«Trolle sind die anderen»

Sie verkörpern die dunkle Seite des Menschen: Trolle. Weshalb wir sie erfunden haben, erklärt Mittelalterexperte Rudolf Simek im Interview.

Trolle tauchen auch in der heutigen Kunst regelmässig auf: Szene aus dem norwegischen Film «Trollhunter» von 2010. Foto: Alamy

Trolle tauchen auch in der heutigen Kunst regelmässig auf: Szene aus dem norwegischen Film «Trollhunter» von 2010. Foto: Alamy

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Man kennt Trolle als hässliche, muskelbepackte Monster und als fiese Kommentatoren in Internetforen. Eigentlich aber stammen sie aus dem mittelalterlichen Island, wo sie in alten Geschichten ihr Unwesen treiben. Der Bonner Mittelalterforscher Rudolf Simek hat ein Buch über Trolle geschrieben.

Heutige Internet-Trolle erinnern Sie an die Trolle des Mittelalters. Wo sehen Sie die Verbindung?
Sie sind boshaft, und es ist gleichzeitig praktisch unmöglich, ihrer habhaft zu werden und sie zur Verantwortung zu ziehen. Das knüpft direkt an die mittelalterliche Tradition an. Einen Troll zu erwischen, war schon immer schwierig. Das können nur wahre Helden.

Die Trolle von heute provozieren und verhöhnen andere.
Das verbindet sie mit ihren Vorfahren in den isländischen Sagas. Auch dort sind Trolle unsympathische, oft lebensgefährliche Wesen, die den Menschen Schaden zufügen und gegen die man sich kaum wehren kann. Ich finde die Bezeichnung Internet-Troll sehr passend: Es sind damals wie heute böse Figuren, die aus dem Hinterhalt agieren.

Wann tauchen Trolle erstmals auf?
Die ersten Hinweise habe ich in etwa 1000 Jahre alten isländischen Gedichten gefunden, den Skalden. Die Dichter beschreiben die Trolle nicht, sie erwähnen nur, wie gefährlich sie seien. Da steht etwa, dass Thors Hammer so gefährlich sei wie das Maul eines Trolls. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts tauchen erste Beschreibungen auf. Etwa über Trollfrauen: vorstehende Zähne, herunterhängende Lippen, schwarze Wangen und ein Schleimtropfen, der aus der Nase hängt.

«Das schreckliche Äussere und das ungehobelte Verhalten stellen eine Gegenwelt dar.»

Klingt nicht wie ein Schönheitsideal.
Das ist die Verkehrung eines Schönheitsideals. Diese abstossenden Frauen musste der Held küssen, um die verzauberte Prinzessin in ihnen zu erlösen. Trollmänner sind Trunkenbolde, sie streiten sich ständig und bringen sich gegenseitig um.

Warum erfinden Menschen solch hässliche Figuren?
Das schreckliche Äussere und das ungehobelte Verhalten stellen eine Gegenwelt dar. Man will den Menschen das Gegenteil von dem zeigen, wie sie aussehen wollen und sein sollen. Das hat einen pädagogischen Zug. Trolle sind die anderen, ein Bild dafür, wie man sich nicht benimmt. Trollgeschichten hat man vermutlich den Kindern vorgelesen, um zu sagen: So geht es bei den Trollen zu, aber bei uns bitte nicht!

Manche Trollgeschichten lesen sich wie Satire, so als ob jemand dem Volk den Spiegel vorhalten wollte.
Genau! Trollgeschichten haben in den Sagas immer einen stark ironischen, humorvollen Zug. Über Trolle, die sich danebenbenehmen, kann man sich auch lustig machen. Mittelalterliche Literatur quer durch ganz Europa hat immer zwei Grundlagen: Sie muss unterhalten, aber auch einen tieferen Sinn vermitteln. In jeder noch so lustigen Trollgeschichte steckt eine Moral oder eine wichtige Botschaft.


