Jedem sein Urvolk

Die Rivalität zwischen Ob- und Nidwalden könnte genetisch bedingt sein, sagt ein Arzt aus Sarnen. Die einen seien Kelten, die anderen Germanen. Klingt gut. Nur: Was ist ein Kelte?

So stellte man sich im 19. Jahrhundert ein keltisch-helvetisches Volksgericht vor. Foto: Xylografie nach E. Ravel (Ausschnitt), Sammlung Rauch (Interfoto)

So stellte man sich im 19. Jahrhundert ein keltisch-helvetisches Volksgericht vor. Foto: Xylografie nach E. Ravel (Ausschnitt), Sammlung Rauch (Interfoto)

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Der Staatsarchivar findet das Mädchen im hintersten Rollregal. Viel ist nicht geblieben: Zähne, Knochen, Teile des Schädels, alles ordentlich verpackt in Plastikbeutel. Etwa zehn Jahre alt ist es geworden, nun liegen seine Überreste in einer Stapelbox im ersten UG der Nidwaldner Kantonalbank, in ­deren Gebäude auch das Staatsarchiv daheim ist. Letzte Ruhestätte Kulturgüterschutzraum. Rundherum die Tiefgarage.

Archivar Emil Weber konsultiert die Unterlagen. Die Grabbeigaben sind separat abgelegt. Eine blaue Glasperle und eine Eisenfibel, die wohl ein Kleid zusammenhielt. Das Mädchen ist eine kleine Keltin, verstorben in der Eisenzeit, im 2. Jahrhundert vor Christus. Gefunden wurde sie bei der Renovation der Stanser Pfarrkirche im Winter 1984/85, auf ­deren Grund die Kleine bestattet worden war, ­bevor da eine Kirche stand. Ihre Gebeine sind die ältesten von Nidwalden. Und jetzt soll sie eine ­Obwaldnerin sein.

Das Mädchen ist eine kleine Keltin, ihre Gebeine sind die ältesten von Nidwalden. Und jetzt soll sie eine ­Obwaldnerin sein.

Nein, halt. Das hat niemand behauptet. Nur, dass die Obwaldner eher Kelten seien und die Nidwaldner Germanen, genauer: Alemannen. Und dass dies in den Genen stecke. Zum Jahreswechsel ging die Meldung durch die Presse. Wenn sie stimmt, so ­wären die heutigen Obwaldner etwas mehr verwandt mit dem Keltenmädchen als die Nidwaldner.

Herausgefunden haben will das Andreas Anderhalden, ein pensionierter Hausarzt in Sarnen, Obwalden. Er holt den Reporter am Bahnhof ab. Der Doktor scheint erfreut, dass der Besucher nicht mit Bergschuhen und Eispickel angerückt ist. «Die Zürcher denken immer, Obwalden liege in den hintersten Bergen. Dabei bin ich in einer Stunde auf dem Bellevue.» Der lange Mann geht voraus, mit seiner Frau bewohnt er eine Wohnung in einem Neubau. Schuhe bitte ausziehen, wegen des Streusalzes. Dann steht man in Socken bei Anderhalden in der Wohnung. Dreissig Jahre lang hatte er seine Praxis in Sachseln. Als er vor fünf Jahren aufhörte, habe er kaum mehr einkaufen gehen können, überall sei er angesprochen worden.

Aber Anderhalden untersucht jetzt Medizin­geschichte statt Patienten. Das Thema hat ihn immer interessiert, schon als 18-Jähriger habe er Dokumente gesammelt, Handschriften «aus dem Feuerofen gerettet». Heute wertet er seine Schätze aus, hat zwei Bücher verfasst über die Ärzte und Spitäler der Region. Auf die Genetik kam er vor einigen ­Jahren, als im Fernsehen ein Beitrag über DNA-Analysen bei alten Zürcher und Basler Familien lief. Es ging um die Frage, ob die Rivalität der Kantone vielleicht genetische Ursachen habe. Anderhalden beschloss, das auch daheim zu klären. Denn mehr Rivalität als zwischen Ob- und Nidwalden gibt es nicht.

Der Nachbar hinterm Wald

Der dunkle Wald trennt die beiden Kantone, richtig zueinander gehörte man nie. Dies versichern ­einem hier Historiker wie Politiker. «Unterwalden» sei im Spätmittelalter vor allem ein Begriff zur Verhandlung nach aussen gewesen, im Innern sei man nie eins gewesen, eine Spaltung wie in Appenzell oder Basel ist nicht belegt. Fast herrscht heute ein Kult um die Verschiedenheit; es gibt kaum grenzübergreifende Vereine, dafür zwei Kantonsspitäler und viele böse Witze. Beide finden, die anderen lebten noch etwas weiter hinter dem Wald.

