssen uns an diese Wurzeln erinnern.» Denn die Wurzeln der heutigen Schweiz liegen im Zeitalter der Aufklärung, die die Prinzipien der Freiheit, der Gleichheit, der Demokratie und Gewaltenteilung in Westeuropa verankerte. «Geben wir diese Prinzipien auf, bedroht uns das im Kern unserer Existenz viel mehr, als es Menschen aus anderen Kulturen tun, die in unserem Land eine neue Heimat finden.»

Erstellt: 29.01.2016, 20:47 Uhr

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