Ausstellung

Zeppelin war auch ein Schweizer

Ohne seine Schweizer Verwandtschaft und das Geld seiner Frau wäre Graf von Zeppelin nie so berühmt geworden. Eine Ausstellung in Konstanz präsentiert die Familiengeschichte des Luftschiffpioniers.

Der Pionier mit Frau «Bella» (Fenster), unten sein Vater (mit Hut), Bruder Eberhard (links) und Schwester Eugenie (Mitte).

Der Pionier mit Frau «Bella» (Fenster), unten sein Vater (mit Hut), Bruder Eberhard (links) und Schwester Eugenie (Mitte). Bild: PD

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«Ob Fräulein von Wolff etwas von mir wissen will oder nicht, davon habe ich keine Ahnung. Aber es kommt mir so vor, wie wenn ich sie bald einmal fragen möchte.» So schrieb der scheue Ferdinand von Zeppelin 1868 etwas ungelenk an seinen Bruder Eberhard, der bereits mit der Schwester des Fräulein Wolff verheiratet war und beste Erfahrungen gemacht hatte. Was «Ferdi», wie der Graf in jungen Jahren genannt wurde, bei der Liebesheirat mit der livländischen Baronesse noch nicht wusste: dass sein grosses Projekt, das er rund 20 Jahre später steigen lassen sollte, nur möglich wurde mit dem immensen Vermögen seiner Frau.

Mit Isabella von Wolff hatte der 31-jährige Kavallerieoffizier aus Konstanz nicht nur die Gefährtin seines Lebens gefunden, sondern zugleich eine phänomenale Partie gemacht. «Bella» wurde Erbin eines riesigen Vermögens, zu dem mehrere Schlösser bei Riga und sagenhafte 70 000 Hektar Bauernland gehörten. 400 000 Goldmark aus der Privatschatulle sorgten ab 1890 dafür, dass silbern glänzende «Zigarren» in den Himmel über dem Bodensee und später über ganz Deutschland aufstiegen

Ein Schloss zu Weihnachten

Allerdings waren die ersten Versuche des Grafen, milde ausgedrückt, rumpelig. Das abenteuerliche Fluggerät krachte ebenso oft in den Acker, wie es einige Meter weit flog, und Bella kränkelte und litt in dieser Zeit an Depressionen, die sie mit Homöopathie zu beheben versuchte, allerdings ohne grossen Erfolg. Verwundern muss einen diese Verstimmung nicht. Da sitzt ein 53-jähriger frühpensionierter, frustrierter Berufsoffizier – Zeppelin wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen, weil er sich als Süddeutscher negativ über Preussens Militärführung ausgelassen hatte – und sucht nach neuen Betätigungen. Kommt dabei aber nicht etwa aufs Schachspielen oder Gartenplanung, sondern auf die abstruse Idee, ein Luftschiff zu bauen – noch dazu mit dem Geld der Frau.

Den Unternehmergeist muss Ferdinand von Zeppelin von seiner Schweizer Mutter Amélie geerbt haben. Sie stammte aus der reichen Kaufmanns- und Bankiersfamilie Macaire, die in Genf ansässig war, dann aber an den Bodensee nach Konstanz in ein altes Benediktinerkloster zog, wo am 8. Juli 1838 auch Ferdinand geboren wurde. Das ehemalige Kloster existiert noch heute – als nobles Steigenberger Inselhotel. Die Macaires hatten sich im damaligen Billiglohnland Deutschland niedergelassen, um eine Textilfabrik und Indiennes-Baumwollfärberei aufzuziehen, und sie besassen durch ihr Bankgeschäft hochrangige Kontakte bis ins Haus Bonaparte.

Wieder auf den Girsberg zurück

Vater David Macaire schaute also grosszügig darüber hinweg, dass Bräutigam Friedrich, Ferdinand von Zeppelins Vater, kein Vermögen in die Ehe brachte, dafür aber gute Kontakte zum deutschen Adel. Im 19. Jahrhundert ein unschätzbarer Pluspunkt, wenn es darum ging, die Töchter gut zu verheiraten und die Söhne in Erfolg versprechende Positionen zu bringen. Friedrich alias «Fritz» war Hofmarschall im winzigen Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen, ein schwäbischer Hofbeamter und Schöngeist, der es bald einmal leid war, der Küchenmannschaft mitzuteilen, in welchen Gemächern den hohen Herrschaften welche Speisen gereicht werden sollten, oder die Arrangements für Abendveranstaltungen zu organisieren. Das war auf Dauer nicht abendfüllend.

Doch auch aus Konstanz, wo im umgenutzten Kloster die Bottiche der Färberei vor sich hin köchelten, kamen Signale der Langeweile. Patron David Macaire schrieb, die Mahlzeiten mit seinem Sohn Moritz seien zuweilen so wenig lebhaft, dass eine «bei der Suppe gefallene Bemerkung erst beim Dessert oder nach dem Obst» beantwortet werde. David Macaire konnte einen Mitarbeiter aus dem Familienkreis gut gebrauchen, denn das Textilgeschäft florierte – die Indienne-Stoffe mit den exotischen Mustern waren in der besseren Gesellschaft absolut en vogue. Doch Fritz hielt auf Dauer nichts von kochenden Bleichkesseln, schuftenden Frauen und Kindern, die aus den Waisenhäusern in die Fabriken gesteckt wurden. Worauf Schwiegervater David dem Paar – Ferdinand war damals zwei Jahre alt – zum Weihnachtsfest 1840 die Eigentumsurkunde für das im nahen schweizerischen Kreuzlingen gelegene Landschloss Girsberg an den Weihnachtsbaum heftete. Girsberg sollte für viele Jahre der Familiensitz der von Zeppelins werden und auch Ferdinand zog es später immer wieder auf den Girsberg zurück.