Nun hat man es anscheinend schwarz auf weiss: Man ist verschieden. Die Tests erstellte die Schweizer Firma iGenea. Blut braucht sie nicht; man schickt Speichelproben ein, abgetupft mit einem Wattestäbchen. Die Analyse kostet etwa 250 Franken. Die DNA des Kunden wird einem «Urvolk» ­zugeordnet – gemäss der Firma sind das «Kelten, Wikinger, Germanen, Juden, Basken» und andere. Wie es genau funktioniert, bleibt auch nach einem Telefonat mit Geschäftsführer Roman Scholz etwas unklar. Offenbar werden die Einsendungen mit ­internationalen Datenbanken abgeglichen, denn Ursamples, also Überreste von «echten» Kelten oder Wikingern, hat die Firma kaum im Schrank. Solche reinen Volksvertreter gibt es aus Sicht der Historiker nicht; die Menschen waren zu jeder Zeit unterwegs und haben sich vermischt.

Solche reinen Volksvertreter gibt es aus Sicht der Historiker nicht; die Menschen waren zu jeder Zeit unterwegs und haben sich vermischt.

Aber egal. Der Kunde erhält die Zuteilung zu ­seinem Urvolk per Post, auf einem goldgeprägten Diplom. Dazu eine Karte, auf der er die Wanderungen seines angeblichen Ahnenvolkes mit dem Finger nachverfolgen kann. Anderhalden hat sechs Proben eingeschickt, drei von Ob-, drei von Nidwaldnern. Nicht eben ein repräsentatives Sample, auch wenn iGenea es noch mit bestehendem Material aus ihrer Datenbank angereichert hat. Ins­gesamt wurden 41 Personen aus beiden Kantonen verglichen. Mit dem Befund: Die Obwaldner sind mehrheitlich Kelten, die Nidwaldner Alemannen. Im Dezember hat Anderhalden in Engelberg einen launigen Vortrag zum Thema gehalten, an einem offiziellen Anlass. Reden kann er, ohne Lampen­fieber; das habe er im Militär gelernt. Er war Oberleutnant. «Damals gehörte das einfach dazu.»

Das Gebiet von Ob- und Nidwalden ist seit der Steinzeit besiedelt. «Kelten» nennt man Menschen, die ab dem 5. Jahrhundert vor Christus hier lebten. Etwa 1000 Jahre später kamen Einwanderer aus dem Norden hinzu – Alemannen, ein germanischer Stamm. Man stellt sich vor, dass die Neuankömmlinge die Kelten ein bisschen die Hügel hochtrieben. Aber oft hat man sich wohl einfach vertragen und vermischt. Keltische wie alemannische Wörter leben fort in Orts- und Flurnamen, selber aufgeschrieben aber haben beide nichts. Im Staatsarchiv Nidwalden ist das älteste Schriftstück eine Klosterurkunde aus dem Jahr 1218. Da sind aus Kelten und Germanen längst Nid- und Obwaldner geworden.

Ein Ehrenpreis aus Nidwalden

Anderhaldens Vortrag sorgte für Aufsehen; alle am Ort scheinen davon zu wissen. Die These bestätigt eben, was man immer wusste: dass man verschieden ist. Am Samstag wird der Doktor mit dem ­Ehrenpreis des Unüberwindlichen Grossen Rats zu Stans ausgezeichnet, einer über 400 Jahre alten Nidwaldner Bruderschaft. Anderhalden habe, heisst es in der Begründung, «die genetischen Mentalitätsunterschiede» zwischen Obwalden und ­Nidwalden gut erforscht.

Genetische Mentalitäten? Würde heute einer die Schädel der lebenden Ob- und Nidwaldner vermessen wollen, um mehr über ihren Volkscharakter zu erfahren, man würde ihn verlachen, vielleicht verjagen. Solche Forschung gab es im 19. Jahrhundert, später befeuerte sie die Nazis in ihrem Rassenwahn. Heute werden Intelligenz, Aussehen und eben Charakter nicht mehr aus der Biologie eines Menschen abgeleitet. In der Schule lernen wir, ­hoffentlich: Kollektive Identität entspringt nicht dem Blut, sondern der gemeinsamen Vergangenheit, der geteilten Kultur.

In der Schule lernen wir, ­hoffentlich: Kollektive Identität entspringt nicht dem Blut, sondern der gemeinsamen Vergangenheit, der geteilten Kultur.

Das sieht auch die Firma iGenea so. Sie legt Wert darauf, dass sie eben keine Mentalitäten ableite aus den Genen. Was es bedeutet, von Kelten oder ­Wikingern abzustammen, wird dem Kunden nicht ­erklärt. «Es ist jedem selbst überlassen, was er damit macht», sagt Roman Scholz etwas gequält. Die Firma untersuche oft nur das Y-Chromoson, und das sei sicher nicht charakterprägend. Wenn es heute irgendwo Mentalitätsunterschiede gebe, so seien die «historisch bedingt».

