«Jesus wachte aus der Narkose auf und stand auf»

Historiker Johannes Fried hat steile Thesen zum Tod Jesu – und macht sich damit viele Feinde. Widerlegen konnte sie bislang aber niemand.

The Resurrection of Jesus, 1511-1530, fresco by Francesco da Milano, Sala dei Battuti (Flagellants Hall), Conegliano Cathedral, Veneto, Italy, 16th century. Foto: Getty Images

The Resurrection of Jesus, 1511-1530, fresco by Francesco da Milano, Sala dei Battuti (Flagellants Hall), Conegliano Cathedral, Veneto, Italy, 16th century. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie behaupten, Jesus sei nicht am Kreuz gestorben. Dabei stützen Sie sich auf eine medizinische Studie über den Hergang der Passion. Was ist deren Befund?
Johannes Fried: Jesus hatte schon bei seiner Folterung, bevor man ihn ans Kreuz schlug, einen Pleuraerguss erlitten. Die Römer prügelten mit brutalen Peitschen: mit kurzen Stielen und kurzen Schnüren, an denen vorne Eisenkugeln befestigt waren. Die rissen nicht nur äussere Wunden, sondern brachen auch die Rippen. Die gebrochenen Rippen wiederum verletzen das Rippenfell, sodass es in den Pleuraspalt hineinblutet. Es kommt zu einem Pleuraerguss. Dabei wird die Lunge so zusammengepresst, dass sie sich nicht mehr weiten, dass man also nicht mehr atmen kann. Vor allem lässt sich das Kohlendioxid nicht mehr abatmen. Nach einer Weile führt das zu einer tödlichen CO2-Vergiftung. Das ist Alltagswissen eines jeden Unfallmediziners.

Trotzdem sei Jesus am Kreuz an seinem Pleuraerguss nicht gestorben. Wie kommen Sie darauf?
Bei Johannes sagt Jesus: «Es ist vollbracht», er senkt sein Haupt und stirbt. Tatsächlich erlitt er aber nur eine CO2-Narkose, die der CO2-Vergiftung vorausgeht. Er war bewusstlos. Um sicherzugehen, dass er gestorben war, nahm ein römischer Soldat eine Lanze und stach Jesus in die Seite. In die pleura, schreibt Johannes im griechischen Original. Wenn man der Expertise der Ärzte glauben kann, dann hat der Soldat Jesus den Pleuraspalt punktiert. Wasser und Blut, schreibt Johannes, spritzten heraus. Das Wasser ist das Wundwasser, das sich in der Zwischenzeit in der Pleurahöhle angesammelt hat – das können nach ein paar Stunden mehrere Liter sein. Beides fliesst ab, der Druck auf die Lunge lässt nach. Der Stich hat Jesus das Leben gerettet. Nur bekommt das keiner mit, auch Jesus nicht, denn er ist ja bewusstlos.

Und dann?
Dann durfte er abgenommen werden. Der Jünger Joseph von Arimathia kannte offensichtlich Pontius Pilatus, gehörte also wohl zum Jerusalemer Establishment, sonst hätte er nicht einfach den römischen Statthalter um Erlaubnis fragen können, einen Geächteten nach jüdischem Ritus zu bestatten. Vermutlich hat er nicht erst nach dem Lanzenstich, sondern schon zuvor die Erlaubnis eingeholt und ein Grab vorbereitet. Darin wachte Jesus aus der Narkose auf, erholte sich und konnte, real und lebendig, kurz darauf seinen Jüngern erscheinen. Der zweifelnde Jünger Thomas legte seinen Finger in Jesu Seitenwunde. Das ist realistisch. Sie war ja noch frisch.

Profilierter Historiker
Johannes Fried (76) gehört zu den profiliertesten Historikern der Gegenwart. Viele seiner Publikationen über das Mittelalter, darunter über Karl den Grossen, gelten als Standardwerke. Für seine Forschungen erhielt Fried etliche Preise, ebenso für seine Überblicksdarstellungen zum Mittelalter, die sich an ein breiteres Publikum richten. Wiederholt hat sich Fried auch religionsgeschichtlichen Themen gewidmet, zuletzt in «Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs», C. H. Beck Verlag, München 2016.