Bilder: Mittelalterfest in Thun


Wie erforscht man Trolle?
Wir übersetzen derzeit alle Vorzeitsagas und versuchen zu klären, warum Priester aus Island in reinen Fantasygeschichten plötzlich Nachkommen von Personen erwähnen, die sich tatsächlich in Island niedergelassen haben. Warum erzählen sie haarsträubende Fantasystorys, die im 8. Jahrhundert unter Wikingern, Trollen und Berserkern spielen, die sich gleichzeitig aber mit dem Ur-Ur-Uropa beschäftigen?

Und?
Es fällt auf, dass etliche Helden mit Trollfrauen gezeugt wurden. Wir haben die Hypothese, dass diese Trollfrauen eigentlich für Sami-Frauen stehen, also für die norwegischen Ureinwohnerinnen. Die Helden sind demzufolge nicht die typischen blauäugigen und blonden nordischen Hünen, sondern bisweilen kleiner, gedrungener und schwarzhaarig.

Hatten die Autoren der Sagas schon ein genetisches Verständnis?
Vielleicht nicht in einem wissenschaftlichen Sinn. Aber wenn es in einer Familie neben dem braven Sohn, der ein guter Bauer wird, immer auch einen Rüpel gibt, der zudem anders aussieht, fragen die Leute nach den Gründen. In jeder Generation tauchen solche groben Typen auf. Da machten sich die Leute Gedanken. Isländer haben ja oft mit Schottinnen, Irinnen oder Sami-Frauen Söhne gezeugt. Diese zwischenethnischen Beziehungen kamen nicht selten vor und waren zur Erweiterung des Genpools in Island sogar ganz nützlich.

Und Sie denken, dass die Menschen solche Beobachtungen in ihre Geschichten eingebaut haben?
Ja, da bin ich sicher. Warum hätten die Herrscher damals sonst Menschen in ihrem Umfeld beauftragt, diese Sagas zu schreiben? Diese Geschichten, die eben von Verwandtschaften erzählen, müssen irgendeinen Sinn haben. Im Mittelalter hatte man erheblich besseren Einblick in die Erbfolgegesetze, als man sich das heute vorstellen kann. Man erkannte, dass sich äussere Merkmale und Charakterzüge, die sich über Jahrhunderte entwickelt und ausgebreitet haben, mit einer realen Herkunft erklären lassen, und erzählte diese Erkenntnis in Form einer Geschichte.

«Man weiss eigentlich, dass es nicht das wahre Leben ist, glaubt aber ein bisschen schon daran.»

Haben die Menschen damals denn wirklich an Trolle geglaubt?
Ja. Dieser Glaube an Trolle ist ziemlich konstant. Ich nenne das einen synthetischen Glauben. Man glaubt ein bisschen wirklich dran, macht sich gleichzeitig darüber lustig und hat auch Angst. So wie es heute Menschen gibt, die an Ufos glauben, oder Isländer, die an Elfen glauben, sogar wissenschaftliche Kollegen dort, was mich ein bisschen beunruhigt, aber das ist eine andere Geschichte. Früher habe ich meinen Kindern auch ernsthaft erzählt, dass es im Wald Zwerge gibt. Eine gute Geschichte muss glaubwürdig sein. Man weiss eigentlich, dass es nicht das wahre Leben ist, glaubt aber ein bisschen schon daran.

Sie schreiben, im Norwegen des 18. und 19. Jahrhunderts seien die Trollerzählungen auch fürs nationale Selbstverständnis wichtig gewesen. Warum?
Weil sich die jungen norwegischen Helden wie Askeladden oder Peer Gynt durch Mutterwitz und ihre Gewandtheit gegen übermächtige Feinde wie die Trolle durchsetzen konnten und diese austricksten.

Dahinter steckt eine reale politische Geschichte?
Norwegen war damals ein unbedeutendes Land, eine Kolonie des dänischen und dann des schwedischen Grossreichs. Dieses heute reiche Land war früher das Armenhaus Europas, dünn besiedelt. Trotzdem hatten die Norweger ein Selbstbewusstsein, das sich in den Märchen widerspiegelt. Die Geschichten waren ein zentraler Teil des Erfolgs der Norweger, sich als eigene Nation zu etablieren. Da steht dieser kleine junge gewitzte Held gegen die Trolle, die für die Grossmächte stehen.