Anderhalden weiss das. Die Rivalität zwischen den Kantonen sei das Resultat der spannungs­reichen Geschichte, erklärt er. Vor allem rühre sie von der ungleichen Gewichtung der Stände gegenüber der Tagsatzung her. Obwalden hatte lange zwei Drittel, Nidwalden nur ein Drittel der Stimmen ­Unterwaldens. Das sorgte für Verdruss. Hinzu kommt die Sache mit dem Franzosenüberfall; gemäss Legende haben die Obwaldner dem Feind 1798 den Weg nach Stans gezeigt. Trotzdem wollte Anderhalden die Gentests machen. Man weiss ja nie. Er habe nicht erwartet, dass das Erbgut eine Differenz anzeigen würde, sagt er. «Ich ging davon aus, dass wir alle genetisch gleich sind. Der ganze Alpenraum, von Linz bis Grenoble.» Warum auch nicht? Über diese Berge ist ein Haufen Volk gekraxelt.

«Biohistorischer Kitsch»

An sich ist eine genetische Differenz bedeutungslos, nackte Buchstabenreihen. Erst wenn die Unterschiede benannt werden, regen sie die Fantasie an. Deshalb ordnen Firmen wie iGenea gewisse DNA-Profile gewissen «Urvölkern» zu. Unter «Kelten» kann sich jeder etwas vorstellen, daran klebt Popkultur, von «Braveheart» bis «Riverdance». Das ist das Problem der DNA-Genealogie: Man gebe sich wissenschaftlich, aber ende bei «biohistorischem Kitsch», schreibt Marianne Sommer, Professorin für Kulturwissenschaften an der Universität Luzern, in einer Studie über iGenea.

An sich ist eine genetische Differenz bedeutungslos, nackte Buchstabenreihen. Erst wenn die Unterschiede benannt werden, regen sie die Fantasie an.

Andreas Anderhalden behauptet gar nichts. Er stellt die Genunterschiede einfach den bekannten Klischees gegenüber. «Ob da ein Zusammenhang besteht, kann niemand wissen», sagt er fröhlich. Gemäss Volksmund sind die Nidwaldner aufbrausend, unbeherrscht, die Obwaldner aber nüchtern, ordentlich. Für diese Gegensätze stehen auch ihre Heiligen: der bedächtige Bruder Klaus zu Obwalden, der wilde Winkelried von Nidwalden. Dazu könne jeder eine Geschichte erzählen, sagt Anderhalden: «Ich mag meinen Schwiegersohn aus Nidwalden sehr. Aber er ist ein ganz anderer Mann. ­Impulsiv! Wenn der sich aufregt, muss ich ihm ­sagen: ‹Ich höre gut.›» Wer weiss, ob nicht doch die Gene schuld sind.

Der Nidwaldner Staatsarchivar Emil Weber versorgt die Box mit den Mädchenknochen wieder im Regal. Er ist noch jung, aber sicher im Auftritt. Die Gengeschichte beeindruckt ihn gar nicht. Erstens genüge die Grösse des Samples keinen wissenschaftlichen Ansprüchen. Zweitens sei die Fragestellung falsch. In Nidwalden reichten auch die ­ältesten Familienstammbäume nur etwa 550 Jahre zurück. «Bis zu den Germanen fehlen da 1000 Jahre, zu den Kelten sogar 2000.» Wer heute «keltische» oder «alemannische» Gene aufweise, könne diese auch irgendwo in Europa aufgelesen haben. «Wir waren nicht schon immer hier.»

Tanz in der Germanendisco

Ja, eigentlich gab es nicht einmal Kelten und Germanen. Die Vorstellung von «Urvölkern», die isoliert wie Billardkugeln über die Landkarte Europas rollen, ist lange überholt. Die Volksbezeichnungen müssen als Sammelbegriffe verstanden werden, als Schimpfwörter sogar: Die Römer nannten alles ­keltisch, was streng roch und unterwegs war.

Bei Nidwalden Tourismus hat man von Anderhaldens Forschung erfahren. Die habe Potenzial, sagt Chefin Erna Blättler. Urvölker interessieren alle. «In den USA stünden jetzt wahrscheinlich schon die Wegweiser.» Allerdings scheinen die Nidwaldner benachteiligt – einmal mehr. Denn während die Kelten auf jede Art gefeiert werden können, sind die Germanen seit den Nazis vorbelastet. Wer sich heute mit germanischen Runen schmückt, macht ein Statement. Ein Irish Pub ist eine lustige Sache, eine Germanendisco ein Problem.

Im Staatsarchiv Nidwalden lagern seit Weihnachten neue Knochen. In der Nägeligasse hinter der Stanser Kirche werden Leitungen verlegt, dabei ist man auf wahrscheinlich frühneuzeitliche Gräber gestossen. Die Funde sind umfangreich; ein Dutzend Bananenkisten steht schon in Emil Webers Büro, darin Knochen, Zähne, Kleiderreste. Noch immer wird gegraben. Die Bergung sei auch eine Frage der Pietät, sagt Weber. Nach dem Untersuch werde man sich bemühen, sie wieder an einem ­geweihten Ort beizusetzen. DNA-Tests sind nicht geplant. «Das wäre teuer», sagt Weber. Und dass es Vorfahren waren, sei irgendwie klar.

Erstellt: 02.03.2016, 13:50 Uhr

Andreas Anderhalden, Arzt. Foto: PD

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