Wir kommen auf den Hergang, wie Sie ihn beschreiben, gleich ausführlich zurück. Doch zunächst: Gehen Sie überhaupt davon aus, dass es die historische Figur Jesus von Nazareth gegeben hat?
Ich bin fest davon überzeugt, dass es ihn gegeben hat, dass er als charismatischer Wanderprediger durch die Lande zog und seine Lehren verkündete. Ob wir alles wissen, was er von sich gegeben hat, und ob das, was wir wissen, korrekt ist, das kann niemand mit Sicherheit sagen. Das ist das Problem der Quellenüberlieferung. Die Evangelien sind die einzige Quelle, die wir dazu haben.

Wieso können wir den Evangelien nicht trauen?
In der endgültigen Form lagen sie um das Jahr 150 vor, also fast 120 Jahre nach Jesu Kreuzigung. Das ist viel Zeit, in der sich Mythen bilden, sich Erinnerung deformiert und aus dogmatischen und politischen Gründen die Erzählung angepasst und geändert werden kann. Es gibt ausser den vier kanonischen Evangelien von Markus, Lukas, Matthäus und Johannes noch andere Berichte vom Leben und Wirken Jesu. Diese wurden von den Redaktoren der Bibel jedoch zensuriert und aussortiert. Unter den vier Evangelien, die in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden, tanzt das Evangelium des Johannes etwas aus der Reihe, weshalb die meisten Historiker, aber auch Bibelforscher einen Bogen darum machen.

«Wir wissen nicht, wer die Evangelien geschrieben hat.»

Warum?
Allgemein hält man Markus für das älteste, also authentischste Evangelium, entstanden um das Jahr 70. Lukas und Matthäus hängen miteinander so eng zusammen in ihren Jesus-Zitaten, dass man davon ausgeht, dass sie eine gemeinsame, besonders glaubhafte Quelle haben müssen. Diesen dreien traut man also. Ich drehe es um und sage, Johannes ist zumindest in seiner Passionsgeschichte, also dem Teil, der Christi Leiden am Kreuz beschreibt, der Zuverlässigste: Er schmückt die Geschichte am wenigsten aus. Übrigens lassen die Namen der Evangelien keine Rückschlüsse auf deren Autoren zu. Wir wissen nicht, wer sie geschrieben hat, und man geht allgemein davon aus, dass es jeweils mehrere Autoren waren.

Was wollten die Evangelisten zeigen – was ist das Ziel ihrer Schriften?
Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Es sind jedenfalls keine historischen, sondern religiöse Texte, die sich zum Teil an unterschiedliche Gemeinden richteten, an Juden respektive an Heiden. Vielleicht kann man sie am ehesten als theologische Deutungsschriften bezeichnen, die anhand von Jesu Leben dessen Lehre erklären. Matthäus hat sehr viele Verkündigungen aus dem Alten Testament mit hineingenommen – um zu zeigen, dass das Leben und Wirken Jesu erfüllt, was die alten, vorchristlichen Propheten über den kommenden Messias ausgeführt haben. So wanderte die Heilige Familie nach Ägypten aus, obwohl das geografisch überhaupt keinen Sinn ergibt. Aber im Alten Testament heisst es nun mal, dass der Messias aus Ägypten komme.

Springen wir direkt in die Erzählung. Die Evangelien berichten einstimmig, dass Jesus mit seinen Jüngern in Jerusalem einzog. Was wollte er dort?
Er wollte zum Pessachfest. So ähnlich, wie jeder Muslim einmal an der Kaaba in Mekka gewesen sein muss, sollte jeder Jude mindestens einmal in seinem Leben zum Pessachfest im Jerusalemer Tempel gewesen sein und dort seine Opfer entrichtet haben. Das Pessachfest ist der Höhepunkt im jüdischen Jahr.

«Vielleicht gehörte Jesus zu den Zeloten, die aus römischer Sicht Terroristen waren.

