Verblüffend genaue Exxon-Grafik – das steckt dahinter

Eine im Internet veröffentlichte Kurve zeigt, wie exakt Forscher des US-Erdölmultis in den 80er-Jahren die Erderwärmung voraussagten.

Grafik aus einem Dokument des Exxon-Umweltprogramms 1982
an das Management: Sie zeigt den Verlauf der CO<sub>2</sub>-Konzentration und der Temperatur bis 2080. Foto: Inside Climate

Grafik aus einem Dokument des Exxon-Umweltprogramms 1982 an das Management: Sie zeigt den Verlauf der CO2-Konzentration und der Temperatur bis 2080. Foto: Inside Climate

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Manche Entwicklungen in der Vergangenheit haben Empörungspotenzial bis in die Gegenwart. So kursiert derzeit eine Grafik aus dem Jahr 1982 auf Twitter, die den Anstieg des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre bis zum Ende des 21. Jahrhunderts darstellt. Erstaunlich ist dabei: Die abgebildete CO2-Konzentration für das Jahr 2019 entspricht in etwa dem Wert, den vor wenigen Tagen die US-Behörde für Ozean- und Atmosphärenforschung (NOAA) für den 5. Mai 2019 veröffentlichte: 414 Moleküle pro Million Luftteilchen, kurz ppm., gemessen an der Messstation auf dem hawaiischen Vulkan Mauna Loa.

Auch die Temperaturkurve ist überraschend. Sie zeigt für 2019 eine Erwärmung um etwa 0,9 Grad gegenüber 1960. Die globale Erderwärmung beträgt gemäss den jüngsten Messdaten gegenüber der vorindustriellen Zeit knapp 1 Grad. Verblüffend an der Darstellung ist jedoch nicht nur das Erscheinungsdatum, sondern auch der Urheber: Es ist der Erdölmulti Exxon.

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Die Grafik aus dem Jahr 1982 stammt aus einem Dokument, das eindeutig belegt, dass die Führung von Exxon damals bereits detailliert Bescheid wusste über die gefährlichen Veränderungen des globalen Klimas durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Die Geschichte von Exxon ist vergleichbar mit den Vertuschungen der Tabakindustrie.

Der Verfasser des Papiers, Marvin Glaser, Manager des Umweltprogramms von Exxon, schreibt unter anderem zur zunehmenden CO2-Konzentration: «Die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Abholzung tropischer Wälder haben vermutlich den grössten Anteil daran.» Damals lag die Konzentration bei 340 ppm. Die Exxon-Forscher erwarteten nach ihren Modellen eine globale Erderwärmung zwischen 1,3 und 3,1 Grad bis 2090, wenn sich die Konzentration verdoppelte. Ihre Abschätzung des CO2-Verlaufs ist ähnlich wie die Modelldaten der Klimaforscher zwanzig Jahre später, im dritten Bericht des Weltklimarates 2001.

Innovative Klimaforschung

Es war die US-Newsplattform «Inside Climate», die dieses Dokument und zahlreiche andere 2015 ans Licht brachte. Die Journalisten interviewten ehemalige Exxon-Arbeiter, Wissenschaftler und Offizielle von Behörden, sie studierten Hunderte Seiten interner Exxon-Dokumente und Tausende Dokumente, die in Archiven verschiedener Universitäten liegen. Viele Papiere wurden zwischen 1977 und 1986 geschrieben. In dieser Periode investierte der Konzern viel Zeit und Geld in «innovative» Klimaforschungsprogramme.