Lange kannte man die Trolle nur im Norden, im 20. Jahrhundert traten sie ihren weltweiten Siegeszug an, bis hinein in Hollywood-Marvel-Filme heute.
Vielleicht kennen Sie die Thor-Filme. In «Thor 2» begegnet der Gott einem steinernen, fast zehn Meter grossen Troll mit einer riesigen Keule. Thor trifft ihn mit seinem Hammer, und er zerfällt zu Schutt. Das steht wieder in der mittelalterlichen Tradition der Trolle, wie bei Tolkien. Davor waren in den 1940er-Jahren diese kleinen naiven Trolle aufgetaucht, die Mumintrolle, die zu diesen unsäglichen Gummitrollen mit ihren neonbunten Haaren in den Filmen führten. Da weiss keiner mehr, was Trolle sein sollen. Das ist eine Pervertierung des Trollbegriffs.

«Wenn Trolle gefressen werden, statt selbst andere aufzufressen, geht der Symbolgehalt der Figuren verloren.»

Das scheint Sie richtig aufzuregen.
Ja, sie stehen in keinem Bezug zu den Wurzeln. Trolle sind wilde, gefährliche Wesen. Wenn Trolle gefressen werden, statt selbst andere aufzufressen, geht der Symbolgehalt der Figuren verloren. Das wird dem mythologischen Stellenwert nicht gerecht.

Was macht Trolle für die Fantasyliteratur so spannend?
Trolle sind ideale Gegner, man kann perfekt mit ihnen kämpfen. Sie sind Gegengestalten, mit ihrer Hilfe kann man das andere verstehbar machen. In Trollgeschichten spiegelt sich die Auseinandersetzung mit anderen Ethnien, das alte Thema vom Eigenen und dem Fremden.

Unsere Lebenswelt ist stark geprägt vom wissenschaftlichen Denken. Ist das Aufkommen der Trolle ein Zeichen, dass uns dieses Erklärungsmuster für die Welt nicht ausreicht?
Ich denke, die wissenschaftlichen Erklärungen und die technischen Errungenschaften unserer heutigen Welt sind für die meisten Menschen nicht mehr nachvollziehbar. Es gibt ja gerade einen Mittelalterboom, das reicht vom Rollenspiel bis zum Erfolg von «Game of Thrones». Die Vorstellung von einem Leben in einem Wikingerdorf oder selbst in einer Siedlung aus dieser fiktiven Eisenzeit in «Game of Thrones» erscheint einfach und klar. Da kann der Mann noch ein Mann sein, er kann sein eigenes Haus bauen, seine Waffen schärfen, das können wir heute nicht mehr. Dieser Verlust an Autonomie fällt den meisten Leuten schwer. Wir können so viele Dinge nicht mehr kontrollieren. Oder könnten Sie Ihre Kaffeemaschine reparieren?

Kommt die Sehnsucht nach alten Figuren wie den Trollen also daher, dass man sich nach Klarheit sehnt?
Ja, nach klaren Rollen und Werten. Wir wissen durch Fake News in der internationalen Politik nicht mehr, wer gut ist und wer böse. Auch in der Wirtschaft ist das so. Wenn ich einen Fantasyroman über Trolle lese, weiss ich immer, wer die Bösen sind. So gesehen lehren uns auch die Internet-Trolle etwas: nämlich wie wir uns nicht im Netz benehmen sollten.

Rudolf Simek: Trolle, Böhlau-Verlag, 2018, 256 S., ca. 46 Fr.

Erstellt: 27.06.2018, 18:33 Uhr

Rudolf Simek

Der Österreicher (64) studierte Germanistik, Philosophie und katholische Theologie. Er lehrt als Professor für Ältere Germanistik an der Uni Bonn zu Mythen und Sprachen Skandinaviens.

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