Wie muss man sich das Treiben im Tempel vorstellen? Jesus vertrieb die Geldwechsler und warf die Tische der Händler um, heisst es. Welche Geldwechsler? Was war da los?
Der Tempel, den Herodes der Grosse gut fünfzig Jahre vor Jesu Ankunft errichten liess, war riesig. Ins Allerinnerste, ins Allerheiligste, kam ausser dem Hohepriester niemand hinein. Und auch der nur zu Pessach und in Kultgewändern. Im Inneren befand sich einst die Bundeslade, in deren Nähe die Gläubigen ihre Opfertiere schlachten lassen wollten. Jesus kam wie alle anderen nur in den Vorhof. Da standen die Händler und die Geldwechsler. Geldwechsler, weil die Leute von überallher kamen und ihre Münzen erst in die ortsübliche Währung tauschen mussten – nicht immer mit Wechselkursen zu ihrem Vorteil –, was Jesus erzürnte. Mit dem gewechselten Geld kauften sie dann, nicht immer zu den günstigsten Preisen, Tauben oder Lämmer oder welche Opfertiere auch immer sie sich leisten konnten oder wollten. Über allem muss ein furchtbarer Gestank von den blutigen Kadavern gelegen haben. Daher der Weihrauch.

Das war also eine riesige Geschäftemacherei. Jesus protestierte und randalierte auch ein bisschen. Aber dafür wurde er nicht angeklagt. Sondern wofür?
Das ist nicht ganz klar. Entweder wegen seiner Anmassung, Gottes Sohn zu sein, was die Juden erzürnte, oder wegen seiner Anmassung, König der Juden zu sein, was die römischen Machthaber erzürnt haben muss. Da kann man, wie gesagt, den Evangelien nicht wirklich trauen.

Ist es realistisch, dass Jesus nach seiner Gefangennahme vom römischen Statthalter und vom Hohepriester persönlich befragt wurde und dass diese Honoratioren über sein Schicksal verhandelten? War er ein so bedeutender Häftling?
Na ja, es wird in der historischen Forschung die Frage diskutiert, ob Jesus zu den Zeloten gehörte oder mit ihnen sympathisierte. Die Zeloten waren eine Art Guerillagruppe, die gegen die römische Besatzung und gegen die jüdischen Tempelherren, die sich mit den Römern gemein gemacht hatten, kämpfte. Jesus wurde mit zwei Zeloten gekreuzigt. Das waren für die römischen Machthaber Terroristen, gefährliche Leute. Gut möglich also, dass man ihn in diese Ecke stellte. Ob zu Recht oder nicht, wird man nicht mehr in Erfahrung bringen.

«Die Kreuzigung war die schlimmste Todesstrafe der Römer»: Szene aus einer Oster-Aufführung im Südlibanon. Foto: Keystone

Dann wurde Jesus gefoltert und musste das schwere Kreuz auf den Kalvarienberg schleppen.
Die Folter war gängige Praxis. Doch der Weg, den Jesus ging, war wohl nicht die Via Dolorosa, die man noch heute in Jerusalem ablaufen kann: Der Prozess hat wahrscheinlich auf dem Tempelareal stattgefunden, und da begann wohl der Kreuzweg. Jesus hat auch nicht das ganze Kreuz getragen, sondern, wie es überlieferte Praxis war, nur einen der beiden Balken. Aber das reicht, der wiegt auch um die fünfzig Kilo.

Endeten Kreuzigungen – vom Fall Jesu einmal abgesehen – immer tödlich?
Ja, die Kreuzigung war die schlimmste Todesstrafe der Römer. Die Feststellung, dass es sich um eine römische Kapitalstrafe und keine jüdische handelt, ist nicht unerheblich. Denn im Neuen Testament wird ja der Eindruck erweckt, die Juden hätten Jesu Tod zu verantworten. Diese Darstellung ist falsch, hat aber Gründe. Man muss sich klarmachen, dass die Passionsgeschichte nach dem Jahr 70 geschrieben wurde. Damals, nach dem jüdischen Aufstand, hatten die Römer Jerusalem und den Tempel in Schutt und Asche gelegt. Das war ein Rachefeldzug, die Römer hatten alle Toleranz abgelegt, die sie zuvor gezeigt hatten. Da musste man, gerade als noch kleine Bewegung, wie die Christen eine waren, das Maul halten und ja nichts Schlechtes über die Römer sagen. Man musste die römische Obrigkeit schonen und gab daher den Juden die Schuld daran, dass Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Die Kreuzigung ist aber belegtermassen keine jüdische Kapitalstrafe. Die Juden haben gesteinigt.

Auch nicht schön.
Nein, aber irgendwann bekommt man einen Stein an die Schläfe, und dann ist man bewusstlos. Am Kreuz kann der Tod Tage auf sich warten lassen.

«Gekreuzigte sollten nicht schnell sterben, sondern möglichst lange gequält werden.»

