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In den Höhlen von Caen die Bomben überlebt

Freizeitforscher haben in Caen Höhlen erkundet, in denen die Einwohner der Stadt während des Zweiten Weltkriegs während wochenlanger Bombardements Zuflucht suchten – ein Rückblick in den Alltag unter Beschuss.

Jetzt werden sie wieder lebendig, als wäre es gestern gewesen: Ein Junge, der an einem Seil in ein tiefes, dunkles Verlies herabgelassen wird, der Himmel über ihm wird zu einem immer kleineren, blauen Fleck. Das Verlies war einen Monat lang die Heimat von Gerard Mangnan, seiner Familie und Dutzenden anderen Menschen aus Caen. Und es rettete vermutlich ihr Leben. Während die Einwohner der normannischen Stadt unter der Erde ausharrten, lieferten sich die Alliierten und die Deutschen über ihren Köpfen eine der erbittertsten Schlachten während der Invasion.

Bislang unberührte Höhlen und Verstecke

Nach mehr als sechs Jahrzehnten wird die Geschichte, wie Höhlen und Gruben zu Schutzbunkern der Bevölkerung wurden, nun auch von Amateurhistorikern und Überlebenden erzählt: Die Hobbyforscher Laurent Dujardin und Damien Butaeye haben kürzlich Verstecke gefunden, die seit dem Krieg unangetastet geblieben sind. Die dramatischen Tage und Nächte – konserviert für die Welt von heute: ein Schuh, ein verrostetes Fahrrad, ein Bilderbuch, Schmuck, Hustensaftflaschen. Eine Schachtel Darjeeling-Tee, «Gewachsen auf einer Höhe von 3000 Metern», wie es auf dem Etikett noch zu lesen ist.

Das Mémorial de Caen, ein örtliches Museum, zeigt bereits Entdeckungen von Dujardin, illustriert mit Fotos von Butaeye. «Es ist, als hätten die Menschen erst vor wenigen Stunden ihren Unterschlupf verlassen», sagt der Historiker Stephane Simonnet gegenüber der Nachrichtenagentur AP. In einer Höhle überlebten rund hundert Menschen. Wer in das Verlies hinabsteigt, dem läuft ein Schauer der Beklemmung über den Rücken, nicht nur wegen der Kälte und der Feuchtigkeit. Fast scheint, dass man den Husten der Kinder, das Klagen der Alten noch hören kann, den Gestank riechen, die Angst noch spüren. Jeder dachte damals, die nächste Bombe könnte auch sein Versteck in Schutt und Asche legen. «Es gab kaum etwas zu essen. Wer rausging, um Nahrung zu suchen, riskierte sein Leben», sagt Dujardin.

«Sie haben keine Minute zu verlieren»

Caen an der Orne war eine Garnisonsstadt der Wehrmacht und ein Schlüsselziel der Alliierten bei ihrem Angriff auf die Westfront. Die Bombardierungen begannen am 6. Juni 1944 und dauerten zwei Monate lang. Die Flugzeuge warfen auch Zettel mit Warnungen an die Bevölkerung ab: «Alle wichtigen Ziele werden bombardiert. Verlassen Sie die Stadt sofort, Sie haben keine Minute zu verlieren.» Erst am 10. August war die Schlacht um Caen beendet. Drei Viertel der Stadt waren zerstört, 2000 der 60'000 Einwohner getötet.

Die Höhlen in den Steinbrüchen retteten vielen Menschen das Leben; ein Drittel der Bevölkerung suchte in ihnen Schutz. In und um die Stadt gibt es ein ganzes Netz von solche Unterschlüpfe. In den Steinbrüchen wurde über Jahrhunderte Kalkstein abgebaut und bis zum Kölner Dom oder zum Tower of London verschifft.

Dujardin zeigt eine Höhle, die hinter einem Haus versteckt in einem Hügel liegt. Der Eingang ist nur schulterbreit. Die Flüchtlinge schliefen dort auf Matratzen, auf Strohmatten oder Sägespänen. Mit aufgetürmten Steinchen markierten die Familien ihr «Revier». Sie sind noch heute zu sehen. Daneben eine rostige Gabel und ein Tintenfässchen. In einer anderen Höhle seien chirurgisches Besteck gefunden worden, Injektionsspritzen, Medikamentenfläschchen. «Es gab Suppenküchen, ein Lazarett, sogar eine kleine Poststelle, aus der jede Nacht Briefe rausgebracht wurden», berichtet Dujardin.

In unmenschlichen Verhältnissen überlebt

Gerard Mangnan hauste vier Wochen mit rund 50 Personen in seinem unterirdischen Schlupfloch. «Ein Topf diente als Gemeinschaftsklo. Eine Frau in Umständen wurde nach draussen gebracht, wo sie, in einem Krankenhaus, ein Kind zur Welt brachte», erzählt er. Einmal seien kanadische Soldaten vorbeigekommen und hätten Kaugummi, Kekse und Zigaretten gebracht, erinnert sich der heute 71-Jährige. Mit dem Schälen von Gemüse oder anderer «Hausarbeit» schlug er die Zeit tot.

Mangans älterer Bruder wurde am 23. Juni 1944 getötet. Er hatte den Deutschen Munition geklaut und war auf der Flucht zurück in seine Höhle. Die Soldaten schossen, verletzt erreichte der Junge das Loch, aber er konnte das Seil nicht halten und stürzte ab. «Die Schüsse knallten um das Loch, er fiel zu meinen Füssen», sagt Mangnan.

Aufstieg in eine Welt von Ruinen

Im Juli beschloss seine Familie schliesslich, die Höhle zu verlassen. «Nie hatte ich solche Angst wie beim Aufstieg am Seil. 'Blick nicht zurück, steig auf, steig auf' rief mir meine Mutter zu», berichtet Mangnan. Draussen zeigte sich ein Bild der Verwüstung und des Todes, aber endlich auch Ruhe. Das Dach des Familienhauses war eingestürzt.

In die Höhle ging er Jahrzehnte lang nicht zurück. Historiker konzentrierten sich auf die Schlachten, auf die Befreier und die Besiegten. «Über das Alltagsleben, darüber, wie die Menschen wie versteckte Ratten überlebten, darüber wurde bis heute nicht viel gesagt», meint Forscher Simonnet.

AP/ta

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