«Luftschiff, marsch!»

Wer sich für solche Dinge interessiert, für die Weichteile der zeppelinschen Familiengeschichte gewissermassen, und nicht für die Technik von Luftschiffen (mit der sich die aktuelle Ausstellung in Friedrichshafen befasst), sollte unbedingt nach Konstanz fahren und diese kleine, feine Kabinettausstellung anschauen, die der umtriebige Direktor Tobias Engel zusammengestellt hat. Ein Jahr lang hat er die zahlreichen Schlösser der verzweigten Adelsfamilie durchforstet, unter Zustimmung der Familie Sekretäre und Kommoden geöffnet und dabei so einige Schätze gehoben. «Da ­lagen zum Teil ungelesene, fein ge­bündelte Briefe in Schubladen – unglaublich», sagt Engelsing. Vor allem der private Nachlass von Eberhard von ­Zeppelin, dem jüngeren Bruder Ferdinands, war bis jetzt nicht archiviert.

So sind in Konstanz viele Erinnerungsstücke, Kunstwerke und Kuriosa zu sehen. Etwa das zeppelinsche Kommandorohr, mit dem Ferdinand seinen Luftschiffen zum Aufsteigen den Befehl gab: «Luftschiff, marsch!». Später wurden mit dem Trichter aus Alu die Nachfahren im weitläu­figen Schloss von der Köchin zusammengetrommelt: «Essen ist fertig!» Ausgestellt ist auch das weisse, gehäkelte Taufkäppli von «Ferdi». Weiss wie die spätere Mütze, die Zeppelin stets trug, wenn er in Aktion trat. Sie war absolut keine nautische Notwendigkeit, an seiner ­Mythosbildung aber stark beteiligt. Auf welchem Stoppelfeld Zeppelin seine ­Riesenzigarre auch hochsteigen liess, immer war er an seiner weissen Mütze sofort zu erkennen. Eine frühe Form von medialer Selbstinszenierung.

Die Probleme des Pioniers

Die liebenswürdigen und kuriosen Seiten der Geschichtsfigur stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, seine Jugendjahre auf Schloss Girsberg im Thurgau, wo er mit seinen Geschwistern Eugenie und Eberhard von einem protestan­tischen Hauslehrer acht Stunden täglich auf gymnasiales Niveau gedrillt wurde, Fleiss und Gottesfürchtigkeit lernte. Der Wertekanon mit Tugenden wie Pflicht und Arbeit wurde damals im kleinen Ferdinand angelegt. Seine Lieblingsschwester Eugenie, die grosse Briefeschreiberin und Nervensäge der Familie, war der Mittelpunkt auf Schloss ­Girsberg – sie wusste alles besser, gab aber auch Zuspruch, wenn sich depressive Dellen im Familienalltag bemerkbar machten oder das Geld mal wieder knapp wurde. Schon als Kind schrieb sie eine Hauszeitung, genannt «Lust-Zeitung» – heute wäre sie vermutlich ­Journalistin. Die ländliche Schlossidylle erfuhr einen jähen Bruch, als Mutter Amélie im Alter von nur 36  Jahren an ­Tuberkulose starb.

Beim Rundgang wird deutlich, welche Willenskraft der nach aussen väterlich erscheinende Graf hatte – mit seinem Zeppelinprojekt wollte er die Schmach seiner unehrenhaften Entlassung wiedergutmachen. Als junger Offizier in württembergischen Diensten hatte er während eines Aufenthalts in Amerika im Sezessionskrieg Ballone bei Aufklärungsflügen begleiten dürfen, seitdem liess ihn die Idee eines lenk­baren Luftschiffs nicht mehr los. Immer und immer wieder versuchte er sein Glück am Himmel, holte die besten Konstrukteure für seine verrückte Idee, bis sie letztlich Früchte trug. Die grosse Ära der Passagierflüge – ab 1931 gab es regelmässige Fahrten zwischen Friedrichshafen und Rio de Janeiro – hat er längst nicht mehr erlebt, von Zeppelin starb 1917 mit 78 Jahren in Berlin.

Die problematischen Seiten des Luftfahrtpioniers bleiben zu seinem 175. Geburtstag für einmal aussen vor. Dass Zeppelin zum Beispiel ein aggressiver Propagandist war, der ganz England am liebsten unter den Bomben seiner kriegerischen Luftschiffe versenkt hätte. Dass er sein Geld dank der Rüstung ­verdiente und die Nazis den Zeppelin später zu Propagandazwecken nutzten. Nach heutiger Quellenkenntnis hat sich die Familie stets bemüht, zum NS-­Regime eine gewisse Distanz zu halten. Ein Hinweis darauf ist der Nachlass von Hella, der einzigen Tochter Ferdinand von Zeppelins. In einer Schublade fand man einen kleinen, gefalteten Spick­zettel mit dem handgeschriebenen ­Refrain des Horst-Wessel-Liedes. Ent­weder konnte oder wollte sich Hella den Text nicht merken.

Bis 29. Dezember.
Zur Ausstellung ist ein reich bebildertes Buch erschienen, Preis 19 Franken.
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2013, 08:27 Uhr

Stammbaum der Zeppelins: Zum Vergrössen auf das Bild klicken. (Bild: TA-Grafik)

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