Wie genau wurde Jesus gekreuzigt? Mit Nägeln? Oder wurde er gebunden?
Das wissen wir nicht. Bei Johannes zeigt Jesus nach der Kreuzigung seinen Jüngern die Nägelmale an den Händen. Vermutlich wurde er aber an den Unterarmen, zwischen Elle und Speiche, ans Kreuz geschlagen, sodass er nicht verbluten konnte. Denn Gekreuzigte sollten ja nicht schnell sterben, sondern möglichst lange gequält werden.

Jesus dürstete, aber statt Wasser bekam er einen in Essig getauchten Schwamm. Wie kann man sich seinen Zustand vorstellen?
Jesus hatte offene Wunden, und sein Brustkorb war gequetscht. Möglicherweise waren mehrere Rippen gebrochen. Es war heiss, die Sonne brannte auf seine nackte Haut, er hatte unerträgliche Schmerzen.

Kann man mit gebrochenen Rippen noch laufen?
Oh ja. Das haben mir Mediziner bestätigt. Und als Mittelalterhistoriker kenne ich Ludwig den Deutschen aus dem 9. Jahrhundert, der zu seinem Bruder Karl dem Kahlen reitet. Die Chronisten schreiben, man hörte die Rippen knirschen, weil er vorher vom Pferd gefallen war. Er liess sich aber nichts anmerken.

«Jesus war maximal sechs Stunden am Kreuz, vielleicht auch nur drei.»

Welche Rolle spielt der Essig?
Ist die Lunge gequetscht, kann man nur noch hecheln, und das Kohlendioxid wird nicht mehr abgeatmet. Wenn sich dann zu viel davon in der Lunge sammelt, stirbt man nach einer Weile an einer CO2-Vergiftung. Dem hat der Essig eine Zeit lang vorgebeugt – er erlaubt, dass man länger hecheln kann.

Wie lange blieb Jesus am Kreuz?
Maximal sechs Stunden, vielleicht auch nur drei. Sehr kurz. Zu kurz, um zu sterben. Darum prüfte der Römer ja auch mit der Lanze, ob Jesus auf den Stich reagierte – was er nicht tat, weil er unter Vollnarkose stand. Den anderen beiden, heisst es in der Schrift, wurden die Beine gebrochen, damit es schneller ging. Genau genommen wurden ihnen die Knochen zertrümmert, bis die grossen Beinarterien rissen und sie verbluteten. Eine extrem qualvolle Methode.

Warum sollte es schnell gehen?
Der Sabbat nahte, es war bereits Freitagnachmittag. Und über den Sabbat, zumal den Pessachsabbat, den höchsten jüdischen Feiertag, der bevorstand, durften Jesus und die anderen beiden Gekreuzigten nicht auf Golgatha hängen bleiben.

«Viele Medizinprofessoren halten diese Version für medizinisch nicht nur plausibel, sondern geradezu zwingend.»

Was genau passierte Ihrer Meinung nach, nachdem Jesus vom Kreuz genommen wurde?
Joseph von Arimathia trug ihn zum Grab, um ihn zu salben und in Tücher zu wickeln, wie es der jüdische Ritus vorsieht. Nikodemus, den Johannes in seinem Bericht erwähnt, brachte heilungsfördernde Myrrhe und Aloe. Vermutlich zitterte Jesus beim Transport oder während des Salbens. Anästhesisten berichten, dies passiere, wenn jemand aus der Narkose aufwacht: Ein Zittern geht durch den Körper. Vielleicht fiel ihnen aber auch einfach auf, dass er, flach und kaum merklich zwar, aber eben doch atmete.

Hier soll sich die letzte Ruhestätte Jesu befinden: Die Grabeskirche in Jerusalem. Foto: Keystone

Dass Sie Kreuzestod und Auferstehung leugnen, ist ja per se nichts Neues. Schon Friedrich Schleiermacher (1768–1834) glaubte nicht daran.
Ja, und er war immerhin einer der bedeutendsten reformierten Theologen überhaupt. Auch Goethe und viele andere prominente Köpfe, gläubige Christen, haben ihre Zweifel an der biblischen Geschichte offen geäussert.