Eine Tankstelle in der texanischen Ortschaft Keller: Der amerikanische Mineralölkonzern Exxon wusste schon früh um die Umweltschädlichkeit seines Geschäfts. Foto: Donna McWilliam (AP, Keystone)

Das Wissen über die Erderwärmung der Exxon-Wissenschaftler überrascht Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich, nicht. «Die physikalischen Grundlagen waren damals klar, erste Modelle zur Klimaentwicklung existierten bereits.» Die Physik des Treibhauseffektes ist seit 150 Jahren bekannt, Beobachtungen gibt es seit über 100 Jahren. «Und seit 50 Jahren wissen wir, dass wir ein Klimaproblem haben», sagt Knutti. Der Exxon-Bericht 1982 verweist laut Knutti auf alle relevante Literatur zum Thema Klimawandel in dieser Zeit. Die exakte Übereinstimmung der vorausgesagten Werte vor 37 Jahren mit den aktuellen Messdaten ist allerdings zufällig. Der Grund: Voraussagen über den globalen Ausstoss von CO2 sind sehr unsicher. Deshalb verwenden die Klimaforscher seit langem für ihre Zukunftsmodelle Szenarien, welche verschiedene politische und technische Entwicklungen vorgeben. Weiter gibt es auch heute noch quantitative Unsicherheiten im Verständnis des Klimasystems. Die Klimawissenschaftler wissen nicht exakt, wie viel Kohlendioxid die Vegetation und die Meere speichern können. «Die totale Unsicherheit bei Voraussagen der CO2-Konzentration über 40 Jahre liegt heute etwa bei mindestens plus/minus 20 ppm», sagt Knutti.

Auch die beeindruckend genaue Schätzung der Temperatur der Exxon-Wissenschaftler ist zufällig. Die Erderwärmung führt im komplizierten globalen Klimasystem zu Veränderungen, die Folgen haben zum Beispiel auf die Zirkulation der Luftmassen und Meeresströmungen, was wiederum die kurzfristige globale Temperaturentwicklung beeinflusst. Diese Rückkopplungen führen zu teilweise starken kurzfristigen Klimaschwankungen. Die Forscher können deshalb nur mit Unsicherheiten abschätzen, wie empfindlich das Klimasystem auf erhöhte Tempera­turen reagiert. «Voraussagen über 40 Jahre haben deshalb eine Unsicherheit von plus/minus 0,5 Grad», sagt Reto Knutti.

Fatale Kehrtwendung

Die Exxon-Wissenschaftler geben in ihrer bemerkenswerten Grafik keine Unsicherheiten an, diskutieren sie aber im Bericht, und identifizieren Wissenslücken, die noch vorhanden sind – wie zum Beispiel die Rolle des Meeres. Auch die möglichen Folgen sind Thema. So schreibt Marvin Glaser, Chef des Exxon-Umweltprogramms, zum Szenario 3-Grad-Erwärmung: «Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zu schädlichen Wirkungen kommen könnte, etwa Sturmfluten an den Küsten durch die Erhöhung des Meeresspiegels, ausgelöst durch die Abschmelzung des antarktischen Eises.»

Die Führung des Exxon-Konzerns nahm die Resultate ihrer Wissenschaftler durchaus ernst. Sie liessen sogar Veröffent­lichungen der Resultate in anerkannten wissenschaftlichen Magazinen zu. Andererseits fürchteten sie, so zeigen die Recherchen von «Inside Climate», um ihr Geschäftsmodell. Sie warnten davor, die Aktio­näre über die gefährliche Rolle des Erdöls für das globale Klima zu informieren, solange noch Unsicherheiten über den Einfluss des Menschen bestünden.

Die Haltung der Konzernführung kehrte dann aber vollends, als Mitte der 80er-Jahre allmählich der Klimawandel auch in der Öffentlichkeit und der Politik zum Thema wurde. Exxon war 1989 Mitbegründer der Global Cli­mate Coalition, einer Vereinigung, der auch Shell, BP und Texaco sowie Autohersteller wie Ford und DaimlerChrysler angehörten. Sie war die Reaktion auf den Weltklimarat IPCC, der 1988 von der UNO ins Leben gerufen wurde. Ziel der Coalition war, Zweifel an den Resultaten der Klimaforscher zu säen. 2002 wurde sie aufgelöst, weil die Mitglieder überzeugt waren, dass die Regierung von George W. Bush ihre Ziele verfolgt. Mit dem heutigen Präsidenten Donald Trump hat die Erdölindustrie wieder einen Verbündeten, obwohl es inzwischen unumstritten ist, dass der Mensch Hauptverursacher des Klimawandels ist.

Erstellt: 17.05.2019, 10:16 Uhr

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