Neu ist aber die Erklärung, die Sie bieten. Wie sind Sie auf die medizinischen Befunde gestossen?
Das frühe Christentum beschäftigt mich seit meinem Studium. Ich habe mehrere Bücher über diese Zeit geschrieben, zuletzt über die Weltuntergangsszenarien, die damals kursierten – die Erwartung der Apokalypse und die Hoffnung auf Erlösung waren sehr real. Auf den konkreten Essay bin ich dank eines befreundeten Biologen gekommen, der die Fachzeitschrift herausgibt, in der besagter Aufsatz abgedruckt war. Ich habe dann viele Medizinprofessoren konsultiert – darunter den Schweizer Physiologieprofessor Hugo Marti –, die diese Version alle für medizinisch nicht nur plausibel, sondern geradezu zwingend hielten. Dann las ich die Passionsberichte nochmals sehr aufmerksam, und mir fiel auf, dass es im Griechischen nicht «auferstehen», sondern schlicht «aufstehen» heisst. Jesus wachte aus der Narkose auf und stand auf. So kam eins zum anderen. Zunächst hatte ich sogar erwogen, einen Kriminalroman mit dem Stoff zu schreiben.

«Der Theologieprofessor fand keine offenkundigen Fehler in meinem Buch.»

Das Buch entstand aus dem Geist der Satire?
Nein, aus tiefem Interesse an der frühchristlichen Geschichte.

Hatten Sie theologische Begleitung beim Schreiben?
Um sicherzugehen, hat mir der Verlag einen katholischen Theologieprofessor zur Seite gestellt, der alles überprüft hat. Mag sein, dass ihm das Buch nicht gefiel, aber er fand keine offenkundigen Fehler und gab mir auch wertvolle Hinweise.

Sie stützen sich auf das Johannesevangelium, das mit dem weitesten Abstand zum realen Passionsgeschehen entstand. Wenn Sie den gesamten restlichen Inhalt aller Evangelien grundsätzlich in Zweifel ziehen, wie können Sie genau diese eine Passage wörtlich nehmen?
Die Passionsgeschichte beginnt mit dem Lieblingsjünger – man weiss nicht genau, wer damit gemeint ist –, der beim Abendmahl an Jesu Brust liegt und den weiteren Verlauf schildert. Er wird an allen entscheidenden Stellen als anwesend erwähnt. Das heisst, er war immer mit dabei. Und ich habe keinen Grund, dessen Darstellung zu bezweifeln. Alle Angaben, die er macht, sind historisch nicht nur möglich, sondern im Kontext der Gesamtsituation wahrscheinlich.

«Im kühlen Grab und mit heilender Myrrhe konnte Jesus sich erholen und aus der Narkose erwachen.»

Wahrscheinlichkeit macht die Geschichte aber noch nicht wahr.
Nein, aber die Detailliertheit und der Verzicht auf alle Übertreibungen machen seine Erzählung mehr als glaubhaft. Johannes schreibt ja nicht, dass Jesus am Kreuz einen Pleuraerguss hatte. Das wusste der Lieblingsjünger nicht. Aber das, was er beschreibt, lässt nur diesen einen Schluss zu. Denn woran hätte Jesus sonst sterben sollen? Wäre die Folter zu hart gewesen, hätte er es gar nicht bis Golgatha geschafft. Die Rippenbrüche und Wunden sind nicht tödlich. Auch die Kreuzigung ist es erst nach vielen Stunden oder Tagen. Das einzig Tödliche war der Pleuraerguss. Aber der wurde unabsichtlich durch den Lanzenstich des Römers gestoppt. Und im kühlen Grab und mit heilender Myrrhe, wie Johannes schreibt, in Leintücher gewickelt, konnte Jesus sich erholen und aus der Narkose erwachen.

Sie haben ein Buch über das Erinnern geschrieben und erklärt, dass man grundsätzlich keiner Erinnerung glauben darf. Der besagte Lieblingsjünger aber muss sich das Passionsgeschehen fünfzig Jahre lang gemerkt haben, um es dann ohne die geringste Abweichung den Autoren des Johannesevangeliums berichtet zu haben. Wie wahrscheinlich ist das?
Sehr wahrscheinlich. Möglicherweise wurde der Lieblingsjünger gar nicht so alt, dass er die Geschichte dem Autor des Evangeliums erzählen konnte. Vielleicht hat er oder ein anderer seinen Bericht schon früher fixiert, und für das Johannesevangelium griff man darauf zurück. Aber auch wenn er mündlich berichtete: Herausragende Erinnerungen, und dazu gehören gerade traumatische, die vergessen Sie nicht, die brennen sich ins Gedächtnis ein. Der Tod des Meisters, seine Qual am Kreuz vor Augen, so etwas verfolgt einen. Auch das Geräusch, wie den anderen beiden Gekreuzigten die Beine gebrochen wurden. Selbst wörtliche Rede kann man sich unter solchen Umständen lange merken. Wenn Jesus dem Jünger, der neben Maria steht, sagt: «Siehe, das ist [von nun an] deine Mutter» – wie sollte dieser so etwas einfach wieder vergessen, etwas so Einschneidendes, Berührendes?

Selbst wenn es so war – was macht Sie so sicher, dass der Bericht des Lieblingsjüngers nicht nachträglich verändert wurde?
Die Schilderung bei Johannes ist unspektakulär und passt zum Pleuraerguss. Alle anderen Kreuzigungsberichte tragen dick auf: Die Erde erbebte, die Sonne verfinsterte sich, der Vorhang des Tempels zerriss. Nichts davon bei Johannes. «Es ist vollbracht», sagte Jesus, ehe ihn die Sinne verliessen. Das ist alles sehr natürlich, glaubhaft und frei von Wundern. Warum sollte er eine nüchterne Realität erfinden? Anders als die anderen, die Unglaubliches berichten. Matthäus besonders: In der Stadt haben sich viele Tote erhoben.

«Es gibt Hinweise auf einen Messias, der nicht am Kreuz gestorben ist.»

Sie haben einmal geschrieben, als Historiker brauche man «konstruktive Fantasie». Was heisst das?
Der Ausdruck ist vielleicht missverständlich. Ich meine mit «Fantasie», was Aristoteles darunter verstand: die Fähigkeit, sich Abwesendes vor Augen zu führen. Und «konstruktiv» heisst, dass ich die Dinge so verkette, dass ich eine zusammenhängende Geschichte erzählen kann – anders geht es nicht. Sonst lässt sie sich ja gar nicht vermitteln. Die Vergangenheit ist ein für allemal weg. Aber wir als Historiker haben Mittel und Möglichkeiten, was überliefert ist, zu verknüpfen. Diese Methoden sind seit über zweihundert Jahren erprobt – und ich wende sie eben auch auf die Evangelien an.

Nun hören Sie in Ihrem Buch mit der Kreuzigung nicht auf, sondern verfolgen das Leben des nicht gestorbenen Jesus weiter – über den Jordan, nach Ägypten, Ostsyrien, auf sehr dünner Quellenlage. Warum lassen Sie Jesus nicht sterben?
Ich lasse ihn ja sterben, aber ich weiss nicht, wann und wo es passiert. Irgendwann war sein Grab dann nicht mehr leer. Ich suche, vor allem in den Texten, die nicht in die Bibel aufgenommen wurden, nach Spuren und frage, wohin es ihn verschlagen haben könnte. Und es gibt Hinweise auf das reformerische Wirken Jesu und auf einen Messias, der nicht am Kreuz gestorben ist. Bei den Nazoräern, die ins heutige Jordanien zogen, kann man das nur vermuten, von den Ebioniten, einer anderen jüdischen Sekte, haben wir ein Fragment ihres Evangeliums, in dem vom Kreuz keine Rede ist. Nichts ist wiederum überliefert von der Gruppe der Therapeuten in Ägypten, von denen einer Jesus gewesen sein könnte. Der Historiograf und Kirchenvater Eusebius schreibt aber, das seien die ersten christlichen Mönche gewesen. Sie selbst konnten sich ja noch nicht Christen nennen, denn es gab damals weder den Namen noch die Religion.

Jesus, das ist die zweite Pointe in Ihrem Buch, habe zumindest in Teilen eine unchristliche Lehre vertreten. Er musste als Häretiker gelten.
Richtig. Es gab nach Jesu Verschwinden – die Himmelfahrt hat man sich ja erst viel später ausgedacht – zwei Strömungen. Die eine folgt Paulus. Der hat Jesus zu Christus gemacht, den vorgeburtlich existenten Gottessohn, der vom Himmel herabkommt, auf Erden wirkt und gekreuzigt werden muss zur Befreiung der Gläubigen. Das ist das Christentum, wie wir es kennen. Daneben gab es aber die andere Strömung der Judenchristen, die weiter nach jüdischem Ritus leben. Bei ihnen gibt es keine Auferstehung und keine Himmelfahrt, und zu diesen Reformjuden, da bin ich mir sicher, gehörte Jesus als ihr Anführer, genau wie einige seiner Jünger, die ihn weiter begleiteten.

«Ich will nicht die Gläubigen angreifen, sondern die Überlieferung des Lebens von Jesus.»

Jesus wollte kein Religionsstifter sein – er wollte nur den jüdischen Glauben reformieren?
Alles spricht dafür. Wir haben ja den Streit zwischen beiden Seiten dokumentiert, von Paulus selbst. Um das Jahr 48 kamen er und Vertreter der Jerusalemer Urgemeinde zusammen und stritten darüber, ob das Evangelium auch an Heiden gerichtet sein soll, wie es Paulus forderte. Dessen schärfster Gegner ist Jakobus der Gerechte – vermutlich Jesu leiblicher Bruder –, der ihm widerspricht. Jakobus will nicht mit Unbeschnittenen, mit Heiden an einem Tisch sitzen. Jesu Jünger waren Juden, sein Glaube, seine Kultur waren jüdisch. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Jesus eine andere Zielgruppe im Auge hatte.

Täuscht der Eindruck, dass bei Ihnen Sympathie durchscheint für jemanden, der zum Namensgeber einer Religion gemacht wurde, die er möglicherweise gar nicht wollte?
Zu den Thesen in meinem Buch habe ich ein besonderes Verhältnis entwickelt. Sie haben mir etwas aufgeschlossen, und ich bin auch ein wenig stolz darauf. Aber Sympathie mit einem religiös Missbrauchten, nein, die habe ich deswegen nicht. Ich wollte das Buch eigentlich «Jesus, der Häretiker» nennen, aber das war dem Verlag zu krass.

In Ihrem Epilog schreiben Sie ein wenig unvermittelt: Was im Leben zählt, sei nicht die historische Aufklärung, sondern der Glaube. Was heisst das?
Die Stelle habe ich meiner Frau zu verdanken. Sie hat mich darauf hingewiesen, dass im Leben der Menschen der Glaube stärker ist als das Faktische. Bei den einen ist das ein kirchlicher Glaube, bei anderen ist es was anderes. Aber wir alle glauben an etwas, sonst sind wir haltlos. Das wollte ich damit deutlich machen: dass ich mit meiner These nicht den Gläubigen angreifen will, sondern die Überlieferung des Lebens der historischen Figur Jesus von Nazareth. Jesu Lehre, wie viel davon auch immer wirklich von ihm selbst stammt, ist völlig unangetastet von meinen Thesen.

Sie wollten nicht die Heilsgeschichte umschreiben?
Nein. Ich will niemanden von seinem Glauben abbringen. Und ich bin überzeugt: Bei allem Schrecken, den die Kirchen über die Menschheit gebracht haben, haben die Worte Jesu doch ungleich mehr Trost und Freude gestiftet.

Johannes Fried, Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus. C. H. Beck Verlag, München 2019

Am Montag, den 29. April, diskutiert Johannes Fried seine Thesen mit dem Theologieprofessor Ralph Kunz im St. Anna Forum, St. Annagasse 11, Zürich. Beginn 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

Erstellt: 21.04.2019, 15:01 Uhr

Artikel zum Thema

Übers Wasser wie einst Jesus

Ein Filmteam hat Christo bei seinem Projekt «Floating Piers» begleitet. Besonders sympathisch wirkt der Künstler nicht. Mehr...

«Wir brauchen Jesus nicht, wir haben Donald»

Video Als US-Präsident Trump in Alabama Betroffene eines Tornados besucht, schüttelt er Hände, macht Fotos und signiert Bibeln. Mehr...

Jesus und die Mafia

Kolumne In Italien werden Flüchtlinge illegalisiert, kaum sind sie eingetroffen. So werden sie für den von der Mafia kontrollierten Markt verfügbar gemacht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Flucht ins Bargeld gibt Rätsel auf

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Grosstransport: Ein vietnamesischer Mann befördert eine Vielzahl an Gütern mit seinem Motorrad durch die Stadt Hanoi. (22. Juli 2019)
(Bild: Minh Hoang / EPA) Mehr...